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Bartender-Kolumne | Gossip aus dem Nachleben oder dieses Mal: In rotem Lack| Mixology — Magazin für Barkultur

Kneip(p)en: Vodka, Schnee und Bar Stories

Willkommen zurück bei unserer Bartender Kolumne mit neuen Bar Stories! Hier sammeln wir Skurriles und Sonderbares aus dem schattigen Dasein der Bartender – und ihrer Gäste. Dieses Mal in Neukölln, einem Ort mit vielen Klischees… und oft erstaunlich wenig Kleidung.

Kein Glotzen und kein Baggern

Es ist also gut gefüllt in jener Neuköllner Bar bei Winternacht, nur einige Plätze am Tresen sind noch frei, als plötzlich die Tür aufgeht und hinter dem Vorhang vier Menschen den Raum betreten, zwei Männer und zwei Frauen, barbusig.
Etwas konsterniert, der bloßen Kälte wegen und der Tatsache, dass andere Menschen um diese Jahreszeit mit Fleece gefütterter Steppjacke die Bar betreten, lugt unser Bartender also hinter der Bar hervor, um festzustellen, dass es sich keinesfalls um eine reine “Obenrum-Angelegenheit“ handelt. “Es war wirklich arschkalt draußen, und diese vier Leute hatten nichts an, gar nichts, nicht einmal Schuhe. Draußen lag Schnee!”

Und wer nun eben jene Neuköllner Winter kennt, der weiß auch, dass unter Schneedecken allerhand zu finden ist. Scherben vor allem, aber auch denkbar andere Entitäten, auf die man nicht gern tritt. In den Sommern ist man durchaus daran gewöhnt, dass die Menschen hier wenig Stoff tragen. Weil die sich nach besagten Wintern so unglaublich freuen und sich vor lauter Freude die Dinge vom Leib reißen. Im Winter gibt es dazu wenig Grund. “Drogen?,” hat sich unser Bartender daher gefragt. Dafür seien die vier Freunde allerdings schlichtweg zu friedlich und entspannt gewesen. Sie kamen an die Bar, haben eine Runde Vodka bestellt und getrunken. Grundsätzlich habe unser Bartender gegen den, wie sich bald herausstellen sollte, schwedischen Trupp natürlich nichts einzuwenden gehabt. Und dass sich die Nackedeis nicht auf die Barhocker gesetzt haben, das hat ihm auch gefallen.

» Das schönste daran war, dass sich wirklich kein Mensch um die FKK-Gruppe aus dem Sauna-Land Nummer eins gekümmert hat. Keiner hat geglotzt oder gebaggert; und nach einem kurzen Aufblicken haben sich die Gäste wieder ihren Drinks gewidmet. Neukölln halt. «

Doch anders als anderswo

Dass die vier Freunde es mit dem Nacktsein so richtig ernst meinen, hat man unter anderem daran gemerkt, dass keiner eine Tasche bei sich trug. “Einer der beiden Jungs zog seinen Schein zum Bezahlen dann hinter dem Ohr hervor. Wie bei einem Zaubertrick!” Gestört hätten die freizügigen Gäste keinesfalls, auch die restlichen Gäste nicht. Schließlich wurde denen auch noch eine Runde Vodka ausgegeben, bevor die Schweden-Crew die Bar wieder verließ.
Nach einer halben Stunde allerdings, kamen die Vier wieder.Diesmal angezogen. “Das wiederum warf dann schon Fragen auf. Wo man sich doch schon so gewöhnt hatte.” Auf Nachfrage haben wir dann erfahren, dass wir es mit vier Verlierern einer Wette zu tun hatten.“ An die Wette selbst kann sich unser Bartender leider nicht mehr erinnern. Ein stichhaltiger Wetteinsatz jedenfalls, da hat jemand mit Überzeugung gewettet; oder besitzt einen fortgeschrittenen Zugang zu Scham- und Kältegefühlen. Respektabel, in beiden Fällen.
“Das ist eine Geschichte, die mir deswegen so im Gedächtnis geblieben ist, weil sie meines Erachtens unglaublich für Berlin, im Speziellen aber für Neukölln spricht.” Clans und Gentrifizierung hin oder her, Neukölln hat gewiss nicht nur flauschige Erscheinungsformen. Und doch ist es ein Ort, an dem jeder ein klein wenig mehr anders sein kann als die anderen und anderswo.

» Das ist eine Geschichte, die mir deswegen so im Gedächtnis geblieben ist, weil sie meines Erachtens unglaublich für Berlin, im Speziellen aber für Neukölln spricht. «

*Namen von der Redaktion geändert

Solltet ihr, liebe Bartender, auch eine schöne oder aufwühlende, verstörende oder schlichtweg unvergessliche Geschichte zu erzählen haben, die ihr einmal mehr mit der Welt teilen möchtet, meldet euch gerne. Ihr bleibt in dieser Kolumne anonym – und eure Geschichten unsterblich.

Credits

Foto: Illustration by Editienne

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