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Brüssel: Cocktails zwischen Atomium und EU

Schaltzentrale europäischer Bürokratie und Hort westlicher Tradition. Zwischen nackten Bronzekindern und altehrwürdigen Mauern atmet eine vitale Nachtlandschaft. Für Bars gibt es keine EU-Vorschriften. Doch kann Brüssel mithalten? Ein Bericht von Marianne J. Strauss.

Brüssel, die Stadt der blauen Flaggen. Nabel der Europäischen Union, Sitz der NATO und dennoch irgendwie unter „ferner liefen“ abgespeichert. Ob hier neben viel Schlips und steinerner Gotik auch ein paar ordentliche Trinkinstitutionen zu finden sind, haben wir uns gefragt, und uns aufgemacht in die belgische Hauptstadt.

Der Hort belgischer Brautradition

Unsere Tour startet an einem sonnigen Nachmittag im UNESCO-geschützten Herzen von Brüssel am Grote Markt, einem unfassbaren Platz, dessen barocke Pracht uns den Atem nimmt. Allein am Turm des Rathauses können wir uns nicht satt sehen. Ihm gegenüber liegen die Gildehäuser, viele noch mit ihrem original erhaltenen Wappen. Unter dem Zeichen des Goldenen Baums haben hier einst die berühmten Braumeister von Brüssel getagt. Heute befindet sich hinter der reich verzierten Fassade das städtische Braumuseum.

Gebräu in alten Gemäuern

Durch bunt gemixte Reisegruppen hindurch drängeln wir uns weiter in eine kleine Nebengasse, wo wir anhand der Menschenmassen die nächste Sehenswürdigkeit vermuten. Und tatsächlich, hier steht es und pinkelt gutgelaunt in einen Brunnen: Manneken Pis. Das meistfotografierte nackte Männlein der Welt. Der Selfie-Stick ist allgegenwärtig, und wer sich umdreht, um das Erinnerungsbild mit Manneken zu knipsen, der blickt automatisch auf den nicht weniger berühmten Poechenellekelder. Hinein! Auf der Karte stehen neben etwa 25 dunklen und 15 hellen Suden auch spannende Trappistenbiere wie das Vieil Orval, das über sechs Monate gereift ist. Wir sind in Belgien, also ist ein Gueuze erste Besucherpflicht. Die Wahl fällt auf ein Mort Subite mit moderaten 6% und auf ein Oude Girardin mit stärkeren 8%. Der Nachbartisch hat sich gerade die Jeroboam-Flasche St Feuillien Triple bestellt. Entgegen unserer Vermutung wird die historische Bierbar vor allem von Einheimischen besucht, wie Eigentümer Michel De Triest in breitem Französisch erzählt. „Besonders gern kommen meine Jungs, wenn ich ein neues Bier des Monats vorstelle“.

Poechenellekelder, Eikstraat 5 Rue du Chene

Delirium und Biertourismus

Dem Delirium Café eilt nicht nur sein berüchtigter Ruf voraus, sondern uns auch eine ganze, bereits leicht schwankende Kompanie frisch gebackener Abiturienten entgegen. Das Kopfsteinpflaster der Altstadt macht die Anreise nicht gerade einfacher. Als „The Place to Beer“ tituliert sich die Bar, die wahnsinnige 2400 Biere in ihrem Sortiment führt. Und schon taucht das Schild mit dem rosa Elefanten auf – das denkbar charmanteste Sinnbild für das Delirium, das ein paar der Handvoll Besucher bereits im Würgegriff hat. Die Bardecke geschmückt mit Biertabletts aus aller Welt, historische Bierwerbeplakate an der Wand. Mit zwei frisch ins Sortiment aufgenommenen Bieren machen wir alles richtig. Das L’Arogante der De Proef Brouwerij ist ein belgisches IPA mit 7,2%, dessen extrabitterer Hopfen perfekt mit dem weichen Hefegeschmack harmoniert. Als zweites Bier kosten wir das Hommelbier Nieuwe Oogst der Brouwerij Van Eecke mit einer Schaumkrone fast zum Schneiden, das hopfiger schmeckt als es die Nase vermuten lässt. Besonders lang bleiben wir hier aber nicht – der Abend ist noch jung und die Bar mehr Delirium als Café.

Delirium Café, Getrouwheidsgang 4A Impasse de la Fidelite

Wie eigentlich alles ist auch das Music Village in Gehweite. Denn auch unsere Ohren haben Lust auf Köstliches und man munkelt, hier gebe es feinsten Jazz. Für faire 10€ sind wir drin. In historischen Mauern aus dem 17. Jahrhundert fährt die Bar ein beeindruckendes Jazzprogramm auf: Internationale Stars wie lokale Künstler bespielen die Bühne live bei 250 Konzerten im Jahr. Heute erleben wir ein Brüsseler Trio, das jammt, als gebe es kein Morgen. Der Service ist trotz laufendem Konzert sehr schnell und der einfache Bombay Tonic fix auf dem Tisch, den wir zum Glück — auch ohne die empfohlene Reservierung — nah der Bühne ergattern konnten. In der zweiten atemlosen Pause überlassen wir unsere zwei wertvollen Sitzplätze dem Kampf der Umstehenden und wollen jetzt mehr im Glas.

Music Village, Steenstraat 50 Rue des Pierres

Schnaps und Amour hinter türkisen Türen

Das L‘Archiduc gilt als beliebte Künstlerbar, hier sollen Cocktail- wie Notenpartituren elegant gespielt werden — wir sind gespannt. Schräg gegenüber der Börse sticht die türkise Fassade der Bar schon von weitem ins Auge. Die Bar ist bereits gut gefüllt und wir drängeln uns an den Tresen. Das aufmerksame Team mixt schnell und routiniert, lockere Sprüche gibt’s obendrauf. Mit einem gelungenen Pisco Sour, vielleicht ein paar Tropfen Angostura zuviel, und dem weniger überzeugenden, da extrem grapefruitlastigen Signature Cocktail „Maigret“ (Hendrick#s Gin, 1 Dash smoked Whiskey, Zitronensaft und Grapefruitsirup) schauen wir uns in der schlichten Art-Deco-Bar näher um. Der Pianoplayer ist hoffentlich nicht erschossen, jedenfalls noch nicht anwesend, dafür viele Brüsseler in den Vierzigern. Auf Französisch wird lebhaft diskutiert und hier und da gekuschelt, was hier Tradition ist: Das 1937 eröffnete L’Archiduc war lange erste Adresse für Börsenleute und ihre Gespielinnen, die hier diskret in kleinen Holzkabinen heimliche Küsse austauschten. Heute sind die Kabinen verschwunden, doch an den originalen Bänken sind ein paar Zentimeter der alten Holzwände noch immer zu sehen. Nicht umsonst steht das große eiserne „A“ an der Tür — neben Archiduc — auch für Amour.

L‘Archiduc, Antoine Dansaertstraat 6 Rue Antoine Dansaert

Einmal quer über die Straße und dann links liegt das Roskam, das uns wegen seines guten Gin-Angebots empfohlen wurde. Von der kleinen Fassade getäuscht überrascht uns die Größe der Bar, die sich wie ein Schlauch nach hinten zieht. Tatsächlich stehen hier auch ausgefallene Gins im Backboard, und wir entscheiden uns für je einen Gin & Tonic mit Colombian Gin und Bietsee Gin. Wir vergeben ein doppeltes Sternchen, plaudern mit den so gar nicht gefährlichen Securityjungs und schnappen uns dann ein Taxi.

Roskam, Vlaamsesteenweg 9 Rue de Flandre

Noch mehr nackte Männlein

Raus geht’s aus der Innenstadt nach Ixelles, dem jungen Brüsseler Viertel rund um die teure Avenue Louise. Hier suchen wir nach dem La Touche d’Ivoire, das auch zu vorgerückter Stunde noch gut gefüllt sein soll und sich als kleine Berühmtheit unter den Brüsseler Divebars etabliert hat. In der hübschen Rue Américaine werden wir fündig, und anders als der gestelzte Name der Bar vermuten lässt, werden wir von lautem Rock’n’Roll und jeder Menge gut gelaunter Brüsseler empfangen. Im Rückbuffet stehen ein paar Kostbarkeiten, und — oh Freude! — hier darf geraucht werden. Wer Glück hat, trifft im „Touche“ eine weitere Brüsseler Sehenswürdigkeit: Jérôme Naturel, so nennt sich der Herr, der grundsätzlich kleidungsfrei ausgeht und maximal eine schwarze Bauchtasche um die ungeschürzten Hüften geschnallt hat. Er kommt nicht. Auch okay. Unser Bedarf an nackten Männlein ist für heute sowieso gedeckt.

La Touche d’Ivoire, Amerikaansestraat 121 Rue Américaine

Credits

Foto: Brüssel via Shutterstock

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