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Midnight in Paris. Oder: Der Bee’s Knees

Der Bee’s Knees Cocktail aus Gin, Zitrone und Honig ist so simpel wie köstlich. Zur spannenden Angelegenheit wird er durch seine schillernde Entstehungsgeschichte. Vermutete man ihn lange als Kind der Prohibition, wurde dieses Bild inzwischen revidiert. Stattdessen landen wir im Paris der Goldenen Zwanziger. Und sogar die Titanic kommt drin vor.

Man muss definitiv zustimmen, dass die Vermutung nahe liegt: Der Bee’s Knees Cocktail habe seine Wurzeln in der US-Prohibition. So schrieben es unterschiedliche Quellen, und auch etwa der Barbücher schreibende Anwalt-Bohemien (und niemals als Bartender tätige) David A. Embury merkt diesen Ursprung in seinem epochalen The Fine Art of Mixing Drinks an.

Nahe liegt dieser Gedanke allein aufgrund der historischen Grundidee fast aller gemischten Drinks – die Trinkbarmachung von Ungenießbarem durch Verdünnung, Süße und Gewürze. Während des Alkoholverbots in den USA wurde genau das abermals zum wichtigsten Kriterium, denn die geschmuggelten oder illegal gebrannten Schnäpse dürften teils derart verheerend geschmeckt haben, dass unser heutiger Gaumen es sich kaum ausmalen kann.

Bee's Knees

Zutaten

6-7 cl London Dry Gin
2 cl frischer Zitronensaft
1,5 cl Runny Honey (2:1)

Der Weg des Bee’s Knees zum Cocktail

Insofern soll gar nicht in Abrede gestellt werden, dass sicherlich irgendwann zwischen 1919 und 1929 jemand in Amerika einen haarsträubend schlechten Gin mit Honig und vielleicht auch Zitrone gestreckt hat. Wahrscheinlich sogar ziemlich oft. Auf derlei Mutmaßungen muss man sich in der historischen Rekonstruktion von Trinksitten häufig verlassen.

Aber das ist noch kein Bee’s Knees Cocktail.

Zum wirklichen Cocktail – einerseits im Sinne seiner Proportionen, andererseits auch aus Sicht der Verschriftlichung – wurde der Bee’s Knees im Paris der späten 1920er Jahre. Das verwundert nicht, denn genau zu jener Zeit erreichte die französische Hauptstadt mehr oder minder ihren Zenit als kulturelles Zentrum der westlichen Welt, durchaus teilweise aufgrund der vielen amerikanischen Intellektuellen und Künstler, die vor der Prohibition an die Seine geflohen waren.

Der Bee’s Knees: doch keine amerikanische Sache

Lange galten zwei Bücher aus dem Jahr 1930 als erste nachweisbare Quellen des Bee’s Knees Cocktail: Bill Boothbys World Drinks (in der 1934er-Version online einsehbar) und Dexter Masons The Art of Drinking (bei ihm heißt der Cocktail „Honey Dew“). Sowohl Mason als auch Boothby nennen keinen Urheber des Drinks, beide Bücher sind jedoch in den USA erschienen, was die Vermutung des dortigen Ursprungs nachvollziehbar macht.

Eine neue Sicht auf die Herkunft des Drinks brachte das Autoren-Duo Anistatia Miller und Jared Brown hervor, außerdem der deutsche Cocktailhistoriker, Blogger und MIXOLOGY-Autor Armin Zimmermann. Er machte die Ersterwähnung des Bee’s Knees nämlich nicht mehr in den USA der 30er aus, sondern im anonym veröffentlichten französischen Cocktailbuch Cocktails de Paris von 1929 – und zwar samt einer ausdrücklichen Zuschreibung an den berühmten Ritz-Bartender Frank Meier aus Paris. Brown und Miller wiederum verwiesen vor einigen Jahren auf einen amerikanischen Zeitungsartikel von ebenfalls 1929, in dem der Drink mit Paris und einer gewissen Margaret Brown in Verbindung gebracht wird – auch bekannt als unsinkable Molly Brown.

Zwei Granden der Pariser Gesellschaft

Molly Brown und Frank Meier also. Gut möglich, dass die zwei sich gekannt haben, denn beide gehörten zum Kern der guten Pariser Society. Meier war in seiner Funktion als Barchef im Hotel Ritz bekanntlich ohnehin ein Dreh- und Angelpunkt des gesellschaftlichen Lebens (auch noch während der Nazi-Besetzung). Die Milliardärswitwe Brown – die ihren Beinamen The unsinkable der Tatsache verdankte, dass sie den Untergang der Titanic überlebt hatte – entwickelte sich in den ersten zwei Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts zu einer der schillerndsten Gesellschaftsdamen, trat aber auch als Philanthropin sowie politische Aktivistin für Frieden und Frauenrechte auf beiden Seiten des Atlantiks in Erscheinung. Ihr liebster Aufenthaltsort in Europa? Kann man sich denken.

Ein Bee’s Knees Cocktail zur Midnight in Paris? Denkbar!

Es scheint also nur sehr schwer vorstellbar, dass die resolute, feierfreudige Dame, die sich auch als Schauspielerin versuchte, nicht ab und an ein Gläschen bei Meier im ersten Haus am Platz getrunken hat. Laut Anistatia Miller und Jared Brown (keine Verwandtschaft mit Molly) wurde der Bee’s Knees bei von Molly Brown veranstalteten Feiern in Denver (ihr Heimatort in den USA) und Paris serviert. Das scheint gut möglich. Doch ebenso möglich ist es freilich, dass sie den Drink zuvor von Meier „mitgenommen“ hatte. Es bleibt im Dunkeln, denn die Quellen schweigen hierzu. Aber die Idee, dass Meier irgendwann im nächtlichen Paris das Rezept für den Bee’s Knees an eine der bekanntesten Ladys der oberen Zehntausend weitergegeben hat, ist höchstwahrscheinlich eine Anekdote, die gut ins Narrativ und Selbstbild dieser beiden Menschen passen dürfte, die die Aufmerksamkeit um ihre Person wohl beide stets sehr genossen haben.

Ein Pluspunkt des Bee’s Knees Cocktail: der geht fast überall

Der Bee’s Knees ist in seiner Funktionsweise nichts als ein abgewandelter Gin Sour, in dem der Zuckersirup durch Honig ersetzt wird. Das verleiht ihm einen Vorteil aller klassischen Sours, nämlich den, dass er eigentlich fast überall und ohne große Vorbereitung gemixt werden kann.

Während die alten Rezepturen (etwa in den genannten Büchern) noch nach reinem Honig verlangen, ist es heute eher üblich, an der Bar mit Runny Honey zu arbeiten, also mit einem Gemisch aus Honig und Wasser (meist zu gleichen Teilen oder 2 Teile Honig auf 1 Teil Wasser). Auch für den Bee’s Knees empfiehlt sich die Verwendung von Runny Honey. Der flüssigere Sirup erlaubt nicht nur eine exaktere Dosierung, sondern erlaubt auch, die teils sehr starken Aromen leichter zu kontrollieren. Wie bei allen Drinks mit Honig nämlich zeigt sich dieser im Verlauf des Trinkens sehr präsent, besonders im Abgang und mit steigender Temperatur des Cocktails.

Trocken ist immer besser

Insgesamt mag es der Bee’s Knees trocken und kraftvoll, was sicherlich primär an der erwähnten aromatischen Stärke des Honigs liegt. Eine klassische Sour-Ratio von 6:3:2 bekommt ihm nicht, er wirkt dann eher ein wenig verklebt und je nach gewähltem Honig auch zu süß oder karamellig. Man sollte eher in Richtung 6:2:1,5 gehen, und das bei geübtem Gaumen durchaus noch mit Gin-Toleranz nach oben.

Am besten eignen sich selbstverständlich typische, crispe London Dry Gins mit viel Wacholder und Koriander – genau deren Gewürzspitzen gehen mit der cremigen, vollmundigen Honignote eine beeindruckende Liaison ein und machen den Bee’s Knees zu einem komplexen, aber zugänglichen und erfrischenden Sour, der gefährlich gut über die Zunge läuft. Die besondere, fast einzigartige Bindung und Textur, die einem Sour durch Honig verliehen wird, tut ihr Übriges. Beim möglichen Parfümieren mit einer Zeste sollte man Vorsicht walten lassen.

Mal probieren?

Abseits davon sind Experimente nicht verboten. Allein am Honig kann man endlos variieren. Aber ebenso beim Gin: Ein Versuch mit blumigem japanischem Gin (Suntory Roku mit 43%) brachte z.B. einen sehr „hellen“ Bee’s Knees mit viel Zitrus, etwas Jasmin, leicht medizinalen Tönen und einer Spur Pfeffer hervor, in der man den Honig-Anteil noch reduzieren könnte. Spannend war der Versuch mit der „Orange & Cocoa“-Version von Elephant Gin (40%), dessen Ergebnis mit leichter Bitterkeit erstaunlich stark in eine erwachsene Assoziation der guten, alten Erfrischungsstäbchen deutete.

Natürlich darf auch gern eine Navy Strength in den Shaker wandern (in unserem Falle Plymouth mit 57%), um den Grundaromen des Drinks einen kleinen Extra-Boost zu verleihen. Dass ausgerechnet der eingangs genannte David Embury – vielleicht der Hard Drinker of all Hard Drinkers – vorschlägt, den Bee’s Knees durch ein wenig Orangensaft zu ergänzen und abzumildern, sollte man hingegen nicht weiter beachten. Der Bee’s Knees funktioniert als trockener, starker Dreiteiler am besten.

Der Ausdruck „Bee’s Knees“ übrigens entwickelte sich in den Zwanzigern des letzten Jahrhunderts zu einem Slang-Ausdruck für etwas Tolles, Großartiges. Man darf also davon ausgehen, dass Molly Brown und Frank Meier (oder wer auch sonst) mit dem Namen nicht nur der honigliefernden Biene ein kleines Kompliment machen wollte. Sondern auch sich selbst. Aber das muss ja auch mal erlaubt sein. Erst recht nachts, bei einem Drink in Paris.

Credits

Foto: Stefan Adrian

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