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Besondere Momente in der Bar: 7 Autoren & 7 Drinks

Besondere Momente in der Bar sind subjektiv. Nicht immer hat der Drink damit zu tun, sondern das Ambiente, die Menschen oder die besondere Verortung in der persönlichen Biographie. Sieben MIXOLOGY-Autorinnen und Autoren über sieben spezielle Augenblicke, die sie in einer Bar erlebt – und natürlich getrunken – haben.

Besondere Momente in der Bar: Was macht sie aus? Ist es der perfekte, so noch nie probierte Cocktail, der alle Aromen spielt? Ist es der Hocker an einem Tresen eines legendären Ortes, an den zu gelangen man Jahre probiert hat? Oder sind es einfach nur die flüchtigen, spontanen Momente, deren Wirkung man erst viel später einschätzen kann?

In Zeiten, in denen Bars nach wie vor geschlossen sind oder unter Corona-Auflagen öffnen, die einen Barbesuch zu etwas völlig anderem machen, haben wir sieben unserer Autorinnen und Autoren gebeten, jeweils über einen ihrer besonderen Augenblicke in der Bar zu berichten. Das Ergebnis ist so überraschend wie erwartbar: Es sind vor allem Stimmungen, die einen Barbesuch zu etwas Besonderem machen. Ein prägender Barabend lässt sich nicht planen, sondern er entsteht. Frei nach John Lennon: Bar ist das, was passiert, während man darüber nachdenkt.

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Armin Zimmermann: Zielsichere Meisterschaft

Unser Besuch in Jörg Meyers „Le Lion“ am 6. September 2014 hat mich besonders geprägt. Bereits bei unserem ersten Besuch im Jahr 2013 hatte es sich zwischen Bettina Kupsa und uns so etabliert, dass wir gemeinsam ein Motto definierten, zu dem Betty dann passende Mischgetränke als Menü aufeinander aufbauend zubereitete. Mein Mann und ich teilen uns immer die Drinks, so dass dieses Menü immer sechs bis acht Mischgetränke umfasste.

Auch an diesem Abend mixte Betty, und wir einigten uns auf das Thema „Himbeere“. Der besondere Moment begann, als Mario Kappes, nachdem er vielleicht zehn bis fünfzehn Minuten in Gedanken versunken herumstand, plötzlich Strega mit etwas Himbeersirup vermengte. Man konnte ihm förmlich beim Denken zusehen, es kam mir vor wie eine halbe Ewigkeit. Plötzlich griff er zielsicher nach einer Flasche Glenfarclas, gab ihn hinzu, fertig war der Cus D’Amato. Betty und Magdalena Karkosz durften schon probieren. Ihrer Mimik nach zu urteilen waren sie schwer beeindruckt. Wir bekamen diesen Drink jedoch erst als Dessert gereicht. – Unser erster „eigener“ Drink war entstanden. Dieser Augenblick hat mich sehr beeindruckt und geprägt, denn solch eine Meisterschaft möchte ich seitdem auch erlangen: einen neuen Drink zielsicher und auf den Punkt erschaffen zu können.  

Martin Stein: Neue Deutsche Härte

Ein Bartender ist ein Maler, der wunschgemäß die entsprechende Farbe auf seiner Palette hervorzaubert. In jeder Coupette schwimmt eine leinwandlose Likörelle, bereit, den Genießer von innen zu dekorieren.

Vielleicht ist der Bartender aber manchmal auch der Landmaschinentechniker, der mit dem 32er-Schlüssel an den liegen gebliebenen Bulldog ran muss.

In meinem Fall war, nach einer ebenso gründlichen wie kräftezehrenden Recherche auf der Finest Spirits in München, der 32er-Schlüssel angesagt. Selbiger manifestierte sich in Gestalt des „Rennis Dichter“ (wie es da wohl zur Namensgebung kam…) in der Bar Gabányi. Der „Rennis Dichter“ besteht aus Rum mit Rum an Rum, ein klein wenig befeigenblättert mit Zucker und Limette. Irgendwas zwischen Daiquiri-Konzentrat und dem verschollen geglaubten Corpse Reviver No.3. Viel hilft viel, hat meine Oma immer gesagt. Oder irgendwer anders.

Schmecken tut diese Neue Deutsche Härte im Glas tatsächlich ziemlich ausgewogen, zumindest nach einem Tag auf der Finest Spirits. Und prompt legt man gar nicht mehr so viel Wert darauf, den letzten Zug von München nach Regensburg zu erwischen. Der Stefan Gabányi hat ja glücklicherweise recht lange auf.

Es wird der Frühzug nach Regensburg um vier Uhr angepeilt. Welcher entfällt. Ebenso wie der Nachfolgezug. Und dann merkt man schon, dass der Tag lang war. Die stoische Gelassenheit, die es mir erlaubte, einem Taxifahrer kaltlächelnd 200 Euro in die Hand zu drücken, um die 130 Kilometer nach Hause gefahren zu werden, schreibe ich ausschließlich dem Rennis Dichter zu.

Sarah Liewehr: Disappear here

Manchmal kommt alles im richtigen Moment zusammen. Wenn aus einem „nur kurz auf einen Drink, weil morgen früh aufstehen und so“ ein Abend wird, der erst kurz vor Sperrstunde endet, dann ist das so ein Moment. Draußen schneit es, und weil Dezember ist, ist es seit circa 16 Uhr zappenduster. Also treffen wir uns schon um 18 Uhr am Zoo. Einmal klingeln, Palme rechts an der Wand, Mantel abgeben und am Tresen hinten Platz nehmen.

Eigentlich braucht es keinen Blick in die Karte, wir werfen trotzdem einen, nach drei Sekunden der Entscheidungsfindung wird es eine der fantastischen Bar Zentral Piña Coladas, die ich nur hier trinke. Dafür dann an neun von zehn Besuchen. Ich mag Piña Coladas nicht besonders, aber die im Zentral ist was besonderes. Meine Freundin nimmt den Penicillin und dann wird alles gut für die kommenden Stunden. Manchmal rüttelt die S-Bahn über den Lotte-Leya-Bögen an den Wänden, und irgendwann müssen wir wieder raus. Dann ist es aber doch nach Mitternacht, und das auf einen Dienstag. Wie die blaue Leuchtschrift über dem Tresen verspricht: Disappear here.

Roland Graf: Still oder Sparkling in London

Die größte Kunst, das Weglassen, drunter geht‘s nicht, Kollegen? All die großen Gesten und kleinen Genuss-Schlucke verschweigen zugunsten einer Cocktail-Epiphanie … Gut, dann wenden wir den Blick vom vernebelten Zimmer im Gedächtnispalast ab, wo die Abend-Ausklänge stecken sollen, die man sich partout nicht mehr gewärtigen kann.

Bei der maximalen Beeindruckung zählt sowieso das Ingressionserlebnis: Wie taucht man in die Nacht ein? Auftauchen aus der Flut elysischer Flüssigkeiten will man ja eh nicht. Die erinnerungswürdigste Performance lieferte die fröhliche Spanierin in Alex Kratenas „Artesian“-Team zu London. Dass man sich an Gäste erinnert, war das erste Leckerli. Darauf der Service-Hammer, listig auf dem Eingeständnis der Unsicherheit aufgebaut: „Weil wir nicht mehr wussten, ob Sie „still“ oder „sparkling“ bevorzugen, haben wir beides mitgebracht.“ Nach dem Gedeck aus Champagner und Wasser blieb einem ebenfalls nur ein Doppelschlag: 1) Einen Drink mehr nehmen als geplant und 2) fettes Trinkgeld geben. Sie hat es verdient!

Nils Wrage: Ein Negroni wie in einem alten Film

Klischeehafter kann man kaum trinken: Ein Negroni in Florenz. An einem frühen Abend im Mai in irgendeiner Bar, deren Namen ich nichtmal in dem Moment mitbekam, als ich dort saß und trank. Ich kam aus den Uffizien, hatte direkt um die Ecke einen Espresso genommen, und jetzt musste ein Negroni sein. Der Drink war sicher schnöd, mittelmäßig, vielleicht ja sogar unterdurchschnittlich. Das weiß ich gar nicht mehr so genau, es ist ja auch schon einige Jahre her.

Aber dennoch war dieser Augenblick, dieser Negroni da in dieser namelosen Bar in Florenz so perfekt, so unnachahmlich, so sehr Bar wie nur was. Der schwummrige Raum mit den offenen Fronten, so dass man gleichzeitig die Stille und Dunkelheit der Bar im Sichtfeld hatte, aber trotzdem noch die Spannung des anbrechenden italienischen Abends auf der Straße roch, schmeckte, spürte. Den Namen des Bartenders habe ich nicht mitbekommen, aber in meiner Vorstellung heißt er bis heute Francesco, weil er dem jungen Franceso Totti ähnlich sah. Er war von dieser klassischen, künstlichen Höflichkeit, wie es sie in alten Filmen gibt. Und ich ein Teil dieses wunderbaren cineastischen Schauspiels, der ausländische Tourist, der in die Bar kommt, zwei Sätze mit dem Barmann plaudert, innert zehn Minuten seinen Negroni leert, gutes Trinkgeld gibt und für immer verschwindet.

Ein grausliches Klischee, wahrhaftig. Aber derzeit fehlt nichts so sehr wie das Klischee: Einfach wieder in die nächste Bar stolpern und einen Standard-Drink ordern, kurz plauschen, vielleicht eine Zigarette dazu, wieder verschwinden. Die Bar als Teil des Alltags. Jetzt gerade, in diesem Moment, ist allein das der perfekte Drink-Augenblick.

Mia Bavandi: Famos durch die Wiener Nacht

Es ist nicht einfach, den einen schönsten Augenblick in einer Bar zu erinnern. Zu viel würdiges Bar-Geflüster hat sich während der Jahre angereichert. Ich erinnere aber ein nicht geplantes Wiedersehen mit unzähligen schönen Momenten. Vor Jahren, gerade in Berlin und bei MIXOLOGY angekommen und retour auf Stippvisite bei einer Veranstaltung in Wien, das gerade erst seine Schienen zu seinem nunmehrigen Bar-Terroir gelegt hatte.

Ein dortiges, äußerst unliebsames Ereignis veranlasst mich zur schleunigsten Flucht an den nächstgelegenen Tresen nach einem impulsiven Überraschungsanruf bei der besten Freundin. „Hier bin ich“, bekräftigt sie am Tresen der Albertina Passage – gar nicht Speakeasy oder für verlorene Damen gedacht – eine tiefe freundschaftliche Verbundenheit. Der damalige Bar-Chef – wir kannten einander nicht – wittert die Aura, aufmerksam und charmant reicht er dazu zwei Gläser Champagner. Und twistet uns kongenial durch diese famose Nacht. Chapeau!

Stefan Adrian: Subkultur und Sazerac

Wenn der Cocktail, über den ich schreibe, Hauzenberger Gwasch heißt, muss eigentlich klar sein, dass es nicht um den Drink an sich geht; sondern dass dieser Moment andere Kriterien hatte, die ihn zu etwas besonderem machten.

Es war die letzte Bar auf meiner Bartour durch Regensburg. Wunderbar hieß der Laden, und bei dem Namen war eigentlich klar: schnell rein, schnell raus. Dem war dann daber nicht so. Zum einen lief in dem Laden ziemlich lauter Punk, während Manhattan serviert wurden. Es war eine tatsächlich wunderbare Mischung aus Subkultur und Sazerac, Bier und Boulevardier, und es wurde mit zunehmender Nacht immer voller, konträr zum Rest der Stadt.

Zum anderen lernte ich den Besitzer kennen, den ich heute als schreibenden Kollegen und, vielmehr, als Freund schätze. Wir sehen uns nicht so oft, aber wenn, dann mit Sicherheit an einem Tresen. So hatte der Abend das, was eine Bar ausmacht: Überraschung, sozialen Gewinn, Abtauchen. Und, zugegeben, einen heftigen Kater. Martin Stein, so der Name des Lumps, ist nämlich ein Chartreuse-Fanatiker.

Und während ich das schreibe, habe ich soeben nochmal nachgesehen, woraus der Hauzenberger Gwasch bestand: Blutwurz, Limette, Apfelsaft, Triple Sec, Blue Curaçao, Ginger Beer und Basilikum.

Alter Schwede, das habe ich tatsächlich bestellt?

Credits

Foto: Editienne

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