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BIER, BARS & BRAUER #8

Pilsner Urquell nutzt die moderne Dose für nostalgische Rückbesinnung und Berlin bekommt italienisches Bier jenseits von Moretti und Peroni. Und in Bayern wollen die Brauer mehr Geld fürs Brauen, zu guter Letzt schwimmt nun auch Franziskaner mit einem Kellerbier auf der naturtrüben Welle mit. Wenn denn überhaupt noch Bier getrunken wird – denn die Zahlen sind „alarmierend“.

Der Geburtstag des Reinheitsgebots ist vorbei. 500 Jahre, große Fete, viel Trara – und nun? Zum Tagesgeschehen überzugehen scheint das Motto der meisten Brauersleut zu sein. Dagegen ist nach all den Sondersuden und Querelen sicherlich auch nichts einzuwenden, dennoch wäre es schade, wenn mit den Feierlichkeiten auch das Potential für die deutsche Bierkultur, welches die aktive Diskussion um und die erhöhte mediale Aufmerksamkeit für das Reinheitsgebot birgt, abstirbt. Wir wollen doch nicht glauben, dass die 500-Jahrfeier einfach bloß dazu da gewesen ist, mehr Bier zu verhökern, oder?

Kunstvoll verpackt – Pilsner Urquell bringt die Retro-Dose zurück

Bereits im letzten Jahr gab es die Pilsner-Urquell-Dose im Retro-Look, nun kehrt sie zurück, verziert mit neuen Motiven aus der über 170jährigen Geschichte der Brauerei: Es war im Jahre 1842, als der Braumeister und nebenberufliche Choleriker Josef Groll aus dem bayrischen Vilshofen gen Pilsen zog, um dort schon kurze Zeit später ein helles, untergäriges (und damals natürlich ungefiltertes) Bier zu präsentieren, welches in der Folge die Welt erobern sollte. Durch den technischen Fortschritt während der Industrialisierung wurde das gleichmäßig helle Rösten von Malz möglich (heute eben Pilsener Malz genannt), und so auch die goldigen Biere der heutigen Zeit.

Auf diese Historie möchte sich Pilsner Urquell mit seinen Retro-Dosen berufen. Gleichwohl die bewusste Vermarktung von Dosen eigentlich ein recht moderner Ansatz ist, steigt doch das in Deutschland lange gescholtene Leichtmetallbehältnis ob seiner hohen Licht- und Luftundurchlässigkeit gerade bei hochwertigen Bieren wieder im Ansehen. Hinzu kommt natürlich die Möglichkeit, das gesamte Medium als Leinwand für die eigenen Marke zu benutzen, wie es Pilsner Urquell vormacht.

Italienisch gezapft – Birra Bar eröffnet in Berlin

Der Bezirk Prenzlauer Berg bekommt craftige Verstärkung! Quasi auf der anderen Straßenseite der in Bierkreisen hochgeschätzten Monterey Bar gelegen, gibt es nun La Dolce Vita auf hopfig: Birra – italienisch für Bier – ist der simple Name des Projekts von Manuele Colonna (Rom) und Giampaolo Sangiorgi (Mailand). An 16 Hähnen wollen die beiden ab dem 30. April ausschließlich italienisches Craft Beer, dort birra artigianale genannt, fließen lassen. Namhafte Brauereien wie Birrificio Lambrate werden vertreten sein und die Gaumen der Gäste mit den für ihre Experimentierfreudigkeit bekannten Gebräuen begeistern. Damit niemand verhungert, gibt es Antipasti und Cicchetti nach italienischem Vorbild zur Stärkung. Wir heben das Glas auf gutes Gelingen und werden die Birra Bar demnächst in einem eigenen Bericht detaillierter unter die Lupe nehmen. Cincin!

Birra Berlin – Prenzlauer Alle 198, Berlin; Tel. 030/55243713

Zünftig gestreikt – Tarifverhandlungen in der bayrischen Brauwirtschaft

Auch im Bierschlaraffenland Bayern ist nicht alles Gerstengold, was glänzt: 6% mehr Gehalt fordert die NGG (Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten) für die ca. 10.000 Beschäftigten der bayrischen Brauereien. Diese bieten bisher 1,6% mehr. Sollte keine Einigung erzielt werden, wird die NGG zu weiteren Warnstreiks aufrufen. Da die Brauwirtschaft im allgemeinen in den letzten Jahren stagniert hat, sind große Zugeständnisse seitens der Brauereien jedoch nicht zu erwarten.

Man möchte sich gar nicht ausmalen, was in Bayern geschieht, sollte der Bierstrom tatsächlich abreißen. Bei der Münchner Bierrevolution von 1844 ging es nur um erhöhte Bierpreise, und hier verweigerte das Militär sich dem Befehl von König Ludwig I., so dass dieser schließlich einknickte. Damals gingen erschwingliche Gerstengebräue also vor bekundete Königstreue. Und heute?

Naturtrüb gebraut, die Dritte – Franziskaner bringt Kellerbier

Erst in der letzten Ausgabe berichtete Bier, Bars & Brauer über das Weihenstephaner 1516, davor über das naturtrübe Kellerbier von Krombacher. Franziskaner lässt sich da nicht lumpen und brachte zum 500. Jubiläum des Reinheitsgebots ebenfalls ein naturtrübes Kellerbier mit 5,2%-Vol. heraus. Mit einem Preis von unter einem Euro pro Flasche ist es recht erschwinglich, andererseits mutet es zugleich etwas seltsam an, wenn eine Weissbierbrauerei ein naturtrübes Bier als Neuigkeit hinstellt. Bedenklich ist zudem, dass die Beschreibung des Produkts der von Krombacher in vielen Punkten ähnelt und ähnlich wenig zu tatsächlichen Eckdaten des Bieres preisgibt. So findet sich “erlesener Hopfen aus der Halltertau” im Großteil der deutschen Biere und auch weltweit. Als “vollmundig samtig, leicht würzig, mit feiner Bitternote” beschreibt AB-InBev, Mutterkonzern von Franziskaner, den Geschmack. Wer sich selbst überzeugen möchte, kann dies zum Preis von € 5,49 für den „Sechser“ oder € 15,99 für die 20er-kiste (jeweils 0,5 Liter-Flaschen, UVP des Herstellers) ab sofort tun:

Rauschfrei getrunken – Alkoholfreies weiter im Aufwind

Wie schon in den vergangen Jahren stieg auch 2015 der Konsum alkoholfreier Biere, auf nun 5,24 Mio. Hektoliter und 5,6% Anteil am Gesamtbierkonsum, meldet das Getränkeportal About Drinks. Damit bleibt das Segment, neben glutenfrei und Craft Beer, der Treibstoff hinter dem wieder gestiegenen Bierkonsum in Deutschland und der Grund, warum jede Brauerei, die es sich leisten kann, mittlerweile ein Alkoholfreies im Sortiment hat. Einfach ist die Herstellung der alkoholarmen Biere (bis 0,5%-Vol. sind erlaubt) nämlich nicht, da entweder die Gärung rechtzeitig unterbrochen oder das Ethanol im Nachhinein wieder entzogen werden muss. Dies ist auch der Grund für die meist leicht höheren Preise der Alkoholfreien.

Sorgen machen muss man sich ob der 0,5%-Vol. übrigens nicht, da diese Mengen keinen messbaren Einfluss haben und sich auch in anderen Getränken mit natürlichem Alkohol wie etwa verschiedenen Fruchtsäften oder Kefir finden. Immerhin bildet der menschliche Körper selbst geringe Mengen an Alkohol (ca. 0,03 Promille).

Credits

Foto: via Shutterstock

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