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Zwischen Brunch und Bar: das Doppelleben der Black Rabbit Bar

Der Schillerkiez in der Nähe des Tempelhofer Feldes in Berlin hat gastronomisch einiges zu bieten. Lediglich Cocktailbars schienen bisher ein rares Gut in dieser Ecke von Neukölln. Ein Missstand, dem Roberto di Pasquali mit dem „Black Rabbit“ Abhilfe schafft. Er setzt dabei auf eine Kombination von Tagescafé mit Brunch und Cocktailbar bei Nacht.

Von den eingangs beschworenen Menschenmengen ist an diesem Dezembermorgen jedoch nicht viel zu sehen. Das mag zum einen am Wetter liegen, das gerade wieder so richtig schön-schrecklich nass-kalt wird. Zum anderen aber auch daran, dass an diesem Donnerstag die Scharen der Wochenendbummler fehlen.

Roberto di Pasquali kommt das nicht ungelegen – steht er schließlich fast jeden Tag selbst in seinem Laden und kommt den Bestellungen an geschäftigen Tagen manchmal kaum hinterher. Einmal musste er sogar Leute abweisen, sagt er, als er sich auf eine Bank an einem der großen Außenfenster fallen lässt, einen Cafe Cortado in der Hand, das Smartphone um die Schulter hängend. Immer wieder greift er danach, checkt Nachrichten oder steuert den Hip-Hop im Hintergrund.

Am Anfang steht der Zapfhahn

Auf das Arbeitspensum angesprochen, kann er nur müde lachen. Zum einen sei er ein Arbeitstier, das läge ihm einfach im Blut. Zum anderen merke natürlich auch er, dass die Coronapandemie viele Leute aus der Gastronomie vergrault hat. Gutes Personal ist schwerer zu finden denn je: „Die haben jetzt wahrscheinlich alle entspannte Nine-to-Five-Jobs und fragen sich, wie sie das alles jemals ausgehalten haben“, lacht er. Für ihn selbst sei Gastronomie mit normaler Arbeit nicht vergleichbar. Auch wenn es ohne Frage ein Knochenjob ist, sei es eben Leidenschaft. Da zählen die Stunden anders.

Di Pasquali, eigentlich ausgebildeter Sozialarbeiter, kam zur Arbeit hinter dem Tresen wie die sprichtwörtliche Jungfrau zum Kind. 2006 begann er neben seinem Job im sozialen Bereich in Stuttgart im dortigen Ciba Mato zu arbeiten. Allerdings nur am Zapfhahn. „Mich haben Cocktails damals gar nicht interessiert“, erinnert er sich lachend an die ersten Schritte. Nach seinem Umzug nach Berlin 2008 blieb er seiner Strategie treu, sich erst mal nicht zu entscheiden. So arbeitete er mehrere Jahre als Sozialarbeiter in einer betreuten WG in Marzahn, während er am Wochenende im damaligen Tape Club hinter dem Tresen stand. Dort wurde ihm klar, welchen bedeutenden Grundstein Stefan Schauberger, der Betreiber des Ciba Mato, eigentlich gelegt hatte. „Ich habe erst im Tape gemerkt, was ich im Ciba Mato alles über Drinks gelernt hatte – ohne es damals überhaupt zu verstehen. Aber Stefan wollte, dass wir im Team immer alle auf einem Level sind. Dadurch habe ich das ganze Knowhow ebenfalls aufgeschnappt, ohne selbst zu mixen!“

Kinder und Besoffene

Diese Erkenntnis über die eigene Qualifikation ließ den noch immer zweigleisig fahrenden di Pasquali dem Club-Service den Rücken kehren und führte ihn in an den ambitionierteren Tresen der Chapel Bar (mittlerweile geschlossen, Anm.). Dort war er nicht nur zum ersten Mal Barchef, sondern entschied sich gleichzeitig auch, die Arbeit im Sozialbereich vollends gegen jene hinter der Bar einzutauschen. Rein formal jedenfalls, denn wie er sagt: „Wenn man mal ehrlich ist, sind Besoffene und Kinder gar nicht unterschiedlich. Vor allem, wenn sie ein ‘Nein’ von dir hören!“

Es folgte die Arbeit in der Kantine Kohlmann. Die Bar in Kreuzberg hatte di Pasquali eigentlich nur als Consultant begleiten wollen, aber wie das als Überzeugungstäter aus Leidenschaft eben so ist – am Ende hängt man ganz tief mit drinnen. „Das war eben einfach auch mein Baby. Als es dann fertig war, konnte ich mich nicht einfach umdrehen und gehen!“

Das Black Rabbit schafft den Spagat zwischen Tagescafé und Cocktailbar bei Nacht

Black Rabbit

Herrfurthstraße 7
12049 Berlin

Freitag 18 - 2 Uhr; Sa 10 - Uhr; So 10 - 18 Uhr; Mo, Di, Mi, Do geschlossen (pandemiebedingte Öffnungszeiten)

Wieder vereint im Black Rabbit

Über einen kurzen Umweg als Brand Ambassador für Ferdinands Gin kam er schließlich als Barchef in die Amano-Bar, und als sein Vertrag auslief, war die Pandemie bereits in vollem Gange. Wie es das Schicksal wollte, meldete sich sein jetziger Partner Ecevit Fidan bei ihm. Er war es, der di Pasquali in der Chapel Bar zum ersten Mal in die Position des Barchef erhoben hatte. Bereits 2019 hatte dieser das ehemalige „Schillercafé“ im gleichnamigen Kiez übernommen und als „Black Rabbit“ neu eröffnet. Er bot di Pasquali an, mit einzusteigen – als Partner.

Eine Chance, die er dankend ergriff. Und umgehend nutzte: „Als ich hier anfing, sah das alles noch ganz anders aus“, erinnert sich ein stolz schmunzelnder di Pasquali. „Das war mehr so ein typischer Berlin-Laden: zusammengewürfelte Möbel, rohe Wände. Eben diese typische Neukölln-Sperrmüllästhetik. Sogar ein Sofa!“

Damit galt es zu brechen, und so entschied sich di Pasquali zusammen mit einem Architekten für ein generelles Make-Over. Der bereits bestehende Tresen aus grünem Mamor wurde um einen schicken Eighties-Look ergänzt. Die rohen Ziegelwände wurden schwarz gestrichen, der Boden im Kontrast dazu in ein helles Lachsrosa. Im hinteren Teil der Bar steht nun eine hohe Spiegelwand, die den Raum öffnet, dazu zwei leuchtende Eyecatcher. Über der Bar befindet sich eine Installation aus Neonröhren, die wie eine Welle aus Licht über den Tresen hinwegläuft; dazu weiter vorne im Sitzbereich ein riesiger Lichtkreis, der wie ein Heiligenschein über den Tischen schwebt. Gebrochen wird das Ganze mit dem zurückhaltend-dunklen Look in den Toiletten. Gelbe Wände, weiße Türzargen, eine beleuchtete Kassettendecke; knallig, irgendwo ganz knapp zwischen Mittelamerika und Kitsch.

Zwischen Cocktailbar und Brunchlokal

In Verbindung mit den zwei großen Außenfenstern schafft es der Ort jedoch, je nach Tageszeit eine schöne Balance zu halten zwischen der schummrigen Intimität einer Cocktailbar und dem hellen Look eines Brunch-Lokals.

Brunch? Ja, richtig gehört. Das Black Rabbit ist eine der begehrtesten Anlaufstellen für die liebste Mahlzeit der Berliner. Aber immer der Reihe nach. Denn die Küche war nicht das erste, was di Pasquali nach seinem einstieg in Angriff nahm. „Als ich hier angefangen habe, ging es erst mal darum, die Karte zu verschlanken. Es gab vier Sorten Bier, die braucht eine Cocktailbar aber nicht. Und Eckkneipen gibt es hier im Kiez schon genug.“

Gesagt, getan. So findet sich auf der jetzigen Karte nur noch eine einzige Sorte Bier sowie eine überschaubare Varietät guter deutscher Weine. Dafür allerdings eine solide Auswahl an Cocktails und Longdrinks. Das Besondere: All das fand mitten in der Pandemie statt. Den Betreibern des Black Rabbit spielte dabei vor allem die Nähe zum Tempelhofer Feld in die Karten. Denn die große Masse an Besuchern des riesigen Freiluft-Areals macht nur allzu gern für einen To-Go-Drink an der Bar halt. „Wir haben damals vor allem mit Fizzes und Sours gearbeitet. Basil Smash, Rhabarber Sour und klassischer Aperol lief damals wie heute sehr gut“, reminisziert di Pasquali, dessen Augen immer wieder von der Tür zum Tresen wandern, die Gäste und das Personal gleichermaßen im Blick.

Auch jetzt stammt der Großteil der ausgeschenkten Drinks aus den zwei genannten Gattungen. Dabei liegt der Fokus auf einer herausstechend breit aufgestellten Auswahl an Mezcals. Der Agavenbrand ist seit der Zeit in der Kantine Kohlmann die große Leidenschaft des Barchefs. Im Black Rabbit kommt sie vor allem in abgewandelten Klassikern zum Einsatz, etwa als Ersatz für Gin und Vodka, weniger in Signature Drinks. Dafür jedoch immer mit einer kleinen Einführung, denn bei unvorbereitetem Kontakt könne der erste Mezcal schnell der letzte sein.

Die doppelte Identität des Black Rabbit

Jetzt aber nun doch zurück zum Brunch. Diese Form der Bewirtung ist nicht einfach nur aus der Not des Lockdowns geboren, sondern war von Anfang an im Konzept der Bar angedacht. „Wir hatten imer vor, die Küche zu nutzen, die wir mit dem Laden übernommen hatten. Die Nähe zum Tempelhofer Feld und die Atmosphäre des Kiez haben uns dann gar keine andere Wahl gelassen, als uns auf Brunch zu fokussieren.“

Dieses besteht aus Klassikern wie Pancakes und Eggs Benedict, hat aber auch asiatische und vegane Einschläge. Letztere seien in dem kulinarisch vielseitigen Kiez ein absolutes Muss. Serviert wird auf ästhetisch höchstem Niveau, jedes Gericht funktioniert als absoluter Hingucker, essbare Blumen inklusive. Der Brunch erlaubt es dem Black Rabbit so, seine doppelte Identität zu wahren. Aufgeräumt und hell am Tag, schummrig-intim bei Nacht, oft bis in die frühen Morgenstunden. Und ist dabei weder vollends das eine noch das andere, ohne sich jemals zu verraten.

Ein wenig so, wie es der Barchef selbst lange Jahre gehalten hat …

Credits

Foto: Roberto di Pasquali

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