Mixology: Magazin fur Barkultur

Warum ich Shatler’s Cocktails nicht verstehe

Blog 23.12.2009 9 comments

In einem Artikel in der aktuellen Brandeins beschäftigt sich Bastian Henrichs mit Shatler’s Fertigcocktails und bringt so einige Sachen durcheinander.

Das Magazin Brandeins ist hier von uns schon mehrmals in den höchsten Tönen gelobt worden. Die Journalisten, die für diesen Wirtschaftstitel arbeiten, sind der Champions League oder zumindest der 1. Bundesliga der schreibenden Zunft zuzuordnen. Ein Artikel in der aktuellen Ausgabe (Heft 12, Dezember 2009, Claim: „Sei einzigartig!“), die wieder randvoll mit spannenden Geschichten ist, ließ uns aber ratlos zurück.

Autor Bastian Henrichs beschäftigt sich darin mit der Firma Shatler’s. Es ist ein sehr positiver Artikel für die Convenience-Evangelisten aus Hamburg geworden. Die Zeilen schmecken nach Erfolg und Aufbruch. Allein der Blick auf die Barbranche ist erschreckend. Henrichs scheint die andere Seite vergessen zu haben, wollte ein paar Fragen offenbar lieber nicht stellen. Oder hatte dafür keine Zeit? Die erste Aussage, die einen den Kopf schütteln lässt, verbirgt sich bereits im ersten Absatz. Ich zitiere:

„Ein guter Cocktail ist Vertrauenssache. Er sollte frisch zubereitet werden und möglichst immer gleich schmecken. Für einen ausgebildeten Barkeeper ist das kein Problem. Doch die sind selten geworden, seit immer öfter angelernte Mixkräfte hinter den Tresen stehen.“

Ausgebildete Barkeeper sind selten geworden? Diese pauschale Aussage wird nirgendwo begründet im einseitigen Text. Richtig ist: seit in den 90er-Jahren die Cocktailbar zum gastronomischen Mainstream-Konzept wurde, ist die Beschäftigungszahl an Barkräften explodiert. Aufgrund der Tatsache, dass der Bartender kein Ausbildungsberuf ist, und viele Mischkonzepte aus Nachfrage-
und Umsatzgründen Cocktails ins Angebot genommen haben und auf teureres, ausgebildetes Personal verzichten, arbeiten viele ungelernte Kräfte hinter den Tresen der Republik. Gleichzeitig ist aber die Zahl der qualitativ hochwertigen Barkonzepte enorm gestiegen und die Zahl der gut ausgebildeten Bartender damit ebenfalls.

Der Markt für Fertigcocktails

Das Geschäftsmodell der Shatler’s-Gründer Marc Pertzsch und Lars Hense, laut Artikel „passionierte und IHK-geprüfte Barmeister“, ist dabei nicht einmal verwerflich. Für Fertigcocktails gibt es ganz sicher einen Markt. Genauso wie es einen für Tiefkühlpizza oder Hummer aus der Dose gibt. Richtig äußern sie daher im Artikel: „Die Cocktailbars sind dabei gar nicht unser Ziel. Shatler’s ist optimal für Bereiche, in denen es technisch oder personell nicht möglich ist, gute Cocktails zu verkaufen. Das können Cafés und Diskotheken sein, Strandclubs oder Catering-Firmen.“

Dann sollte man die Kirche auch im Dorf lassen und nicht versuchen in die Großstadt zu tragen. Denn der Artikel verbreitet zuerst die Stimmung, als ob der Berufstand des Bartenders im Nierdergang begriffen sei, und setzt dann noch eine Behauptung in die Welt, der zu Folge viele Cocktailbars nicht mehr wirtschaftlich zu betreiben wären:

„Rund drei Minuten braucht ein guter Bartender für ein Mixgetränk. In einer Stunde schafft er höchstens 20.“

Zwanzig Cocktails in der Stunde? Gemischt von einem GUTEN Bartender? Eine gewagte Aussage. Wir warfen die Frage schnell über Twitter und Facebook ab und hatten innerhalb weniger Stunden eine Fülle von Antworten von Bartendern rund um den Globus. Der allgemeine Tenor war: in einer auf Volumen getrimmten Mainstream-Bar mit entsprechender Logistik und Barbacks, sind 50 und mehr Cocktails pro Stunde absolut machbar. Einige Bartender nannten sogar Zahlen bis zu 75 Cocktails. Aus eigener Anschauung und Freitag- und Samstagabenden, wo ich im Akkord Strawberry Daiquiris, Pina Coladas und Caiprinhas über die Station schob, muss ich Autor Henrichs ebenfalls in die Strafrunde schicken: bitte noch einmal neu recherchieren!

Kein Verweis auf Konkurrenzprodukte

Nehmen wir einmal an, der Organisator einer Massenveranstaltung ließe sich überzeugen, statt Bartendern einen Haufen gutaussehende Hostessen hinter die Bar zu stellen, die Fertigcocktails ins Glas schütten und mit einer knalligen Deko verzieren. Wieso sollte er dann Shatler’s einsetzen (Stückpreis 2,98 Euro) und nicht einen 5-Liter-Cocktail-Container von Joypott, einem anderen Convenience-Konzept, das gerade in der Kategorie Marketing und Verkaufsstrategie für den „Gastro-Innovationspreis 2010“ der Stuttgarter Messe Intergastra nominiert worden ist? Der Verweis auf Konkurrenzprodukte fehlt leider ebenfalls völlig in diesem Unternehmensportrait. Zu guter Letzt lehnt man sich aber noch weiter aus dem Fenster und läßt schreiben:

„Die Gründer haben den Anspruch mit ihren industriell hergestellten Mixdrinks auch anspruchsvolle Barkeeper zufrieden zu stellen.“

Ich wundere mich tatsächlich immer wieder, weshalb Shatler’s die Nähe der Barszene sucht. Ständig begegnen einem die wuchtigen Stände der Fertigmixler auf Fachmessen, wo sich angeblich die Meinungsführer der Gastronomie die Klinke in die Hand geben. Entnervt kam mir auf der diesjährigen Prowein ein Bartender entgegen: „Ich frag mich, was die eigentlich von mir wollen. Drücken mir einen Maitai-Mix in die Hand und wollen meine Meinung wissen. Das brauche ich doch gar nicht probieren, um ihnen zu sagen, dass es mich nicht interessiert.“

Der anspruchsvolle Bartender

„Anspruchsvolle Bartender“ diskutieren, welche Minzsorte am besten im Mojito oder Mint Julep funktioniert. Anspruchsvolle Bartender infusionieren Spirituosen mit frischen Aromen, um ein noch besseres, auf ihre Drinks zugeschnittenes Produkt zu bekommen. Anspruchsvolle Bartender stellen ihr eigenes Eis her. Anspruchsvolle Bartender benutzen Zitrushandpressen an der Bar. Anspruchsvolle Bartender wollen kein pasteurisiertes Alkosafterl! Period.

Es sieht ganz danach aus, als ob Brandeins in diesem Fall von der geballten Marketing-Maschinerie von Shatler’s überrollt worden wäre. Der Artikel vermittelt ein verzerrtes Bild einer Branche, in der sich der Autor offensichtlich nicht gut auskennt. Shatler’s beschäftigt mittlerweile „22 Mitarbeiter, hauptsächlich in Vertrieb und Marketing“, heißt es in dem Text. Wenn man die gelungene PR ansieht, setzen die Hamburger Convenience-Bartender auf jeden Fall die richtigen Schwerpunkte.

 

Links:

www.joypott.de

www.shatlers.de

www.brandeins.de (PDF)

 

 

Bild: SHATLER’s Getränke GmbH

9 comments

  1. Bar le Wien

    Und wo san nun die ganzen Hostessen?

    Ich kenne das Magazin als solches leider nicht, aber vermute dahinter mal wie viele andere sicherlich auch eine intensive „Finanzspritze“, ist doch meistens so. Dass man gut darüber schreibt obwohl man evtl. der Auffassung ist, dass es deutlich besseres gibt. Oder nicht?

    Was die 20 Cocktails in der Stunde betrifft, so ist diese Aussage wirklich schwach. Theorie und Praxis. Ein Cocktail ist aufwendiger, der andere weniger (Sour, Caipi usw…). Und auch personell betrachtet, macht der Barkeeper nur die Drinks oder auch andere Arbeiten?

    Sicher, das Argument, dass der Cocktail „immer“ gleich schmecken wird, mag wohl stimmen, aber spätestens wenn ein Gast nachfragt ob man den nicht evtl. etwas schwächer oder stärker machen kann, geht das ganze in ein glattes „K.O.“ denn wie soll man das evtl. machen?

    @ericbergman: wo kann man deine private bar betrachten? Hab ja selbst auch ne Auswahl und tät wissen ob ich mithalten kann. ^^

    Ich hab vor nicht all zu langer Zeit auch mal in einem Club nen Abend gearbeitet, war einfach ein Versuch, ob dort Cocktails „ankommen“.

    Von der Theorie her gesagt: diese fertigen Cocktails ersparen viel drum herum. kühl stellen, shaken, rein ins Glas, fertig. Man erspart sich einiges.

    Ich muss mir nicht überlegen, welche Cocktails will ich machen, welche Zutaten brauch ich dafür, welche Flaschen muss ich kaufen, welche Shaker und Werkzeuge brauch ich usw usw und ich brauch kein wirklich „eingewiesenes“ Personal dass sich erstmal die 5-10 Start-Cocktails einprägen, lernen etc. muss.

  2. Bar le Wien

    ps. das war wohl feinstes Leichenschänden was ich grad gemacht hab xD

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