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Bloody Rumday: der Boykott gegen Flor de Caña

Immer wieder geraten Rumhersteller öffentlich in die Kritik wegen der Arbeitsumstände auf den Plantagen. Nun erneut auch Flor de Caña. Unter anderem der medienwirksam angekündigte Boykott durch den US-Bartender Bobby Heugel hat eine neue Debatte darüber ausgelöst, wieviel politisches Bewusstsein an der Bar vorhanden sein kann. Unsere Autorin hat weiter nachgeforscht. Und herausgefunden, dass die Schmähung eines einzelnen Herstellers nur der Anfang eines langen Transformationsprozesses sein kann. 

Dürfen wir mit Spirituosen arbeiten, die unter unmenschlichsten Bedingungen hergestellt werden? Angestoßen hat diese Frage erneut ein Artikel auf Munchies, dem Food-Channel von Vice. Im Fokus steht der nicaraguanische Rumproduzent Flor de Caña, dessen Plantagenarbeiter überdurchschnittlich oft und jung an chronischer Niereninsuffizienz sterben. Jetzt hat Bobby Heugel, Eigentümer der Anvil Bar & Refuge in Houston, auf Instagram verkündet, Flor de Caña so lange zu boykottieren, bis sich das dortige Management ernsthaft mit den schwerwiegenden Vorwürfen auseinandersetzt und Taten folgen lässt.

IMAGE UND REALITÄT

Auf der Website von Flor de Caña, einem Subunternehmen der Grupo Pellas und Nicaragua Sugar, startet ein malerischer Imagefilm: starke Hände streifen in Zeitlupe durch gesundes Zuckerrohr, am Ende steht der goldbraune Rum auf einem der dicken Fässer. Was nicht zu sehen ist: Kranke Männer an Dialyseapparaten und feiner Pestizidnebel über den Zuckerrohrfeldern.

Schon im Mai 2014 hatte Heugel einen lesenswerten Artikel zu ökologischer Nachhaltigkeit und sozialer Verantwortung der Bar veröffentlicht. Nun erklärt er auf Instagram unter einem Bild mit leeren Flor de Caña-Flaschen: „Jahrelang haben wir mit den günstigen Produkten von Flor de Caña gute Gewinne eingefahren. Doch es wird immer klarer, wie eng der niedrige Preis wirklich mit der mangelhaften Behandlung der Plantagenarbeiter zusammenhängt.“ Seine Konsequenz: Er steigt auf anderen, teureren Rum um. Den finanziellen Verlust durch den Verzicht auf Flor de Caña beziffert er auf etwa 10.000 US-$ (vermutlich pro Jahr, Heugel wird nicht konkreter). Das ist ihm sein reines Gewissen wert. Werfen wir einen Blick auf die Fakten.

WENN PESTIZIDE NICHT NUR UNGEZIEFER TÖTEN

In die Kritik geraten waren der Zuckerrohranbau und seine Folgen ursprünglich in der Diskussion um Agrokraftstoffe – Stichwort „E10“ – die von Regierenden bzw. Lobbyisten gern als nachhaltige Alternative zu herkömmlichem Sprit bejubelt wurden. Todkranke Arbeiter, auf Jahrzehnte ausgelaugte Böden, daraus resultierende Lebensmittelknappheit etc. gelten als nicht erwähnenswerte Kollateralschäden.

„Chronische Niereninsuffizienz“ (IRC) lautet die Diagnose bei der Hälfte der Toten, die oft nicht älter als 40 Jahre alt geworden sind und junge Witwen mit Kindern hinterlassen. Munchies spricht von einem Anteil von 75% aller Todesfälle bei Männern zwischen 35 und 55 Jahren, die im exemplarischen Dorf Chichgalpa von 2002 bis 2012 auf IRC zurückzuführen sind.

Studien der Boston University und des Arbeitsschutzprogramms Trabanino in El Salvador haben nachgewiesen, dass das Nierenversagen der Arbeiter eindeutig mit der starken Belastung durch Pestizide zusammenhängt und besonders auf körperlich unzumutbare Arbeitsbedingungen zurückführbar ist: Dehydrierung, Überarbeitung und das stundenlange, ungeschützte Arbeiten in der prallen Sonne. In Deutschland hat das Nicaragua-Forum schon vor vielen Jahren mit der Information über IRC unter den Plantagenarbeitern begonnen und unter anderem medizinische Hilfe für Betroffene finanziert. Im Gespräch mit MIXOLOGY ONLINE erklärt Sprecher Rudi Kurz: „Wie es meistens der Fall ist, sind die Hintergründe und Probleme im Zusammenhang mit IRC vielschichtig und kompliziert. Das Problem der Nierenschäden von Zuckerrohrarbeitern und Menschen, die im Umfeld der Pflanzungen leben, besteht in ganz Mittelamerika. Nicaragua Sugar und ihr Flor de Caña ist dabei nur ein Unternehmen bzw. ein Produkt.“ Ein Unternehmen von vielen, wohlgemerkt.

DAVID GEGEN GOLIATH

In Nicaragua selbst kämpft die Geschädigten-Organisation ANAIRC für die Entschädigung kranker Arbeiter und ruft seit Jahren zum Boykott von Flor de Caña und dem Mutterkonzern Grupo Pellas auf. Knappe 400 Arbeiter gegen ein Familienunternehmen, das für 13% des Bruttoinlandsprodukts von Nicaragua verantwortlich ist. Man kann sich vorstellen, wie es läuft: Seit 2007 ist die neue Klage gegen das regierungsnahe Unternehmen bei Gericht anhängig – Erfolg hatte sie bislang nicht. Auch regelmäßige Proteste gegen die Zuckerrohrproduzenten und ein 11 Tage langer Marsch der Arbeiter bis in die Hauptstadt Managua liefen ins Leere.

Flor de Caña ist bei Weitem nicht der einzige Arbeitgeber, den die von Munchies neu entflammten Anschuldigungen in Erklärungsnot versetzen dürften. Dabei engagiert sich das Unternehmen in verschiedenen sozialen Projekten, baut Krankenhäuser und Schulen und zählt laut Rum-Minister Edward Hamilton im Vergleich mit Mitbewerbern sogar noch zu den faireren Produzenten, wie auch Rudi Kurz vom Nicaragua-Forum Heidelberg weiß: „Man kann nicht behaupten, dass sich das Unternehmen Pellas/Nicaragua Sugar gegenüber den Erkrankten besonders unwürdig verhält. Nichtsdestotrotz sperrt sich die gesamte Zuckerindustrie in Mittelamerika gegen die notwendigen Veränderungen der Produktionsbedingungen, man möchte die erreichte Position auf dem Weltmarkt ausbauen. Zur Reduzierung der Produktionskosten werden immer noch Subunternehmer und Zulieferer eingesetzt, die sich nicht an Sozialversicherung und Arbeitsschutz halten.“

Am Wochenende nahm Flor de Caña kurzerhand Stellung – vor allem vermutlich auch, weil William Grant & Sons als mächtiger US-Vertriebspartner und dessen globale Markenbotschafterin Charlotte Voisey sich in die Debatte eingeschaltet und Aufkärung gefordert hatten. Viel mehr als die üblichen Dementi und Verweise auf übermäßig hohe Standards sowie den Umstand, dass die Zulieferer – und damit die Plantagenbetreiber – extern seien, finden sich in dem rund eine Seite langen Papier jedoch nicht.

FLOR DE CAÑA IST NUR DER ANFANG

Es klebt echtes Blut an unseren Shakern. Und es ist definitiv zu simpel, Flor de Caña als Sündenbock durchs Dorf zu jagen. Der Boykott einzelner Unternehmen setzt sicher ein Zeichen, löst aber nicht das Grundproblem, wenn alle anderen Branchengrößen unter dem Radar der Öffentlichkeit ihre menschenverachtenden Arbeitsbedingungen beibehalten, Schweigegelder zahlen und sich mit punktuellen Sozialaktionen zumindest optisch und gewollt medienwirksam reinwaschen. Eine Stellungnahme des deutschen Vertriebs von Flor de Caña – Eggers & Franke – steht auf Anfrage von MIXOLOGY bislang noch aus.

Vielmehr muss sich auch die Barbranche ernsthaft mit der Frage der Nachhaltigkeit und sozialer Verantwortung auseinandersetzen. International dauerhafte, nachhaltige Lösungen wie transparente Produktionsprozesse, verlässliche Kontrollinstanzen, Mindestlöhne, soziale Absicherung – klingt unmöglich. Genauso wie die höheren Preise für faire Spirituosen gezwungenermaßen auch an den Gast weiterzugeben. Doch das ist der nötige Schritt in eine neue, dringend überfällige Verantwortung.

Wir sind gespannt auf die Meinungen in den Kommentaren!

Credits

Foto: Hände mit Kreuz via Shutterstock.

Comments (1)

  • schlimmerdurst

    Das ist mit Sicherheit die hässlichste Seite der Rumproduktion, die an hässlichen Seiten nicht arm ist. Ich bin mir aber sicher, dass die, die sich bisher nicht über die heimliche Nachsüßung mit Zucker und andere Manipulationen im Rumgeschäft gestört haben, bei denen auch Flor de Caña fleißig mitmacht, mit dem gern gehörten „hauptsache, das, was in der Flasche ist, schmeckt“-Argument aus der Sache rausreden werden.

    Und alle anderen, insbesondere der unbedarfte Rumkäufer, werden es eh nie erfahren, da der Hersteller fröhlich weiterwerben kann, Fachmagazine sich aber über solche Dinge wie Produktionsbedingungen und -methoden ausschweigen und, wenn dann doch berichtet wird, entsprechende Artikel hinter einer Paywall versteckt sind.

    Letztlich aber: Danke für diesen ausgezeichneten Artikel (insbesondere die gute und ausführliche Verlinkung von Material zum Nachlesen), dem ich wünsche, dass möglichst viele Konsumenten ihn lesen werden! Ich würde mich freuen, mehr von dieser etwas kritischeren Art in Mixology zu finden, statt der vielen Jubelperser-Kooperationen.

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