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Corona Chronicles, Teil 10, 9. April: Plötzlich systemrelevant – Spirituosenhersteller brennen gegen Corona

Während die Modeindustrie Mundschutze produziert, spenden Spirituosen-Hersteller Ethanol und Brenner machen Desinfektionsmittel. Im solidarischen Kampf gegen Corona, aber auch, um das eigene, wirtschaftliche Überleben zu sichern – zu unterschiedlichen Bedingungen, unter verschiedenen Voraussetzungen und nach individuellen Machbarkeiten. Ein Rundblick.

Wegen der Corona-Pandemie sind Desinfektionsmittel und Mundschutze Mangelware, ausverkauft in Handel, Apotheken und Drogerien oder wie andere Hygieneprodukte zu Wucher-Preisen online erhältlich. Leider auch Diebesgut aus Berliner Krankenhäusern. Ganz abgesehen von einer strafrechtlichen Verfolgung – ein höchst asoziales Verhalten.

Denn gerade medizinisches Personal ist in unser aller Kampf gegen die durch Covid-19 verursachte Pandemie auf ausreichende Schutzmaßnahmen zur sicheren Versorgung von Patienten angewiesen. Damit Desinfektionsmittel eine desinfizierende Wirkung entfalten können, muss der in ihnen oder Desinfektionsgels bestehende Alkoholgehalt mindestens 70 Prozent betragen. In der Türkei ist das bekannte und aus weit mehr als 70 Prozent Ethylalkohol bestehende Kölnisch Wasser oder „4711“ aufgrund seiner desinfizierenden Wirkung mittlerweile sogar ausverkauft.

Brenner machen Desinfektionsmittel: Zwischen Spende und Überleben

Nun kommen – nicht ganz – branchenfremde Unternehmen ins Spiel. Auf dringliche Nachfrage seitens medizinischer Einrichtungen auf deren „Hab‘ und Gut“ springen Brennereien europaweit und international im Dienst des „Gemeinschaftsgeistes“ in die Bresche.

Äußerst beflissen reagieren Spirituosenhersteller großen und kleinen Formats unterschiedlich auf den globalen Engpass von Desinfektionsmitteln. Schließlich haben sie, was man als Basis benötigt: Hochprozentigen Ethylalkohol oder Ethanol. Dieser 96-prozentige Reinalkohol wird gespendet, wenn vorrätig, eigens produziert, wenn Kapazitäten vorhanden, oder sogar auch vor Ort in Desinfektionsmittel verwandelt.

„Reich werden wir damit nicht, aber als Familienbetrieb machen wir das gerne. Es ist interessant, systemrelevant und mitten in der Gesellschaft zu sein“, sagt Gregor Schraml von der Oberpfälzer Steinwald-Brennerei. Einerseits fühle man sich berufen. Andererseits sei es auch eine Möglichkeit, trotz des Geschäftseinbruchs weiterzumachen, Kosten aufzufangen und keinen Rettungsschirm in Anspruch nehmen zu müssen. Schraml hat seinen Betrieb bis auf weiteres zur Herstellung von Neutralalkohol umgestellt, um Apotheken und Kliniken in die Lage zu versetzen, dringend benötigte Desinfektionsmittel zu produzieren. Auf ihre Hilfskräfte aus Tschechien muss die über 200-jährige Brennerei in Erbendorf aufgrund der Grenzschließung derzeit verzichten. „Anders als bisher, sogar umgekehrt geht es jetzt um viel und effiziente Ausbeute von neutralem Alkohol, nicht um Aroma und Qualität“, so Schraml, der von Krisenstäben und Ämtern um Hilfe gebeten worden ist. Kartoffeln, Getreide oder Zuckerrüben aus landwirtschaftlicher Umgebung werden für die Ethanol-Produktion herangezogen, denn auch Neutralalkohol aus dem Ausland ist derzeit Mangelware.

Sonderkonditionen für Brenner, um Desinfektionsmittel herzustellen

Alkohol aus dem eigenen Brauprozess bereitzustellen, ist in der Krombacher Brauerei aus Qualitätsgründen nicht möglich. Um aber Krankenhäuser und Kliniken in der Umgebung der Brauerei-Standorte in den Kreisen Siegen-Wittgenstein, Olpe sowie Steinfurt zu unterstützen, spendet die Krombacher Brauerei insgesamt 16.000 Liter Ethanol, den sie von dem Unternehmenspartner Leiber GmbH bezieht.

Überall, wo es die Kapazitäten und Voraussetzungen zulassen, wird derzeit im Kampf gegen Corona mehr oder weniger gebrannt, gespendet oder auch verkauft, um den eigenen Bestand zu gewährleisten. Einige Brennereien stellen sogar selbst Desinfektionsmittel her.

In der österreichischen Destillerie Farthofer hat das Schnapsbrennen seit über 100 Jahren Tradition. Seit mehr als zehn Jahren beliefert das Familienunternehmen auch die Naturkosmetikbranche mit Neutralalkohol aus ihrem biologischen Weizen. Nun hat die Edelbrennerei ihre bestehende Genehmigung zur Herstellung von Desinfektionsmittel erweitert. Das Produkt: Desinfektionsmittel in Form von 100 Milliliter-Sprühflacons mit rund 75- oder 96-prozentigem Bio-Alkohol zu 8,90 oder 9,90 Euro. „Regionale Apotheken haben Sonderkonditionen erhalten, weil der Alkohol für kurze Zeit im Großhandel vergriffen war. So haben wir rasch ausgeholfen und sind überhaupt erst auf die Idee gekommen, Alkohol für Desinfektionszwecke anzubieten. Aus der Not heraus wurde dann der Desinfektionsspray im Sprühflacon entwickelt. In der Gemeinde spenden wir das Desinfektionsmittel, auch unseren ehrenamtlichen Mitarbeitern, die derzeit Besorgungen für ältere und Menschen der Risikogruppe erledigen“, sagt Josef Farthofer, der auf die Zeit nach Corona hofft. Denn wenn die Brennerei jetzt den gesamten Alkohol verkauft, könnte sie selbst mit der Produktion ihres Kernsegments edler Bio-Spirituosen nicht mehr zurechtkommen.

Desinfektionsmittel der Bio-Destillerie Farthofer
Desinfektionsmittel Deutsche Spirituosen Manufaktur

Desinfektionsmittel als willkommene Zusatzumsätze

Auch in der Schweiz wurden Brennereien plötzlich systemrelevant erklärt. „Zu ,normalen Zeiten‘ dürfen Schweizer Brenner keine Desinfektionsmittel herstellen. Aufgrund der aktuellen Lage hat das Bundesamt für Gesundheit Brennereien aber die Erlaubnis erteilt, diese befristet bis zum 31. August 2020 herstellen zu dürfen“, erklärt Urs Lüthy von der Brennerei Lüthy in Muhen. Denn wenn dringend benötigter Alkoholvorrat fehlt, und auch in der Schweiz ist Industriealkohol ein rares Gut: „Die Brenner haben ihn bestimmt. Natürlich ist es auch möglich, nebst bestehenden Schnapsvorräten relativ kurzfristig neuen Alkohol zu produzieren“, so Lüthy, der von Anfang an dabei ist. Mittlerweile sind es neben der größten Brennerei Diwisa auch viele kleine und mittelgroße, die solidarisch an einem Strang ziehen: Dem Herstellen von Desinfektionsmitteln.

Reich wird man damit auch in der Schweiz nicht. „Aber es sind willkommene Zusatzumsätze. Da Restaurants und Bars geschlossen sind, fehlen Bestellungen und somit die Umsätze in den Brennereien“, tönt der Schweizer Brenner in zweiter Generation, der unter anderem mit seinem Schweizer „andersRum“ aus 100 Prozent Schweizer Rohstoffen auf karibischen Rum antwortet und nebenbei auch den Generationen-Bauernhof mit Ackerbau und Obst betreibt. Auf Desinfektionsmittel wird keine Alkoholsteuer verrechnet. „Alkohol muss aber zwingend vorgängig entsteuert und denaturiert werden. Ansonsten wird Steuer geschuldet, dann wäre die Marge bei null“.

Zwischen Manufaktur und Marge

In Berlin stellt unter anderen auch die Deutsche Spirituosen Manufaktur auf Händedesinfektionsmittel um. Im Gegensatz zu den bereits erwähnten Brennereien in Österreich und der Schweiz fabriziert die in Marzahn ansässige und Premium-Spirituosen herstellende Manufaktur aus den Beständen ihres 96-prozentigen Ethanols Händedesinfektionsmittel nach WHO-Standard. Um die unter Einhaltung des hohen Reinheitsgrades und der Hygiene- und Sicherheitsanforderungen herstellen zu können, mussten die Geschäftsführer Tim Müller und Miteigentümer und Apotheker Dr. Konrad Horn in eine neue Anlage investieren.

Nach Umsatzeinbrüchen und offenen Rechnungen ist dieser Schritt mit langen Arbeitstagen vordringlich dem Überleben des fünfköpfigen Teams gedacht. „Der Not geschuldet. Wir sind aber die ersten, die davon wieder abspringen. Allerdings wussten wir vor zwei Wochen nicht, ob wir den Laden aufrechterhalten können. Jetzt sitzt unser Destillateur an der Abfüllung, der Markenbotschafter etikettiert und dreht die Flaschen zu, und unsere Motivation ist hoch“, so Tim Müller. Relativ hoch mutet auch der Preis von 10,95 Euro für 100 Milliliter an. „Die zu entrichtende Alkoholsteuer, das Investment in eine notwendige, komplett neue Anlage, gestiegene Rohstoffpreise um das 10-20-fache, Mitarbeiterstunden oder die Produktion nach WHO-Standard haben uns dazu bewogen, ein bisschen teurer auf den Markt zu gehen“, erklärt Müller, dessen Team rund 1,50 Euro an Marge pro Flasche bleibt. Ihr Solidaritätsakt: eine Spende von insgesamt 5.000 Desinfektionsmittel-Flaschen an Berliner Altenheime, die sie selbst beliefern. Auf diese Weise hat der gut vernetzte, ehemalige Fotograf sein Unternehmen in Magazine wie Brigitte und stern gehievt und es bis ins ZDF geschafft.

Herstellung von Desinfektionsmittel bei Rémy Cointreau
Herstellung von Desinfektionsmittel bei Rémy Cointreau
Desinfektionsmittel gegen die Corona-Krise: klarer wird's nicht
Desinfektionsmittel gegen die Corona-Krise: klarer wird's nicht

Weltweit wird für Desinfektionsmittel gebrannt

Nicht nur in Deutschland, Österreich und der Schweiz ansässige Brennereien stehen medizinischen Einrichtungen und Konsumenten mit ihren unterschiedlichen Produkten hilfreich zur Seite. Auch beispielsweise das im New Yorker Brooklyn situierte Start-Up Air Co., dessen revolutionärer und klimaschützender Vodka nur aus Kohlendioxid und Wasser besteht, brennt derzeit für Desinfektionsmittel.

Weltweit aktiv und vernetzt starten auch kapital- und kapazitätsstarke Spirituosen-Magnaten Solidaritätsaktionen gegen die Ausbreitung der Covid-19-Pandemie. Der französische Spirituosenkonzern Pernod Ricard kann tief in die Tasche greifen und Laboratoire Cooper 70.000 Liter an reinem Alkohol zur Verfügung stellen. Damit könnte der führende Hersteller von Desinfektionsgels laut ARD etwa 1,8 Millionen 50-Milliliter-Fläschchen produzieren. Auch der Luxusgüterkonzern LVMH (Louis Vuitton Moët Hennessy), Eigner der Champagnerhäuser Krug und Veuve Clicquot und namhafter Modehäuser, stellt in seinen Parfum- und Kosmetikfabriken auf die Produktion von Desinfektionsmitteln für Krankenhäuser um.

Die französische Rémy-Cointreau-Gruppe setzt Finanzmittel frei und spinnt ein feinmaschiges Netz aus Hilfsaktionen mit Integration lokaler Arbeitsstätten. So produziert die Bruichladdich-Brennerei in Kooperation mit einem lokalen Seifenhersteller Handdesinfektionsmittel, die direkt an Spitäler und Arztpraxen auf der schottischen Insel geliefert werden. . „In dieser Krise ist es für uns wichtiger denn je, unsere Werte zu leben, solidarisch zu sein und Hilfe zu leisten. Unsere Teams sind direkt am Puls der lokalen Märkte und unserer Werke. Sie leisten entschlossen Hilfe, soweit ihre Personalressourcen und Finanzmittel es erlauben und solange die Pandemie es erfordert“, sagt Eric Vallat, CEO der Rémy Cointreau-Gruppe. Alle Maßnahmen würden kostenlos durchgeführt, so die Unternehmensgruppe. Die Motivation dahinter: Solidarität und Altruismus.

Also Dinge, die hoffentlich auch nach der Pandemie nicht in Vergessenheit geraten.

Credits

Foto: Editienne

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