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Britisch-französischer Boulevard: der Champs Élysées Cocktail

Der Champs Élysées Cocktail ist ein Hybrid aus Last Word und Sidecar, einer jener vielen Halbvergessenen aus dem Savoy Cocktail Book. Doch er taucht schon früher auf. Als solcher ist der Cocktail vor allem auch eine Hommage an die Klassik. Aber er lohnt sich auch ganz für sich allein genommen. Denn: Uns bleibt immer noch Paris!

Manchmal sitzt man da und grübelt über Drinks. Dann rufen sich einem all diese verkannten oder vergessenen Kreationen in den Kopf, die selbst so viele eingefleischte Bartender nicht zu kennen scheint. Ob der vermuteten Extravaganz eines in der Rezeptur simplen, aber doch unbekannten Drinks, bestellt man dann doch lieber einen gediegenen, „normalen“ Manhattan oder Sidecar. Man will schließlich nicht sonderbar oder gar als Besserwisser rüberkommen.

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All that Jazz im Champs Élysées Cocktail

Klassische Cocktails sind gewissermaßen allesamt wie Jazz: Unangepasst und merkwürdig. Auf den ersten Blick – denn ihnen wohnt doch fast immer eine klare Schematik inne. Ja, sie fungieren wie diese disharmonischen Stellen in Miles Davis‘ So What oder auf Earth Tones von Grover Washington Junior. Sie ecken mit Methode an und bleiben in Erinnerung. Nicht, weil sie völlig zu Unrecht deplatziert erscheinen, sondern vor allem, weil sie für das Zeitlose und Beständige in einer Zeit voller Wandel stehen. Man greift auf sie zurück wie auf eine gute Platte von Ike Quebec. Aber auch eben auch nur, wenn man sie denn kennt.

Unternehmen wir daher praktisch einen Ausflug, ja ein kleines „Tête-à-tête“ mit unserem Date auf der französischen Prachtstraße schlechthin. Schlendern wir also genussvoll und weltmännisch wie ein fachgerechter Connaisseur über die geschichtsträchtige Champs Élysées und lassen uns diesmal nicht mit einem Sidecar oder Last Word zufriedengeben, sondern ordern den Drink gleichen Namens:

Der Champs Élysées Cocktail ist einer jener Halbvergessenen aus dem Savoy Cocktail Book

Champs Élysées

Zutaten

4,5 cl Cognac
1,5 cl Chartreuse Vert oder Chartreuse Jaune (je nach Geschmack)
2,25 cl Zitronensaft
1,5 cl Zuckersirup (1:1)
1 Dash Angostura Bitters

Der Champs Élysées Cocktail: Erst im Kleinen, dann die hohen Weihen das Savoy Cocktail Book

Allzu viel Schriftliches mag der Champs Élysées Cocktail nicht über seine Herkunft preisgeben. Seine erste Fixierung in Buchform jedoch legt nah, dass er in Großbritannien entwickelt und schlicht aufgrund seiner beiden französischen Hauptzutaten mit dem prunkvollen Namen des Pariser Boulevards versehen wurde: 1925 verzeichneten ihn Nina Toye und Alec Henry Adair (gelegentlich auch „Robin Adair“) auf Seite 28 ihres Rezeptbuchs Drinks––Long and Short unter der Rubrik „Miscellaneous Cocktails“. Eine Quelle nennen sie ebenso wenig wie eine Spezifikation bei der zu wählenden Chartreuse-Spielart – erhältlich waren zur Zeit der Veröffentlichung jedenfalls sowohl grüne als auch bereits die gelbe, mildere Spielart. Schmunzeln darf man wiederum ob der schmissigen Angabe „three glasses of brandy, one glass of Chartreuse“. Die Zutat „sweetened lemon juice“ darf wohl als Verweis darauf gewertet werden, dass auch seinerzeit viele Bars schon amtliches Premix-Mise-en-place verwendet haben.

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Lyre's American Malt

Ein Cocktail zum Flanieren. Aber mit Substanz

Die großzügige Bemessung der Zutaten übrigens ist wohl auch die Veranlassung für Harry Craddock gewesen, den Drink 1930 bei der Aufnahme in sein legendäres Savoy Cocktail Book mit der Anmerkung „(6 people)“ zu versehen. Diese Anmerkung ist auch die einzige Modifikation im Vergleich zu Toye und Adair, was den Blick auf eine spannende Randnotiz lenkt: Wie auch andere Fälle von Drink-Nennungen im Savoy Cocktail Book zeigen, hat Harry Craddock für sein Buch, das bis heute ein Referenzwerk darstellt, ganz offenbar keinesfalls alle Rezepte ausgemixt oder gar erfunden: Oft hat er sie eindeutig schlicht aus anderen Büchern zitiert, wie eben etwa den Champs Élysées, dessen Rezept er in exakt gleicher Form und sogar fast identischer Formulierung in sein Buch überträgt – also ebenfalls, ohne die Chartreuse-Sorte exakt zu definieren.

Ist man böse, so bezeichnet man den Champs Élysées Cocktail als einfachen Hybrid zwischen Sidecar und Last Word oder straft ihn gleich mit dem Prädikat „Cognac Sour“ ab. Sicherlich, all das ist der Champs Élysées ja irgendwo, und doch wird ihm diese Stellung nicht gerecht.

Die Schwere des Cognacs wird angereichert um die herben Noten der gewählten Chartreuse Vert oder Chartreuse Jaune, wobei der Drink reich an präsenten Zitrustönen ist, die mit Zuckersirup und Angostura abgerundet und um Würzigkeit ergänzt werden. Ebenfalls kann man am Verhältnis der Zutaten drehen: Das hier genannte Rezept ist vergleichsweise wet und fruchtig, während etwa Jim Meehan und der inzwischen verstorbene Sasha Petraske eine deutlich trockenere Variante vorgeschlagen haben. in jedem Fall ist der Champs Élysées ein Cocktail, der zum Experimentieren einlädt und gerade durch die Verwendung spezifischer Spirituosen noch ganz besondere Töne hervorheben kann und soll.

Der Champs Élysées Cocktail ist es wert!

Nehmen wir also diesen Nachmittag und stellen uns einen Spaziergang auf der menschenleeren Avenue vor, lassen Jazz durch die Kopfhörer fließen und flüchten uns vor der uns einholenden Realität in selbigen Drink. Er ist es wert. Santé! Oder, angesichts seiner eigentlichen Heimat aus: Cheerio!

Credits

Foto: Sarah Swantje Fischer

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