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Der Bronx Cocktail zwischen Vermächtnis, Verdammnis und Vision

Der Bronx Cocktail trägt seinen Namen nicht aus Zufall, sondern wurde Anfang des 20. Jahrhunderts in New York erfunden und nach dem Zoo im Stadtteil Bronx benannt. Trotzdem hat der Klassiker wesentlich weniger Freunde als viele andere Drinks aus dieser Zeit. Das hat vermutlich einen Grund: Orangensaft. Ist das gerecht? Wir haben uns dem Bronx Cocktail genähert.

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Banner Brown Forman/Bar-Fabric

Es gibt wenige Zutaten, die einem Bartender so schnell die Mundwinkel nach unten sinken lassen wie Orangensaft. Damit einen Drink zu machen, ist wie eine:n Regisseur:in zu bitten, eine Komödie zum Thema „Heiratsschwindel“ zu drehen: Es braucht ein verdammt starkes Drehbuch, damit das Ding nicht platt wie ein Pfannkuchen wird.

Der geliebte O-Saft hat als Frühstücksbegleiter zwar seinen unverrückbaren Platz am kulinarischen Olymp, aber abends im Shaker? Nicht so sehr. Er bringt weder das spitze Mundgefühl noch die dichte Konsistenz von Zitronen- oder Limettensaft mit, um sich in Drinks zu behaupten und sie stramm zu halten, und nicht von ungefähr sind derartige Klassiker kaum zu neuem Leben erweckt worden. Badeentengelbe Vodka-O-Granaten der Achtziger Jahre zählen an dieser Stelle nicht.

Bronx Cocktail

Zutaten

5 cl Plymouth Gin
2 Barlöffel Wermut extra trocken Freimeisterkollektiv
2,5 Barlöffel Cocchi Vermouth di Torino
2 Barlöffel frisch gepresster Orangensaft
1 Orangenzeste (mitshaken)

Der Bronx Cocktail in der Interpretation der Berliner Lang Bar

Ab ins Waldorf Astoria. Nach Berlin.

Aber es gibt – wie immer natürlich– Ausnahmen. Eine wäre der Blood & Sand, in dem sich Orangensaft mit rauchigem Scotch zu einer stimmigen Symbiose vereint. Ein anderer wäre der Bronx Cocktail. Dieser wurde Anfang des 20. Jahrhunderts erfunden und erstmals 1908 veröffentlicht, und das in gleich drei Büchern aus jenem Jahr. Vieles deutet darauf hin, dass der Drink in der Bar des Waldorf Astoria in New York erfunden wurde, entweder von Barchef John O’ Connor oder, etwas später, vom Bartender Johnnie Solon. Seinen Namen soll er anlässlich des 1898 eröffneten Zoos in der Bronx verliehen bekommen haben, und eine Zeitlang war der Bronx Cocktail, so will es zumindest die Legend, der beliebteste Cocktail der Stadt überhaupt.

Restlos werden sich diese Angaben nicht klären lassen, aber wo könnte man sich dem Geheimnis des Bronx Cocktails besser nähern als im Waldorf Astoria? Eben, nirgendwo. Zugegeben, der Weg nach New York wäre für einen einzelnen Drink etwas weit und auch wenig umweltfreundlich, aber warum in die Ferne schweifen, wenn das Gute liegt so nah? In diesem Fall ist dieses Gute die Lang Bar im Waldorf Astoria in Berlin. Ein Ort, an dem der Bronx Cocktail tatsächlich kein Dasein als Mauerblümchen führt, sondern aktiv zelebriert wird.

Bronx Old Waldorf Style als fruchtiger Martini-Twist

Die beiden Bar-Verantwortlichen Steffen Liebehenz und Tuan Anh Nguyen betrachten „ihren“ Cocktail nämlich durchaus als gelebte Tradition. „Wir sehen den Bronx als einen der wichtigsten Drinks, den uns das Waldorf in New York vermacht hat“, so Steffen Liebehenz. „Aus diesem Grund steht er auch in unserer Karte als ‘Bronx Old Waldorf Style’ an erster Stelle und wird dort auch bleiben. Wir interpretieren ihn etwas kräftiger als in den alten Überlieferungen und sehen ihn als fruchtigen Perfect Martini.“

Liebehenz und Anh Nguyen eint nicht nur die Tatsache, dass sie die Lang Bar in einer Art paritätischer Doppelspitze leiten, sondern auch ihre gemeinsamen Wurzeln im Becketts Kopf. Die Produktversessenheit und Akribie, die man dort an den Tag legt, haben die beiden in die wunderbar gelegene Hotelbar am Kurfürstendamm mit übernommen und auch in ihrer modernen Variante des Bronx eingesetzt. „Fünf cl Plymouth Gin, zwei Barlöffel extra trockener Wermut Freimeisterkollektiv, zweieinhalb Barlöffel Cocchi Wermut, 2 Barlöffel frisch gepresster Orangensaft und eine mitgeshakte Orangenzeste“, zitiert Tuan Anh Nguyen die Rezeptur, und natürlich habe man auch an einer Sache getüftelt: dem Orangensaft.

Mehr Bitters als Saft

„Orangensaft funktioniert tatsächlich nur schwierig, da viele Drinks damit zu schlaff oder seicht schmecken. Aber darin besteht die Herausforderung“, so Anh Nguyen. „Wie beim Blood & Sand ist der Einsatz von Orange eben nicht beliebig, sondern gezielt. Die fruchtig-bittere Ätherik steigert die Komplexität der Wermuts und gleichzeitig entsteht eine Leichtigkeit. Daher ist das Zusammenspiel zwischen Orange und Wermut stark genug, um sich gegen die Kraft von Wacholder zu behaupten.“

„Die mitgeshakte Zeste rundet den Drink mit ihren ätherischen Ölen ab. Hat man keinen frisch gepressten Saft zur Hand, würde ich eher auf Bitters setzen denn auf Fertigware“, ergänzt Steffen Liebehenz, „Das Eis sollte doppelt gefrostet sein, da sonst zu viel Schmelzwasser entsteht, ohnehin der Feind von trockenen Drinks. Der Bronx sollte auch nicht zu lange geschüttelt werden. Er braucht aber im Gegensatz zu einem Martini die Luft, die beim Shaken entsteht.“

Neue Freunde für den Bronx Cocktail

Und wahrscheinlich braucht er auch seine Geschichte und einen Ort, der mit ihr in Verbindung steht. „Wir hoffen, dass der Bronx Cocktail wieder etwas mehr Freunde gewinnen kann“, sehen die beiden Bartender auch einen Auftrag „außerdem ist er ein prima Drink fürs Storytelling.“

Eben. Denn auch der Berliner Zoo befindet sich nur einen Steinwurf vom Waldorf Astoria entfernt …

Credits

Foto: Sarah Swantje Fischer

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