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Die Cantina Méxicana

Pub, Kneipe, Saloon, Trinkhalle oder Bar. Viele Länder haben viele Ausdrücke für ihre landestypischen Trinkstätten und Halbweltorte. Doch keine hat sich derart zu einer zwielichtigen Parellelwelt entwickelt wie die mexikanische Cantina. Unser mexikanisch-bajuwarischer Gastautor Aíren ist für uns auf Streifzug gegangen durch den urbanen Sumpf aus Agavenbrand, Bier, Gewalt, Melancholie und Sex. Viel mehr als nur eine Geschichte.

Es gibt diese Stelle in Malcolm Lowrys Säuferepos “Unter dem Vulkan”, da beschreibt der von Trunksucht gezeichnete und dennoch so leidenschaftlich dem Alkohol verfallene Konsul das Gefühl, das ihn beim Betreten einer Cantina heimsucht: “Welch Schönheit ist vergleichbar mit der einer Cantina in den frühen Morgenstunden. Nicht einmal die Tore des Himmels, die sich eines Tages weit öffnen werden, um mich zu empfangen, könnten mich mit einer so umfassenden Freude erfüllen, solch einem himmlischen und lang ersehnten Genuss.”

Die Cantina Méxicana

Dieser jenseitige Ort, niedergegangen auf der staubigen Erde der Sierra Madre, um die Einsamkeit des mexikanischen Mannes warmaufzufangen, hat einen ganz besonderen Platz in der Kultur der mittelamerikanischen Nation. Die Cantina ist ein Rückzugsort, eine Zeitkapsel, ein sagenumwobenes Paralleluniversum, in dem die harten Regeln der Alltagswelt Glas für Glas und Lied für Lied zu einem schummrig-düsteren Paradies zerfließen.

Sie ist so viel mehr als eine Bar, in der einem der schnauzbärtige Kellner einen Tequila und ein Bier auf den Tisch knallt – sie ist ein Ort der inneren Einkehr, eine Insel der Kontemplation, ein Zauberreich, in das sich der mexikanische Mann zurückzieht, um mit der Welt und sich selbst ins Reine zu kommen. Hier kehrt er sich von der Existenz ab und tritt ein in eine Zwischenwelt des Rausches, in der alles in Ordnung ist, solange man die Welt nur durch das gewölbte Glas betrachtet, in dem das Agavendestillat schwappt. So groß ist die Bedeutung der Cantina, dass sie sich zu einer nationalen Institution ausgewachsen hat, um die herum eine ganze Kultur entstanden ist, mit ihren eigenen Gebräuchen, Gesängen, Gerichten und Geschichten.

Ein Ort von Gringos für Gringos

Es war um das Jahr 1847 herum, als sich amerikanische Soldaten durstig durch die von Staub bedeckten Straßen der gerade von ihnen besetzten Ciudad de México schleppten und nirgends so recht das fanden, was sie von den Siedlungen nördlich des Río Grande kannten – Saloons, die man durch zwei Schwingtüren betrat und hinter denen sich das anarchische Szenario der Verderbnis entfaltete: leichte Mädchen, verwegene Typen, Betrunkene, die mit einem Cowboyhut im Gesicht auf einem Schemel in der Ecke dösen, unrasierte Typen mit zwielichtigem Lächeln, schallendes Gelächter, Kartenspiel, Domino und Würfel und eine lange Bar, hinter der all das aufgereiht ist, was sich aus Agave, Zuckerrohr und Weizen brennen lässt. Wenn der Saloon der sichere Hafen für jeden Cowboy des Wilden Westens war, wo konnte sich dann ein Desperado in Mexiko anständig betrinken?

Ein paar geschäftstüchtige Gastronomen nahmen sich des Durstes der Soldaten an und eröffneten Bars, die eine Mischung aus den Saloons der Südstaaten und den Tascas der Spanier verkörperten. Schummrige Kneipen mit Schwingtüren, Tequila und Bier, ein paar Snacks und in den gut besuchten Stunden eine kleine Mariachi-Band – vier, fünf Musiker in schlecht sitzenden Uniformen, die auf verstimmten Geigen die angesagten Schmachtfetzen jaulten. Das war schon viel besser als die schäbigen Pulquerías der Vorstädte, an deren Türrahmen abgerissene Tagelöhner lehnten, denen der schleimige, vergorene Agavensaft vom Kinn tropfte. Ihre Fusion aus amerikanischen Trinkgewohnheiten und mexikanischem Interieur nannten die Gastwirte “Cantinas”, abgeleitet aus dem Lateinischen, wo die “cantina” jene Kammer bezeichnete, in der die Weinflaschen lagerten.

Als die Gringos ein Jahr später aus Mexiko abzogen (und die Hälfte des Territoriums erbeutet hatten), zählte die mexikanische Hauptstadt bereits elf Cantinas … und es wurden immer mehr! An allen Ecken schienen sie nun aus dem Boden zu wachsen, bunt gestrichene “Häuserfronten mit eckigen Lettern über dem Eingang: “Los Tres Hermanos”, “El Mariachi Loco” oder schlicht “La Vaca”, die Kuh, denn ihre Bar war nicht viel mehr als das Euter für die Trinkfreudigen des Viertels.

Der Spiegel des mexikanischen Machismo

Es muss etwas gewesen sein an diesen Tempeln des Lasters, das mit der machistischen Trinkkultur der Mexikaner eine ganz natürliche Symbiose einging. Die dunklen Kaschemmen, zu denen nur Männer Zutritt hatten, waren die perfekte Brutstätte für jene sentimentale Melancholie, die der mexikanischen Seele so zu eigen ist: Nur hier, mit einem Glas Tequila als einzigem Genossen und auf sich selbst zurückgeworfen, fühlte sich der Macho verstanden. Allein oder mit ein paar Leidensgenossen frönte er bei einem Tequila oder ein paar Bier mit Limettensaft der traurig-schönen Depression.

Die Beziehung der Mexikaner zu ihren Cantinas nahm sakrale Züge an, und eine ganz neue Trinkkultur entstand, die die Männer Wochenende für Wochenende in die Arme der Schwingtüren trieb – sehr zum Leidwesen der Señoras, die ihren Marido oft erst im Morgengrauen zu sehen bekamen. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts zählte Mexico City bereits über 1000 Cantinas. Nun standen sie wirklich an jeder Ecke, eine Schwingtür, die Mann für Mann verschluckte, und von draußen vernahm man nur das Gröhlen und Fetzen der Musik und das Quietschen der Türen, wenn die Trinkhalle wieder einen Betrunkenen auf das Pflaster der Hauptstadt spuckte.

In diesen Jahren kam der Brauch auf, kleine Snacks zu den Getränken zu servieren. Und nicht irgendwelche Chips oder gesalzene Erdnüsse, nein! Dazu hielten die Wirte, die sich noch immer als Gastronomen verstanden, viel zu viel auf ihre Esskultur. Es gab Shrimpsüppchen, marinierte Rippchen oder im Erdloch geräuchertes Hammelfleisch. Es gab mit Käse gefüllte Maisfladen oder mit Granatapfel bestreute Poblano-Chilis. Diese botanas wurden bald zum Qualitätsmerkmal jeder guten Cantina, und wer etwas auf sich hielt, bereitete gut und gerne zehn oder zwölf verschiedene Gerichte zu. Zu jedem Drink konnte man sich ein kleines Tellerchen bestellen. Und zwar umsonst! Nun war die Parallelwelt komplett: Essen, Trinken und Freundschaft. Auch wenn sie nur der Alkohol geschlossen hatte – hier konnte ein Mann einen ganzen Tag, ein ganzes Wochenende, ja ein ganzes Leben verbringen!

Weib, Wein & Gesang? Wein wohl eher nicht…

Es waren die 50er, die goldene Ära der Cantinas, denen ein geradezu sagenhafter Ruch des Männlichen, Verbotenen und Finsteren vorauswehte. Geschichten wurden erfunden und weitererzählt, Geheimnisse und Gerüchte machten die Runde, Geschäfte, die man lieber nicht in der oficina besprach, wurden an den speckigen Tischen der Trinkhalle geschlossen. Und die einzigen Frauen, die in manche der Cantinas eintreten durften, waren die hübschen jungen Dinger mit dem verruchten Lächeln und der Geldbörse am Strumpfband. Doch was in der Cantina passierte, blieb in der Cantina. Ein Schild neben dem Eingang hielt ungebetene Gäste fern: “Zutritt für Uniformierte, Verkäufer, Frauen und Hunde verboten!”

Die Rancheras genannten Schmachtfetzen, die den Soundtrack für das schwermütige Besäufnis lieferten, kamen mit dem technischen Fortschritt immer öfter auch aus der Jukebox, die bald zum festen Interieur jeder Cantina gehörte. Nicht wenige hatten die Melancholie des Kneipenlebens selbst zum Gegenstand:”Ich sitze in der Ecke einer Cantina, und hör das Lied, das ich bestellt hab, jetzt servieren sie mir meinen Tequila, und meine Gedanken wandern zu dir.”

Lieder wie “En el rincón de una cantina” von José Alfredo Jiménez waren exemplarisch für das Lebensgefühl der Bargestalten in jenen Jahren: der Liebeskummer, der seine Erlösung im Tequilaglas findet, der Alkohol als Schmierstoff, mit dem man sich in sein Schicksal fügt; und die Cantina als Beichtstuhl, Kloster und Himmelspforte in einem.Im Jahr 1982 – das Sakrileg! Ein internationaler Feminismuskongress hatte ausgerechnet Mexico City zu seinem Austragungsort auser-wählt – das Herzstück des Machismus. Und dem Bürgermeister Hank González fiel kein populistischerer Schachzug ein, als anlässlich des Frauenforums die letzte Bastion der Männlichkeit zu kippen: Per Dekret hob er das Zutrittsverbot für Frauen in Cantinas auf, und allerlei Weibsgesindel flutete von heut auf morgen die schummrigen Häfen der Maskulinität.

Seitdem, glaubt man Traditionalisten, geht es bergab. Von den 150 Cantinas, die allein das historische Zentrum der Hauptstadt in den 1950ern bevölkerten, stehen heute gerade noch einmal 35. Sind der Stadt die Trinker abhanden gekommen? Verwässern Frauen und Touristen die einst so heimelige Atmosphäre des Suffs? Natürlich nicht. Die Cantina ist noch immer ein urmexikanisches Kulturgut. Man geht in die Cantina, um den Feierabend zu betrinken oder den Abschluss eines Geschäfts, um einen Geburtstag oder Namenstag zu feiern oder das Tor der Lieblingsmannschaft zu bejubeln. Hier begießt man den Anfang einer großen Liebe oder deren pathetisches Ende, hier werden Männerbünde geschmiedet, die ein ganzes Leben halten oder nur, bis der Kater einsetzt. Oder man stillt einfach nur seinen Durst und die Sehnsucht nach ein bisschen Spiritualität.

Denn man braucht nur dazusitzen und zuzuhören, wie Herzen ausgeschüttet werden und die harten Fakten des Tages im Lampenlicht transzendieren, um zu sehen, was die Cantina wirklich ist: die Kirche für den, der für ein paar Stunden den Glauben verloren hat, das Liebesnest für den, dessen Vogel längst fortgeflogen ist, ein Hafen für Wracks und ein Himmel für Glückselige. So ist der Lauf der Dinge, und es gibt nichts, was man tun kann, als sich ihm zu ergeben. Das ist das Leben, nicht mehr und nicht weniger, und nirgendwo wird es so inständig zelebriert wie hier, in der Cantina Méxicana.

 

Dieser Artikel erschien erstmals in der MIXOLOGY Ausgabe 4/15.

Credits

Foto: Cantina via Shutterstock

Comments (1)

  • Dr. Ogen

    Airen lebt noch?

    Ansonsten sind cantinas auch meine lieblingskneipen, immer was los und man bekommt anständiges essen.

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