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Reden ist Silber, Schweigen ist Grün: Zu Besuch bei Chartreuse

Chartreusegrün ist eine Farbe, die man keinem Bartender erklären muss. Der Ursprung der Spirituose liegt in einem Orden, der sich einem der härtesten Schweigegelübde verpflichtet hat. Martin Stein hat eine kleine Pilgerreise in die Große Kartause unternommen.

Wenn einem der etwas ältere und deutlich fittere französische Gastgeber am Fuße des Berges mit seinem allerliebsten Akzent mitteilt, es sei „just a little walk“ da hinauf, dann ist dieser Aussage keinesfalls zu trauen. Das ist eine Falle. Was folgt, lässt sich eher unter die Rubrik „Nahtoderfahrung, Natur, diverse“ einordnen.

Als unerschrockener, aufopfernder Journalist sowie Betreiber einer Regensburger Bar, deren Chartreuse-Verbrauch deutschlandweit schwer zu toppen sein dürfte (wobei manches sogar von Gästen getrunken wird), war mir aber, ungeachtet aller persönlichen Risiken, die intensive und tiefschürfende Recherche zu diesem Thema ein besonderes Anliegen. Denn selbst wenn man einen besonderen Abend in Regensburg mit drei Tätowierern, viel Chartreuse und nur statistisch insignifikanten Fehlleistungen beim Stechen des Logos auf unsere begnadeten Körper außer Acht lässt – wir alle wären exquisite Mönche geworden, mal von den Punkten mit der Enthaltsamkeit, dem Schweigen und der Moral allgemein abgesehen. Also los.

Wer war zuerst da: die Berge oder das Kloster

Als Bruno von Köln im bekanntermaßen völlig übervölkerten 11. Jahrhundert für sein Kloster die Mutter aller Einöden suchte, da wurde er in einer Gebirgsgegend nahe Grenoble fündig, die so abgelegen war, dass man bis heute eigentlich nicht so genau weiß, ob das Kloster nach den Bergen oder die Berge nach dem Kloster „Chartreuse“ genannt wurden.

Sicher ist spätestens seit QuentinTarantinos Death Proof, dass Charteuse der einzige Likör ist, der so gut ist, dass eine Farbe nach ihm benannt wurde. Außerdem ist sicher, dass es eine ziemliche Plagerei ist, für den zugegebenermaßen großartigen Blick auf das Kloster der Grande Chartreuse die Epikuräerwampe auf einen Gipfel zu wuchten, den ich auch gerne unberührt gelassen hätte.

Vor allem ist es ein Unding, diesen großartigen Likör mit seiner über 400-jährigen Tradition durch neumodischen Firlefanz wie Bergsteigerei zu ehren. Das macht man vor der Bar im Sitzen und hinter der Bar im Stehen. Möglicherweise anschließend im Liegen. Und seit kurzem kann man es sogar lesend erledigen: Die Mönche (und ihre weltlichen Helfer) haben ein prachtvolles Werk herausgebracht, das auf 350 Seiten alles an Informationen bietet, um auch exorbitanten Konsum eloquent rechtfertigen zu können – bis auf das Rezept natürlich, aber immerhin darf man ein paar faksimilierte Manuskriptseiten bestaunen. „Chartreuse. La Liqueur“ heißt das Werk im französischen Original, für die englische Ausgabe kongenial zu „Chartreuse. The Liqueur“ transformiert. Das Buch, das leider nur direkt über Chartreuse und einige verbundene Verkaufsstellen bezogen werden kann, ist eine wahre Fundgrube zur spannenden und geheimnisvollen Geschichte eines Likörs, die jederzeit eine Verfilmung mit Tom Hanks in der Hauptrolle verdient.

Chatreuse Große Kartause
Alte Mauern stehen noch, die Spirituose wird jedoch längst auf modernen Anlagen hergestellt
Nur zwei Mönche kennen das Geheimnis der Rezeptur von Chatreuse.

Die Chartreuse verte kam erst später

Die Eckpunkte sind bekannt, aber dann auch wieder nicht: Im Jahr 1605 (vermutlich, denn tatsächlich lässt sich auch dieses wichtige Datum nicht verifizieren, aber so erzählt man es sich eben) machte ein gewisser Marschall d’Estrées, von dem man auch nicht viel weiß, den Mönchen der Pariser Außenstelle des Kartäuserordens das Ursprungsrezept zum Geschenk. Dann passierte lange nicht viel (zumindest nicht viel, von dem man wüsste), und erst über hundert Jahre später wanderte das Rezept ins Mutterkloster, wo das erste Elixier hergestellt wurde, das, damaligem Zielgruppendenken entsprechend, gegen und für alles half.

Die heute allbekannte Chartreuse verte wurde wiederum erst viel später dazu erfunden, um dem besonders nach der französischen Revolution arg darbenden Orden eine zusätzliche Einnahmequelle zu verschaffen. Und unzähligen Bartendergenerationen als Zwischenschicht-Vitaltonikum zu dienen. Das Élixir Végétal in seiner gedrechselten Holzhülle gibt es auch nach wie vor; es stellt mit seinen 69% Vol. eine hochinteressante Alternative zu den bekannteren Cocktail Bitters dar und hilft bei äußerer Anwendung ausgezeichnet gegen Juckreiz nach Mückenstichen.

Wechselreich und spannend ist die Geschichte der Kartäuser und ihres Likörs, und wenn das denn möglich ist, dann führt das Blättern im Buch zu einer noch massiveren Ehrfurcht beim Genuss. Erdrutsche, Revolutionen, die Vertreibung aus dem Stammkloster, dazu die Irrwege des Rezepts – glücklich kann man sich schätzen, dass die Chartreuse überhaupt die Zeiten überdauert hat. Aber die Mönche gehen auch mittlerweile davon aus, dass das Geheimnis der Chartreuse auch ganz von sich aus bei ihnen bleiben will. Zu viele Gelegenheiten hätte es schon gegeben, sich aus dem Staub zu machen, und doch kam es immer wieder zu den Kartäusern zurück, die sich mit der Gelassenheit einer Gemeinschaft darum kümmern, welche sich einem der härtesten Schweigegelübde überhaupt unterzogen hat; bei dem man seinen nächsten Verwandten einmal im Jahr für 48 Stunden sehen darf, und wo der Tagesablauf keine Ruhephase von mehr als vier Stunden vorsieht.

Chatreuse Kloser Mönche
Mönche der Chartreuse sehen ihre engsten Verwandten nur für 48 Stunden im Jahr

Chartreuse hat andere Maßstäbe für Raum und Zeit

Soll man die gelbe Chartreuse wieder auf 43% Vol. anheben? Bevor das passierte, hat man gründlich darüber nachgedacht. Jahrelang. Pressiert ja nicht. Die Maßstäbe für Raum und Zeit sind hier grundsätzlich anders als praktisch überall außerhalb der Klostermauern. Da sind Menschen am Werk, deren Denken grundsätzlich über die eigene Existenz hinausgeht – man stelle sich die mittlerweile so üblichen wie unsäglichen Mitarbeitergespräche in diesem Rahmen vor: „Wo sehen Sie sich in dieser Firma in 200 Jahren?“

Mittlerweile läuft die Destille in Aiguenoire, die siebte Produktionsstätte der Chartreuse-Geschichte. Wunderschön fügen sich die Bauten in die Umgebung ein, sehr gelungen ist die Einbeziehung alter Gebäude vor Ort. Ein Besucherparkplatz ist nicht einmal vorgesehen; auch außerhalb der Klostermauern ist Öffentlichkeit nicht das Hauptaugenmerk einer Marke, deren jährlicher Ausstoß etwa einem Prozent dessen entsprechen dürfte, was Jägermeister unter die Leute bringt. Ein mit Draht an einer Laterne angebrachtes Schildchen verbietet das Filmen und Fotografieren – und zeigt im Schattenwurf tatsächlich das Wappen des Kartäuserordens. Unser Führer lächelt und zuckt mit den Achseln. An die kleinen Wunder des Alltags ist man hier gewöhnt.

Last Word Cocktail

Zutaten

2 cl Gin
2 cl frischer Limettensaft
2 cl Chartreuse Verte
2 cl Maraschino

Nutzlöse Mönche und ihr nützliches Wissen

Wir treffen tatsächlich einen der beiden Mönche, die als einzige das Rezept zur Herstellung kennen, und der darf außerhalb des Klosters auch mit uns reden. Ja, wie wird man denn für diese Position ausgewählt? Ach, das sei einfach, meint Frère Jean-Jacques: Das machen die Mönche, die man am wenigsten zu irgendetwas anderem gebrauchen kann … klar. Sowas dachte man sich ja irgendwie. Momentan wird übrigens darüber nachgedacht, noch einen dritten (ansonsten wahrscheinlich nutzlosen) Mönch mit einzubeziehen, um der gesteigerten Nachfrage gerecht zu werden. Auch diese Entscheidung wird aber sicher nicht übers Knie gebrochen werden.

Die Träger des heiligen Rezeptes dürfen aus Sicherheitsgründen zum Beispiel nicht miteinander Auto fahren oder reisen; sie gebärden sich dennoch nicht als große Mysterienhüter, sondern eher als Vehikel zur Ausübung einer Tradition, die selbst sie nicht zur Gänze verstehen – zu komplex sind die Zusammenhänge der Bestandteile, zu unüberschaubar die Wechselwirkungen. Auch die Eingeweihtesten sind also bestenfalls Halb- oder Dreiviertelilluminaten.

Chartreuse-Plagiate für den Hausgebrauch

Was natürlich nie ein Grund für Außenstehende war, sich nicht am Plagiat zu versuchen – neben den Fälschungen, die oft auch die Flaschen imitierten, bietet etwa das deutsche „Universal-Lexikon der Kochkunst“ von 1878 sogar eine kleine Bastelanleitung für den Hausgebrauch: „Die Mönche halten das Recept sehr geheim, eine Nachahmung desselben kann man herstellen, indem man zu 1/2 Liter Alkohol 8 Tropfen Wermuth-Essenz, einen Tropfen Zimt-Essenz, einen Tropfen Rosen-Essenz und 400 Gramm mit 1/2 Liter Wasser geklärten Zucker mischt, die Flüssigkeit filtrirt, in Flaschen füllt, verkorkt, versiegelt und erst mindestens 6-8 Wochen liegen läßt, bevor man den Liqueur in Gebrauch nimmt.“

Ein wunderschönes Beispiel deutscher Effizienz – 130 Kräuter? Völlig übertrieben. Ein Tröpfchen hier, ein Tröpfchen da, Zucker und Alkohol, und fertig ist der Kartäuserschnaps. Was die Mönche wohl zu diesem schnöden Plagiat gesagt hätten? Na, nix halt. Nix hätten sie gesagt. Ganz lässig weitergeschwiegen, das hätten sie.

Anmerkung: Martin Stein besuchte den Chartreuse-Orden im Rahmen einer zweitägigen Reise für BartenderInnen.

Credits

Foto: PR; Martin Stein

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