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Der Chartreuse Swizzle: Alter Trick in neuem Gewand

Der Chartreuse Swizzle lässt schon durch seine Namensgebung keinen Zweifel aufkommen, welcher Kräuterlikör in dem Drink den Ton angibt: die grüne Chartreuse. Über den Ursprung eines Neo-Klassikers aus San Francisco.

Der Chartreuse Swizzle ist – um es gleich mal vorwegzunehmen – ein wunderschöner Neo-Klassiker, der gekonnt zeigt, wie zwei Drink-Dinosaurier zur Zeugung eines flinken und gefährlichen, Velociraptor-ähnlichen Nachwuchses animiert werden.

Die Geschichte der Swizzle-Gattung geht dabei ins frühe 19. Jahrhundert zurück und legt (mit den ersten Eishäusern in der Karibik) einen der Grundsteine für den Schirmchendrink, den Inbegriff des alkoholisch unterfütterten Strand-und-Sonne-Feelings. Wogegen im Grunde natürlich auch überhaupt nichts einzuwenden ist, gute Zutaten mal vorausgesetzt.

Dieser Mix-Opa bildet also die Basis für einen Twist mit einem Likör, der zumindest gefühlt auch alt genug ist, um in den Feldflaschen der Tempelritter für das gewisse Extra an Kampfgeist gesorgt zu haben. Was letztlich auch bedeuten könnte, dass diese am Ende schlicht vergessen hatten, wo man den heiligen Gral verbuddelt hatte.

Der Chartreuse Swizzle bedient sich alter Tricks

Ist halt schon stark, das Chartreuse-Zeug, mit seinen 55 Volumenprozent. Der Chartreuse Swizzle bedient sich nun eines Prinzips, das gerade bei alten Rezepten häufig Anwendung fand: Kräuterlikör wird anstelle von Bitters verwendet; ein Barlöffel Absinth gibt vielen Drinks noch zusätzliche Dimension, ohne sich aufzudrängen.

Denn wie andere, französische Einwanderergetränke (Wermut, Absinth), wurde auch die Chartreuse gegen Ende des 19. Jahrhunderts zunehmend in alkoholische Mischgetränke integriert, durchaus original frankophil in einem Pousse Café oder auch, bei Harry Johnson, in dessen Bijou.

Erfunden wurde der Chartreuse Swizzle in San Francisco

All das weiß der Erfinder des Chartreuse Swizzle, bloß gibt er sich natürlich nicht mit einem Barlöffelchen zufrieden, sondern gönnt seiner Schöpfung gleich mal ordentliche eineinhalb Flüssigunzen von der grünen Nonne. Der Swizzle-Gegenpart mit Ananas (frisch natürlich), Limette und Falernum ist aber auch ein Superlativ des Süffig-Gefälligen, da kann man schon mal ein größeres Kaliber dagegensetzen.

Zum Initiationseid des Kleinstadtjournalisten gehört ja das feierliche Gelübde, sich bloß keinen Kalauer, kein offensichtliches Wortspiel, keine Doppeldeutigkeit entgehen zu lassen: das Abstaubertor muss erst mal gemacht werden, bevor man Fallrückzieher übt. Es darf über keine Feuerwehrfeier berichtet werden, ohne dass dabei ein zu löschender Durst unerwähnt bleibt, und unter keinen Umständen kann ein Bericht über ein Priesterjubiläum jemals ohne den Begriff „leibliches Wohl“ auskommen.

Es ist aber in unserem Fall tatsächlich auch nicht leicht, den Nachnamen des Chartreuse-Swizzle-Schöpfers zu übergehen: Marcovaldo Dionysos hat mit seinem Chartreuse Swizzle 2003 in San Francisco einen Wettbewerb gewonnen, und die Vorstellung, die so urkatholische Chartreuse in den Händen des Gottes der Ausschweifung und der Trunksucht zu wissen, ist schon ein bisschen reizvoll.

Chartreuse Swizzle

Zutaten

4,5 cl Chartreuse verte
3 cl Ananassaft
2,5 cl frischer Limettensaft
1,5 cl Falernum

Der Chartreuse Swizzle wurde 2003 erfunden

Schmeckt harmloser als er wirkt

Das Resultat dieses griechisch-römischen Ringens ist aber tatsächlich ein Musterexemplar geglückter Ökumene, das zur sofortigen, gemeinsamen Eucharistie einlädt: die Chartreuse verleiht dem Drink nicht nur zusätzliche Süße (von der er eigentlich schon genug gehabt hätte), sondern auch eine Menge Komplexität. Mit dem Swizzle oder auch vergleichbaren Tiki-Drinks hat er gemein, dass er viel harmloser schmeckt, als er wirkt; daran ändert auch die Chartreuse nicht viel. Und nach wie vor kann man damit bestimmt gut irgendwo am Strand rumsitzen, aber, das möchte ich behaupten, hat man (vermutlich durch die Kräuternoten) viel tiefsinnigere Gedanken als bei einem reinen Saft-Rum-Zitrusgemisch.

Eventuell mag man nach einem bestimmten Quantum dann auch nicht Micki Krause mitgrölen, sondern stattdessen einen geschmeidigen gregorianischen Choral anstimmen. Und vielleicht hat man ja auch dann noch eine Eingebung, wo damals dieser doofe Gral versteckt wurde.

Die sollte man sich dann aber gleich aufschreiben. Vorsichtshalber.

Credits

Foto: Sarah Swantje Fischer

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