TOP

Christian Heiss über seine Ausbildung zum Mentaltrainer, und was er der Barszene dadurch vermitteln will

Christian Heiss ist vor allem bekannt als Barchef der Kronenhalle Bar in Zürich. Gleichzeitig befasst er sich seit Jahrzehnten mit östlicher Philosophie, Kampfkunst, Yoga oder Quantenphysik. Nun hat der »Gastgeber des Jahres 2020« bei den Mixology Bar Awards eine Ausbildung als Mentaltrainer absolviert, denn er findet: Gerade auch Akteure in der Barszene können von mentalem Training profitieren. Aktuell mehr denn je. Wir haben ihn zum Interview gebeten.

Das vergangene Jahr war auch für Christian Heiss ein Jahr der Extreme. Das Corona-Virus blieb für den Barchef der Kronenhalle Bar nicht nur theoretischer Natur, sondern er hatte selbst mit einer Infektion zu kämpfen. Diese hat er glücklicherweise rasch und gut überstanden. Gleichzeitig hat der ausgebildete Yogalehrer und Kundige in östlicher Philosophie auch eine Ausbildung zum Mentaltrainer absolviert. Als solcher will Christian Heiss nun neben seiner Tätigkeit als Barchef der Kronenhalle Bar auch Kollegen in der Barbranche in Coaching-Gesprächen unter die Arme greifen. Mit einem bewussten, systematischen Gedanken-Management für Regeneration, Gewinn mentaler Stärke und Wohlbefinden. Dinge, die im Augenblick wichtiger erscheinen denn je.

Erfahrung bringt der geborene Südtiroler in mehr als 20 Jahren Tätigkeit in der Gastronomie genügend mit. Gerade bei MIXOLOGY ist er natürlich auch kein Unbekannter, wurde er doch bereits bei den MIXOLOGY Bar Awards 2008 als Newcomer des Jahres ausgezeichnet. Den Titel Bar des Jahres Schweiz gab es bei den MIXOLOGY Bar Awards 2016 in Union mit der Zürcher Widder Bar, im Jahr 2019 – und somit bei den bisher letzten im regulären Format abgehaltenen MIXOLOGY Bar Awards vor der Corona-Pandemie – wurde er als Gastgeber des Jahres 2020 ausgezeichnet. Im Interview erklärt er uns – telefonisch aus Südtirol, wo er sich zur Zeit befindet – was er der Szene als Mentaltrainer zurückgeben will.

MIXOLOGY: Lieber Christian, was genau verstehst Du unter Mentaltraining?

Christian Heiss: Mir ist als Erstes wichtig zu sagen, dass mentales Training nichts mit Esoterik oder anderen mysteriösen Techniken zu tun hat, sondern auf neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen beruht. Es besagt, dass bei der Vorstellung und tatsächlichen Ausführung von Bewegungen und Handlungen dieselben Hirnareale beteiligt sind, Bewegungsvorstellung und -ausführung auf denselben Gedächtnisstrukturen ablaufen. Durch eine bewusste Beeinflussung der Gedanken kann man sein Leben zufriedener und ausgeglichener gestalten, was sich auf alle Lebensbereiche wie Beruf, Sport, Alltag, Kinder oder Familie auswirkt. Mentales Training ist ein bewusstes, systematisches Gedanken-Management mit einem zielgerichteten Fokus. Um Gedanken bewusst zu beeinflussen, Gewohnheiten oder alte Muster aufzubrechen, muss man dazu bereit sein und die eigene Komfortzone verlassen.

MIXOLOGY: Dafür gibt es doch vielfältige Techniken. Welche genau wendest Du an, und welche Wirkung erzielen sie?

Christian Heiss: Die gibt es und werden je nach Wunsch und Mensch individuell angewandt. Man arbeitet unter anderen mit Entspannungstechniken wie Imaginationen oder autogenem Training, Bewegungstechniken, Atemtechniken, Visualisierungen oder Achtsamkeitsübungen, um die Gedanken zu ordnen, zu beeinflussen, die Blickrichtung zu ändern und Probleme konstruktiv zu lösen. Wie im Sport kann mit der Beeinflussung der Gedanken viel erreicht werden: Ziele, Steigerung des Selbstvertrauens, Konzentrationsförderung, das Erreichen der inneren Ruhe, Angstabbau und vieles mehr.

»Man sagt zwar, dass jeder Weg mit dem ersten Schritt beginnt. Ich aber finde, jeder Weg beginnt mit einem bewussten Gedanken, der zum ersten Schritt wird.«

— Christian Heiss

MIXOLOGY: Wieso hast Du dich zu dieser Ausbildung entschieden?

Christian Heiss: Ich befasse mich seit Jahrzehnten mit östlicher Philosophie und ihren Lebensweisen, auch mit Kampfkunst, Yoga und Quantenphysik. 2015 habe ich die Iyengar-Yoga-Ausbildung in Bern abgeschlossen. Es war also nur eine Frage der Zeit, bis ich mich auch dem mentalen Training genähert und schlussendlich für eine Ausbildung zum Mental Coach entschieden habe. Am 7. Oktober letzten Jahres habe ich sie abgeschlossen und bei der Swiss Prävensana Akademie das Diplom als Mentaltrainer erhalten. Mich mit der Verbindung von Körper und Geist auseinanderzusetzen, hat mich immer schon fasziniert. Intuitiv befasse ich mich also schon seit vielen Jahren mit Mentaltraining. Jetzt stehe ich am Anfang des Mental Coaching und würde gerne mein Wissen darüber, gepaart mit meinen Arbeitserfahrungen, aktiv an die Barbranche weitergeben. Persönlich lebe ich nach der Kaizen Methode, die ursprünglich aus Japan kommt und eine permanente Verbesserung und Weiterentwicklung in kleinen Schritten sieht.

MIXOLOGY: Gab es schon einmal eine berufliche Situation, die Dir die „Macht der Gedanken“ besonders verdeutlichte?

Christian Heiss: Seit ich mentales Training bewusst praktiziere, kann ich Arbeit und Beruf leichter trennen, Gäste besser abholen, auch empathischer auf sie eingehen oder schwierige Situationen leichter „entschärfen“. Denn als Gastgeber kann ich nur gut sein, wenn ich mit mir im Reinen bin. Mentales Training hilft mir in der Mitarbeiterführung und -motivation, in Meetings und beruflichen Vorhaben, in der Selbstwahrnehmung und Selbstverbesserung. Im Jahr 2017, als ich als Barchef der Kronenhalle in Peter Roths Fußstapfen getreten bin, habe ich besonders wahrgenommen, wie wichtig es ist. Meinem inneren Druck und Perfektionismus gerecht zu werden, hat mir damals schlaflose Nächte gekostet. Es war ein sehr hartes Jahr, und hätte ich so weiter gemacht, wäre es ein kurzer Auftritt als Chef de Bar geworden. Wie hilfreich Reflexion, lösungsorientiertes Denken und Planung sind, habe ich damals schätzen gelernt. Bald darauf habe ich die Ausbildung zum Mentaltrainer begonnen.

MIXOLOGY: In einem Deiner Instagram-Posts schreibst Du, dass nicht jeder Weg mit dem ersten Schritt beginnt. Sondern?

Christian Heiss: Man sagt zwar, dass jeder Weg mit dem ersten Schritt beginnt. Ich aber finde, jeder Weg beginnt mit einem bewussten Gedanken, der zum ersten Schritt wird. Erst indem wir uns klar werden, was wir wollen, macht es Sinn, den ersten Schritt mit einem klaren Fokus zu setzen. Erst dann können wir leichter, gefasster und zielorientiert losgehen.

»Die Bar lebt von guten Gesprächen. Das ist doch eine gute Basis, um Wünsche oder verstecktes Potenzial zu entdecken.«

— Christian Heiss

MIXOLOGY: Wann kam denn der Gedanke, Mentaltraining zu professionalisieren und dabei die Barszene ins Visier zu nehmen? Braucht diese es denn mehr als andere Berufsgruppen?

Christian Heiss: Ich würde nicht sagen, dass Bartender es nötiger hätten als andere Berufsgruppen. Mentales Training ist für alle geeignet, wird auch im (Extrem-)Sport genauso wie in Unternehmen immer mehr praktiziert. Die Barbranche habe ich gewählt, weil sie mein Zuhause ist und ich nach 20 Jahren Gastronomie viel Erfahrung mitbringe, die Arbeitsbedingungen, Besonderheiten und Herausforderungen der Szene kenne. Die Bar lebt von guten Gesprächen. Das ist doch eine gute Basis, um Wünsche oder verstecktes Potenzial zu entdecken. Ich bin für Kollegen da, wenn sie Support brauchen und kann ihnen helfen, Knoten zu lösen und nach vorne zu schauen; wenn sie das möchten. Die Idee, Mentaltraining professionell in der Barszene anzubieten, kam mir Anfang letzten Jahres, als ich selbst mit Corona infiziert gewesen war. Yoga und Mentaltraining haben mich währenddessen körperlich und geistig immens unterstützt.

MIXOLOGY: Wenn wir von deiner Corona-Infektion sprechen: Kann mentales Coaching gerade in einer Situation wie dieser, aber auch in einer allgemeinen, durch Beschäftigungslosigkeit mental belastenden Phase helfen?

Christian Heiss: Ich kann mich noch sehr gut an den Anruf des Arztes mit der Nachricht erinnern. Es folgte ein Gedankenkarussell um Nebenwirkungen, Stress, Angst, Ungewissheit. Diese negativen Gedanken musste ich bremsen, mich in meiner Tagesstruktur mit Lesen, Yoga und vielen weiteren positiven Dingen beschäftigen. Ich hatte Glück mit dem Krankheitsverlauf, und die Quarantäne war rasch vorbei. Es ist eine außergewöhnliche Zeit und schwierig und herausfordernd, sich mit Dingen wie Beschäftigungslosigkeit auseinanderzusetzen. Es liegt an uns, wie wir die Situation annehmen. Wir müssen uns fragen, was uns Kraft, Zuversicht, Freude oder Visionen geben kann.

MIXOLOGY: Mit welchen Methoden kann man denn der momentan mental belastenden Situation entgegenwirken?

Christian Heiss: Meines Erachtens müssen wir die Situation zuerst akzeptieren und annehmen, um so viel positive Energie wie möglich in effektives Handeln setzen zu können. Man kann die äußeren Umstände nicht beeinflussen, aber seine Einstellung dazu sehr wohl verändern. Entspannungsübungen und Selbstreflexion zum Beispiel helfen, um vielleicht neue Chancen, Perspektiven und Potenziale zu entdecken. Vielleicht gibt es etwas, dem man sich immer schon widmen wollte, aber nie die Zeit dafür hatte. „Jede Krise bringt nicht nur Gefahr, sondern auch viele Möglichkeiten“, so Martin Luther King – und diese Möglichkeiten kann man finden.

»Der Fokus sollte lauten, Bestmögliches zu geben, auf das Gewinnen arbeiten wir mit Tageszielen und in kleinen Schritten hin. Damit es heißt: Es ist meine Show, ich bin bei mir und weiß, dass ich es kann.«

— Christian Heiss

MIXOLOGY: In welchen barspezifischen Situationen könnte denn Mentaltraining hilfreich sein?

Christian Heiss: Wichtig ist, dass der Wunsch nach Verbesserung oder Veränderung in einem selbst wächst. Bei Cocktail Competitions zum Beispiel trifft man Profis, die alle regelmäßig auf hohem Niveau arbeiten. Aber unter Druck, Nervosität und Stress kann man bei Wettbewerben leicht den Fokus, eben die Nerven, verlieren. Das richtige Mindsetting ist der Schlüssel, um ganz bei sich zu sein. Das ist wie im Sport. Ich beobachte auch, dass viele Kollegen nach der Arbeit nicht abschalten können. Wer nicht regenerieren kann, kann aber auch keine volle Leistung bringen. Manche Kollegen wollen mehr Disziplin oder Stabilität im Alltag erreichen, andere tüfteln ununterbrochen an einem neuen Barkarten-Konzept oder neuen Drinks. Hierbei kann kontinuierliches Gedanken-Management mit Reflexion und entsprechenden Techniken helfen, die Perspektive zu verändern, eine gute Prävention vor Stress, Abgrenzung gegenüber Gästen oder ein Impuls für neue Visionen zu sein. Die Ansätze können sehr individuell sein.

MIXOLOGY: Wie kannst du jemanden bei der Vorbereitung zu Competitions unterstützen?

Christian Heiss: Jedes Coaching ist ein Unikat und hat einen systematischen und individuellen Ablauf. Ob man beispielsweise eine Atemtechnik und/oder das Visualisieren der einzelnen Schritte für die Präsentation bei der nächsten Competition als Methode einsetzt, ist immer auch vom Menschentyp abhängig. In jedem Fall beeinflusst man im Mentaltraining mit solchen Methoden das Unterbewusstsein. Der Fokus sollte lauten, Bestmögliches zu geben, auf das Gewinnen arbeiten wir mit Tageszielen und in kleinen Schritten hin. Damit es heißt: Es ist meine Show, ich bin bei mir und weiß, dass ich es kann.

»Die Bar ist mein Zuhause, meine Passion, die ich in jeden Cocktail, jeden Mitarbeiter- und Gästekontakt investiere. Natürlich werde ich gerade der Kronenhalle Bar als Gastgeber treu bleiben«

— Christian Heiss

MIXOLOGY: Wir kennen Dich seit Jahren als Gastgeber. Manch einem dürstet jetzt vielleicht nach Christian Heiss als Gastgeber und Coach in Personalunion. Das wäre ziemlich unprofessionell, oder? Wie kommt man also mit Dir als Coach in Kontakt?

Christian Heiss: Natürlich soll das Coaching von meiner Tätigkeit in der Kronenhalle unabhängig sein. Im Moment findet es noch virtuell statt. Das Erstgespräch führen wir entspannt bei einem Kaffee an der Bar. Die weiteren Treffen erfolgen dann in Zürich in einem ausgesuchten Raum. Man findet mich zwar normalerweise in der Kronenhalle, aber am liebsten erhalte ich eine Anfrage per Mail an christian.heiss@gmx.ch. Das Coaching selbst beginnt mit einem Erstgespräch über Wünsche, Hobbies, Anliegen und Ziele. Das jeweilige Programm mit Techniken zu Entspannung oder Imaginationen wird individuell auf jeden Kollegen mit sechs bis acht Folgemeetings abgestimmt.

MIXOLOGY: Wirst Du uns trotzdem als Gastgeber der Kronenhalle Bar erhalten bleiben?

Christian Heiss: Die Bar ist mein Zuhause, meine Passion, die ich in jeden Cocktail, jeden Mitarbeiter- und Gästekontakt investiere. Natürlich werde ich gerade der Kronenhalle Bar als Gastgeber treu und erhalten bleiben, denn eine solche Bar mit einem grandiosen Team werde und will ich so schnell nicht wiederfinden.

MIXOLOGY: Lieber Christian, vielen Dank für das Gespräch!

Credits

Foto: Steven Kohl

Kommentieren