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Der Clubland Cocktail ist immer noch da

Der Clubland Cocktail ist einer der ersten Drinks, in denen Vodka zum Einsatz kommt, und das auf nuancierte Weise. In seiner Rezeptur erzählt der Clubland viel über die Zeit seiner Entstehung, aber auch darüber, wie wir Cocktails und Aromatiken übersetzen können. Gabriel Daun schlägt den Bogen von damals ins heute.

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Der Clubland ist sicherlich kein Bestseller in den Bars der Welt. Er taucht auch nur in einem nennenswerten Buch der etwas älteren Bargeschichte auf: in W.J. Tarlings Café Royal Cocktail Book. Und dennoch lohnt sich ein genauerer Blick auf ihn, nicht zuletzt, weil es sich um einen der ersten Drinks handelt, in denen Vodka zum Einsatz kommt – wenn auch nur in der Statistenrolle. Aber dazu später mehr.

Beginnen wir mit dem Rezept und hangeln uns anschließend an den Zutaten entlang – es besteht nämlich Gesprächsbedarf darüber, soviel vorweg. Erstmal das, was Tarling uns an die Hand gibt:

Clubland
Invented by A. Mackintosh
½ Clubland White Port.
½ Vodka (Wolfschmidt).
Dash Angostura Bitters.
Stir.

Ja, das war’s auch schon. Keine weiteren Anmerkungen von Seiten Tarlings. Er kündigt dieses kleine Dilemma bereits im Vorwort seines Buches an: „No Cocktail Book is considered complete without some mention of the history of the cocktail, but, unfortunately, the available records are of a very meagre description.“ Er meint damit allerdings eher die 1937 (das Jahr, in dem das Café Royal Cocktail Book erschien) vorherrschende Datenlage zu jenen Drinks des 19. Jahrhunderts, die zu seiner Zeit bereits als „klassische Cocktails“ galten (er selbst nennt exemplarisch Martini, Bronx, Manhattan und White Lady) und somit eher den Cocktail als generischen Begriff und seine Geschichte an sich, nicht die Hintergründe der zu seiner Zeit modernen, weil zeitgenössischen Drinks, die er in seinem Buch kompiliert – die meisten Rezepte des Café Royal Cocktail Books stammen nämlich von Mitgliedern der damals noch jungen United Kingdom Bartenders‘ Guild (UKBG), zu denen auch der Clubland zählt.

Wer war A. Mackintosh?

Ich – genauso wie der geneigte Leser vermutlich auch – habe allerdings einige Fragen. Erstens: Wer war dieser A. Mackintosh? Leider finden sich auch außerhalb des Buches nirgends Hinweise darauf. Ich vermute, es handelte sich um ein Mitglied der UKBG, genauer um einen Bartender, der wahrscheinlich in einem der 70 Gentlemen’s Clubs gearbeitet hat, in denen laut einer Anzeige, die auf 1927 datiert, Clubland Port ausgeschenkt wurde (das Café Royal ist übrigens nicht darunter) – und der eben jenen Drink, um den es hier geht, mit jenem als Namen Paten stehenden Portwein ersann.

Aufgrund der Fülle an Rezepten, die Tarling listete, konnte er wohl nicht absehen, dass ausgerechnet der Clubland auch 80 Jahre später noch Gegenstand einer Besprechung sein würde. In seiner Gegenwart hätte es vermutlich jeder Drink sein können.

Was soll’s, auch wenn Mackintosh vom Orkus der Zeit längst verschluckt wurde (ein Schicksal, das, sehen wir der Tatsache ins Auge, den allermeisten von uns in spätestens hundert Jahren ebenfalls zuteil werden wird), haben wir immerhin noch den Drink und das Rezept, das auf ihn zurück geht. Indes: Ich hasse das, wenn man es nicht genau wissen kann! Schrecklich, schrecklich, schrecklich! Könnte aber trotzdem schlimmer sein, lässt sich vermutlich verschmerzen. Abhaken, Mund abputzen, weiter!

Der Port ist Dreh- und Angelpunkt des Clubland

Zweite Frage, die sich mir aufdrängt: Wie schmeckte Clubland White Port? Schon wieder problematisch: Der Port ist nicht mehr erhältlich. Nur noch für viel Geld in Auktionen und dann auch 60 oder 70 Jahre abgehangen bzw. in der Flasche weitergereift. Lediglich einige Werbeanzeigen aus den 1920er und 1930er-Jahren sind noch zu finden. „The finest old Port procurable“ ist in ihnen zu lesen. Schon damals Marketing-Schnack, klar. Aber trotzdem findet sich darin eine wichtige Information: Es geht um Old Port!

Wie bereits angemerkt: Clubland war eine Marke, die in den Gentlemen’s Clubs des Londoner West Ends zu Zeiten der Entstehung von Tarlings Buch ausgeschenkt wurde. Es handelte sich offenbar um einen alten, sprich gelagerten weißen Port, der wenig mit den heute gerne in Bars Verwendung findenden weißen Dry Ports zu tun gehabt haben dürfte. Ein – vermutlich – im Eichenfass gereifter, geschmacklich breiterer Port mit mehr Intensität und Dichte. Kein Port, den man mit Tonic mischt, sondern einer, der auch solo zu Käse oder Dessert ging.

Schon alleine die Tatsache, dass der Drink den Namen einer Portwein-Marke trägt macht deutlich, dass es sich nicht um einen Vodka-Drink mit Port, sondern um einen Port-Drink handelt, in dem der Vodka die nachgeordnete Rolle spielt. Dementsprechend darf, nein sollte man zwei, drei weitere Gedanken an den Port verschwenden. Der Drink lebt von ihm und von seiner Intensität. Sicherlich traubig, aber mitnichten allzu fruchtig. Eher nussig, reif und fett. Genau an dieser Stelle kommt der Vodka ins Spiel, dem die Aufgabe zufällt, den Port aromatisch etwas zu zügeln, dabei jedoch nicht zu verwässern, sondern die Kraft des Drinks aufrecht zu erhalten; mit seiner alkoholischen Stärke, ohne dabei aromatisch in den Vordergrund zu treten. Das kann nur Vodka. Beim Clubland handelt es sich ausnahmsweise um keinen Drink, der besser wird, wenn man den Vodka durch Gin ersetzt!

Clubland

Zutaten

4 cl White Port (z.B. Bulas White Reserve)
3 cl Vodka (neutral mit wenig Eigengeschmack)
2 kleine Dashes Angostura Bitters

Wolfschmidt als Verstärker

Tarling notiert eine Vodka-Marke im Rezept: Wolfschmidt. Da klingelt etwas: Auch Ian Fleming lässt James Bond in seiner Romanvorlage zu Moonraker (1955) – mal wieder – Vodka trinken. Bemerkenswert dabei: Es ist das einzige Mal in allen James Bond-Romanen, dass ein Vodka-Brand genannt wird:

“Ah, Grimley, some vodka, please.” He turned to Bond. “Not the stuff you had in your cocktail. This is real pre-war Wolfschmidt from Riga. Like some with your smoked salmon?”
“Very much“ said Bond.

Die Geschichte des Clubland ist auch eine Geschichte des Vodka

Wolfschmidt Vodka existiert bis heute, spielt aber lediglich in den USA noch eine und auch dort untergeordnete Rolle. Als ehemaliger Hoflieferant des Zaren flohen die Eigentümer während der Oktoberrevolution 1917 aus Lettland, genauer Riga, über die Niederlande in die USA – und waren somit als erste für die Einführung von Vodka in die Vereinigten Staaten verantwortlich, in denen zuvor kein Vodka hergestellt oder getrunken wurde. Der zu Tarlings Zeiten noch bekannte Vodka basierte vermutlich noch auf Trauben, worauf Etiketten aus dieser Zeit schließen lassen, auf welchen „Stolovoje Ociscennoje vino“ zu lesen ist, übersetzt: rektifizierter Tafelwein.

Vermutlich in jedem Falle bereits ein relativ smoother Vodka, der wenig Eigengeschmack in den Drink einbringt, obwohl auch das eine interessante Herangehensweise sein könnte: Alter weißer Port und ein Vodka, der einen Flavour mit sich bringt, der dem Port eine weitere spannende Nuance zuzufügen weiß. Ricardo Albrecht und Sven Riebel rührten den Clubland im Lebensstern (vor mittlerweile über einem Jahrzehnt) gerne mit Siwucha, einem Vodka polnischer Provenienz, der nicht nur einer zweimonatigen Fassreifung unterzogen wird, sondern darüber hinaus mit etwas Essenz, die aus Waldbeeren gewonnen wird, zusätzlich aromatisiert wird.

Der Clubland Cocktail 2021

Ich denke, der Drink funktioniert auch heute, ohne Clubland Port, noch, wenn man einen Portwein verwendet, der Tiefe sowie balancierte Säure und Süße mit sich bringt. Mein Vorschlag (siehe auch Rezeptur weiter oben) wäre:

4 cl White Port (z.B. Bulas White Reserve)
3 cl Vodka (einen neutralen mit wenig Eigengeschmack)
2 kleine Dashes Angostura Bitters
Die Öle einer kleinen Zitronenzeste geben dem Drink eine willkommene Frische, nicht in das Glas beigeben

Wer nur sehr junge Ports in der Bar vorhält: Kein Problem! Mit einem jüngeren, trockeneren Port zubereitet, wird der Clubland Martini-esker, verliert etwas an Tiefe und Spannung, ist aber dennoch mehr als servierbar. Mit Sicherheit eine Variante, die eingefleischte Martini-Trinker zu überraschen weiß. Viel Spaß bei Probieren!

Credits

Foto: Sarah Swantje Fischer

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