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Der Collins & seine Anverwandten, Teil 1: Sodawasser und die Bäderkultur

Die Entstehung von Sodawasser und der Bäderkultur steht im Fokus zum Auftakt der Serie „Der Collins & seine Anverwandten“. In seiner neuen Serie nimmt uns Armin Zimmermann wieder mit auf eine historische Reise in die Geschichte der Trinkkultur, die ihn über den namensgebenden Collins bis zu Mojito, French 75 und Americano führen wird.

Diese Beitragsserie beschäftigt sich mit dem Collins. Was gab es vor ihm, wie entstand er, und welche anderen Getränke stehen mit ihm in Verbindung? Unsere Reise beginnt beim Sodawasser und der Bäderkultur, um zu verstehen, warum Mineral- und Sodawasser künstlich hergestellt wurde. Auf unserem weiteren Weg betrachten wir den kohlensäurehaltigen Brandy and Soda und den Stone Fence, die beide älter als der Collins sind, und widmen uns dann der Frage, wie aus einem Gin Punch der Collins entstand.

Von hier aus geht es weiter auf unserem Spaziergang durch die Welt der Longdrinks zu dessen Abkömmlingen, von denen beispielhaft der Gin & Tonic, der Mojito und der French 75 beleuchtet werden. Zum Highball ist es nicht weit, auch wenn dieser eine eigene Kategorie darstellt, zu der es jedoch zahlreiche Überlappungen gibt. Auch der Gin Buck liegt am Wegesrand, und beim Americano finden wir uns schließlich zum Ende der Reise ein.

Also legen wir los mit der Serie „Der Collins & seine Anverwandten“.

Sodawasser

Sodawasser ist ein mit Kohlenstoffdioxid versetztes Wasser, in dem zumeist auch Natriumhydrogencarbonat enthalten ist. Dadurch schmeckt es leicht nach Lauge. Doch was genau als Sodawasser bezeichnet werden darf, hängt auch von den örtlichen Vorschriften ab. In Deutschland kann ein Tafelwasser, das mindestens 570 mg/l Natriumhydrogencarbonat enthält, als Sodawasser bezeichnet und verkauft werden. Anders sieht es in Österreich aus. Dort kann ein Tafelwasser mit mindestens 4 g/l Kohlenstoffdioxid als Sodawasser vermarktet werden. Doch Natriumhydrogencarbonat ist ein wichtiger Bestandteil und ist auch in natürlichem Sodawasser enthalten. Man sollte immer Sodawasser mit Natriumhydrogencarbonat einsetzen.

Natürliches Sodawasser

Natürliche Mineralwässer wurden schon vor über 2000 Jahren als gesundheitsfördernd angesehen. Zu den historisch wichtigen natürlichen Sodawasserquellen in Deutschland gehören beispielsweise diejenigen von Pyrmont, Driburg, Selters und Ems. Um die Bedeutung des Wassers besser zu verstehen, muß man sich mit der Geschichte der Quellen beschäftigen.

Pyrmont

Die pyrmonter Heilquellen waren bereits den Römern und Germanen bekannt. Nachdem der Arzt Burkhard Mithoff darüber berichtet hatte, suchten in den Jahren 1556 und 1557 mehrere zehntausend Menschen die Quelle auf, um Heilung zu erlangen. Er schreibt: „Item zum ersten heilet diß Wasser / auß diesem Brunne genommen / alle wunden / die kein salbe oder plaster erleiden wollen. Auch heilet diß Wasser / alle wunden so geschossen gehawen oder gestochen seind. …… Item welcher mensch kranckheit und weetag an den augen hat / und netzet oder waschet sie mit diesem wasser / dem wirt besser.“ Anfang des 18. Jahrhunderts war aus Pyrmont ein beliebter Bade- und Erholungsort geworden, in dem sich die oberen Gesellschaftsschichten trafen. Es machte sogar Karlsbad seinen ersten Platz unter den europäischen Bädern streitig.

Driburg

Im rund 40 Kilometer entfernten Driburg wurden im Jahr 1593 Heil- und Mineralquellen entdeckt. 1780 wurde das erste Badehaus errichtet, Ärzte warben für die Quellen, und berühmte Gäste trafen ein. Man bewarb den Driburger Park, in dem sich die Quellen befanden, als einen „Ort der Ruhe und des ländlichen Vergnügens“

Selters

Das Sodawasser aus Selters war sicherlich das bedeutendste in Deutschland, so dass noch heute die Bezeichnung Selters oder Selterswasser häufig als allgemeine Bezeichnung für Mineralwasser verwendet wird, obwohl dies eigentlich nicht richtig ist. Die Quellen lagen ursprünglich im niederhessischen Niederselters im Taunus.

Die Bezeichnung „Selters“ geht auf die Römer zurück. Das an die Oberfläche dringende sprudelnde, quasi „tanzende“ Wasser, nannte man „aqua saltare“. Aus Saltare wurde Saltrissa, wie eine Klosteraufzeichnung des Jahres 772 belegt, und schließlich Selters. 1581 erschien ein Buch, das die Heilwirkung des Wassers beschrieb, und der wirtschaftliche Aufstieg des Ortes begann. Das Wasser war begehrt und wurde seit dem späten 16. Jahrhundert millionenfach in Steinzeugkrügen exportiert. Kurgäste besuchten den Ort. Bald exportierte man jedoch nur noch Wasser und lenkte die Kurgäste nach Ems und Wiesbaden um.

Mit dem Verkauf des Wassers erzielte man in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts enorme Gewinne. Abnehmer aus Skandinavien, Rußland, Nordamerika, Afrika und Indonesien sind belegt. Im benachbarten Oberselters brach 1784 eine weitere Quelle auf. Da sich diese aber in einem anderen Fürstentum befand, fürchtete man Konkurrenz, und es wurde um die Quellen sogar ein kleiner Krieg geführt, mit dem Ergebnis, dass die Quelle in Oberselters zugeschüttet wurde. Doch es kam auch danach diesbezüglich immer wieder zu Auseinandersetzungen.

Ems

Die erste Erwähnung der Emser Thermalquellen stammt aus dem Jahr 1352. Im Spätmittelalter waren sie überregional bekannt und wurden von bedeutenden Persönlichkeiten aufgesucht. Bereits das erste gedruckte deutschsprachige Buch über das Baden aus dem Jahr 1480 mit dem Titel „Puchlein von allen paden“ nennt auch die Quellen von Ems.

Der Ort war im 17. und 18. Jahrhundert einer der berühmtesten Badeorte Deutschlands. Dort trafen sich zahlreiche Monarchen und Künstler verschiedener Länder, beispielsweise Kaiser Wilhelm I., Zar Alexander II., Fjodor Michailowitsch Dostojewski, Richard Wagner, Jacques Offenbach, Kaiser Friedrich II., Oskar II. von Schweden und Norwegen, Victor Hugo, Bettina von Arnim, König Ludwig I. von Bayern und Johann Wolfgang von Goethe. Bekannt wurde der Ort auch durch die „Emser Depesche“ vom 13. Juli 1870, die als Auslöser für den Deutsch-Französischen Krieg gilt und zur Gründung des Deutschen Reiches führte.

Das „Puchlein von allen paden“ aus dem Jahre 1480 geizt nicht mit Reizen

Bäderkultur in Karlsbad

Karlsbad sei aufgrund seiner europäischen Bedeutung ebenfalls erwähnt. Die Heilwirkung seiner Thermalquellen kannte man wohl schon im 14. Jahrhundert. Zunächst badete man in ihnen, ab dem 16. Jahrhundert kamen Trinkkuren hinzu. Die erste schriftliche Abhandlung über die Quellen stammt von 1552. Der Kurbetrieb wurde auch durch den Besuch des russischen Zaren in den Jahren 1711 und 1712 befördert.
Ein wesentlicher Aufschwung kam auch in der Mitte des 19. Jahrhunderts, und Karlsbad wurde zu einem Kurort von Weltruf. Meyers Konversationslexikon des Jahres 1898 beschreibt, wofür die Quellen gut waren: „Die Heilquellen werden für vielerlei Dinge angewendet: Störungen des Verdauungssystems, Stoffwechselstörungen, Diabetes mellitus, Gicht, Übergewicht, Parodontose, Erkrankungen des Bewegungsapparates, Leber-, Gallen-, Gallengang- und Bauchspeicheldrüsenerkrankungen sowie onkologische Leiden.“

Der Wunderglaube des Mittelalters führte also dazu, dass die Quellen und Heilwässer einen so hohen Stellenwert besaßen? Doch wundern wir uns nicht: Auch heute noch sind ähnliche Ansichten weit verbreitet. Auch heute glaubt man vielerorts noch an Quacksalberei und Hokuspokus, bar jeglicher wissenschaftlicher Grundlagen und schwört darauf, dass nur dieses oder jenes wirklich helfe und wissenschaftlich begründete Ansichten dazu Humbug seien.

Doch schon damals gab es aufgeklärte Meinungen zu diesem Thema. Beispielhaft sei Michel de Montaigne genannt, der in den 1580er-Jahren seine Meinung dazu äußerte: „Auf meinen Reisen habe ich fast alle berühmten Badeorte der Christenheit gesehn und vor ein paar Jahren auch angefangen, sie in Anspruch zu nehmen. Ich halte das Baden durchweg für heilsam und glaube, wir setzen unsre Gesundheit nicht unbeträchtlichen Risiken aus, seit wir den nahezu allen Völkern in vergangnen Zeiten (und von vielen heute noch) befolgten Brauch aufgegeben haben, uns jeden Tag den ganzen Körper zu waschen; denn ich kann mir kaum vorstellen, daß es uns nicht höchst abträglich sei, den Schmutz unsre Glieder verkrusten und unsre Poren verstopfen zu lassen. Was das Trinken der Heilwässer betrifft, hat es sich glücklicherweise so gefügt, daß erstens ihr Geschmack mir in keiner Weise zuwider ist und zweitens sie natürlich, einfach und, selbst wenn sie uns nichts nützen, zumindest ungefährlich sind; hierfür spricht schon die Unzahl von Leuten jeder Art und Konstitution, die sich in den Bädern versammeln. Gewiß konnte ich noch keinerlei außergewöhnliche und übernatürliche Wirkung der Wässer beobachten, sondern immer, wenn ich den Gerüchten über Wunderheilungen (wie sie an solchen Orten ausgestreut und geglaubt werden, da die Menschen sich ja von ihren Wünschen gern hinters Licht führen lassen) etwas gründlicher als üblich nachgegangen bin, mußte ich schließlich feststellen, daß sie samt und sonders aus der Luft gegriffen und falsch waren. Doch habe ich auch kaum Kurgäste getroffen, deren Leiden sich durch die Heilwässer verschlimmert hätten. Ehrlicherweise kann man ihnen jedenfalls nicht absprechen, daß sie den Appetit anregen, die Verdauung fördern und einen wieder munter machen – es sei denn, man tritt die Kur schon allzu entkräftet an, wovon ich dringend abrate. Eine bereits schwer angeschlagne Gesundheit vermögen sie nicht wiederherzustellen, wohl aber eine leicht beeinträchtigte zu stützen oder der drohenden Verschlimmerung eines Leidens entgegenzuwirken. Wer nicht genug Aufgeschlossenheit mitbringt, um die nette Gesellschaft, die dort zusammenkommt, und die Spaziergänge und sonstigen Betätigungen genießen zu können, zu denen die Schönheit der Landschaft einlädt, in der die Badeorte meist angesiedelt sind, dem entgeht zweifellos der erfreulichste und wirksamste Teil der Kur.

Die wirtschaftliche und medizinische Bedeutung der natürlichen Mineralwässer führte dazu, dass man diese künstlich herzustellen begann. Doch dazu mehr im nächsten Beitrag dieser Serie.

Credits

Foto: Inga Israel

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