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Coronavirus: Wie die Barwelt mit ihrer größten Bedrohung umgeht

Die Massivität von Covid-19 hat uns kalt erwischt. Nun geht es ums (wirtschaftliche) Überleben. In Österreich erliegt das Barleben, in Deutschland gibt es Hoffnungsschimmer. MIXOLOGY mit einem ersten Rundruf in die Szene.

Die Buchungslage. Sie ist schnell erzählt, doch das Gehörte kaum zu ertragen. Doch dann gibt es auch die „gesellschaftliche Dysfunktion“, die mit der Hysterie einer – abseits der Kinoleinwand – noch nie erlebten Krise einhergeht. In Italien führen Autofahrer Passierscheine mit, die erklären, warum man wohin fährt. Das macht den Gästen ebenso Angst wie ihm, formuliert es Clemens Dietrich („Dietrich’s“) in Lübeck. Drei gebuchte Veranstaltungen an der Trave wurden bereits storniert, doch immerhin halten die Walk-in-Gäste der Bar die Treue.

„Als Gesprächsthema ist es aber nicht der Virus selbst, sondern die Angst vor anderen Menschen und deren Reaktionen, die sich breit macht.“ Ja, die Verschwörungstheoretiker hätten schon wieder Konjunktur. Wer war es, der den Virus in die Welt gesetzt hat? Trump, Freimaurer, die Russen oder doch die Pharmakonzerne? Und natürlich kommt immer wieder einer mit dem ollen Thomas Robert Malthus um die Ecke und der These, dass sich der Planet wehrt.

Sperrstunde um 15 Uhr – flächendeckend

Wie man sich gegen groben Unfug wehrt, wird ein Welträtsel bleiben. An ihm sind aber auch schon Köpfe wie Plato gescheitert. Wie man sein Geschäft am Leben erhält, dafür gibt es aber unterschiedliche Ansätze. Speziell dort, wo bereits Obergrenzen für Menschen in einem Raum (in Österreich sind es 100) erlassen wurden oder generelle Lokal-Schließungen als Pandemie-Prophylaxe gelten.

Das gerade erst eröffnete „Prunkstück“ in Wien hat bereits Mitarbeiter aufgefordert, zuhause zu bleiben – die Clubszene an der Donau ist ohnehin bereits im Erliegen angesichts dieser Beschränkung. Schnell reagiert hat das „Shiki“, das seine Ramen Suppen oder Sushi allen, die derzeit kein Restaurant besuchen möchten, zum Mitnehmen liefert. Der ungewöhnliche Schritt des Michelin-Stern-Lokals umfasst aber leider nicht das japanisch-inspirierte Cocktailangebot, bedauert Sprecherin Gloria Hundsberger.

Nur wenige Stunden nach dem Gespräch mit MIXOLOGY stellt sich das als Prophetie heraus: Soeben wurde in Österreich von der Bundesregierung beschlossen, dass ab Montag starke Beschränkungen für Bars und Restaurants gelten: Geschlossen wird um 15 Uhr. Hotels in den Bundesländern Salzburg, Tirol und Vorarlberg beendeten die Ski-Saison bereits vorzeitig, Betriebe setzen mit 16. März ihre Gäste vor die Tür. Und schon folgt Stuttgart, wo Eric Bergmann verlauten lässt, dass den Bars der Betrieb untersagt wird und das Jigger & Spoon geschlossen bleibt.

Psychohygiene und Gutschein-Aktion

„Wir halten noch durch“, klingt es hingegen aus München, wo Charles Schumann bislang wenig Rückgang in seinen Bars vermeldet. Allerdings: „Der Hotellerie geht es wirklich schlecht.“ Flächendeckende Schließungen der Lokale schließt man in Bayern vorerst noch aus, was nicht nur aus finanziellen Gründen begrüßt wird. Denn auch „wenn das Zusammenstehen von Dutzenden Menschen an der Bar jetzt sicher schwierig ist“, hält Schumann ein „komplettes Einstellen des sozialen Lebens“ auch aus Gründen der Psychohygiene für problematisch.

Vor allem jene Barbetreiber, die nicht nur von Gruppen-Buchungen im eigenen Lokal, sondern Eventcaterings leben, trafen bereits die ersten Absagen vor zehn Tagen knüppeldick: „Sieben Events und drei Messen abgesagt“, rapportierte da etwa Stephan Hinz („Little Link“) an nur einem Tag. Mittlerweile hat der Kölner auf seiner Facebook-Seite einen dramatischen Appell an die Politik folgen lassen, da die derzeitige Lage „jede andere Krise der letzten Jahrzehnte weit in den Schatten stellt“. Umsatzeinbußen von 76 % laut der DEHOGA und Stornierungsquoten von über 90% träfen vor allem (Quelle: LECA) „kleine und mittelgroße Betriebe, die nicht die gleichen Rücklagen und Umlagemöglichkeiten haben, die in großen Konzernen existieren“.

Allerdings hat auch Großcaterer „Do&Co.“, der unter anderem die Formel 1 und Fluglinien betreut, bereits 800 Mitarbeiter zur Kündigung angemeldet, so österreichische Gewerkschaftskreise. Hannah Neunteufel wiederum („Hannah’s Plan“/Wien) hat ihren Catering-Kunden angeboten, gegen Entrichtung einer Anzahlung „einen neuen Termin innerhalb der nächsten sechs Monate machen zu können. Aber das ist jetzt eine völlig neue Situation, das Geld ist mehr oder weniger abgeschafft“.

Resilienz an der Theke: „Don’t Panic!“

Doch zurück nach Köln: In seiner ausgewogenen Stellungnahme, die sich bewusst als Gegenprogramm zu medialem „Click Bait“ versteht, so „Hinzself“, listet der Kölner auch auf, dass es um eine Branche mit 2,5 Millionen Beschäftigten geht und nicht die eigene Eck-Kneipe: „Von der Politik erwarte ich, dass sie bei jeder weiteren Einschränkung ausreichende Maßnahmen einplant, um den wirtschaftlichen Schaden aufzuwiegen, der durch diese entsteht“. Auch hier ist die benachbarte Alpenrepublik einen Schritt weiter; die Haftungskredite für die Gastronomie in der Höhe von 100 Millionen Euro hatten bereits am ersten Tag 500 Anfragen. Entsprechend schnell werden diese Mittel der Österr. Hotel- und Touristikbank aufgebraucht sein. Und dann?

Doch es wäre nicht die Bar-Community, wenn es nicht auch eine trinkbare Reaktion auf das Chaos gäbe: Sie schmeckt nach Eukalyptus, Thymian und Wacholder, der bekanntlich schon in Pest-Zeiten als Abwehr angesehen wurde, und heißt schlicht „Don’t Panic“. Nota bene: Wer das angesichts der rund 1.000 italienischen Todesopfer von Covid-19 zynisch findet, soll sich auch vergegenwärtigen, dass Gelassenheit (nicht: Ignoranz) und Humor (nicht: infantiles Gekicher) gerade in Zeiten der Bedrohung zu den stabilisierenden Faktoren zählen.

Jedes Resilienz-Handbuch, das vom Überstehen von Krisen spricht, führt „gemeinsame positive Erinnerungen“ als die wesentlichsten Lernpunkte an. Selbstsüchtig macht nur die Bunkerstimmung. Und das zeigt uns nicht das wissenschaftlich angeleitete Krisenmanagement, sondern jeder tumbe Revierverteidiger nach der Zombie-Apokalypse. Die gibt es leider nicht nur in fiktiven Formaten. Wir werden viel Kraft brauchen – gegen sie und den Virus!

 

Beitragender zu diesem Artikel: Stefan Adrian

Credits

Foto: Shutterstock / Bearbeitung: Editienne

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