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Corona Chronicles Teil 3, 19. März – Sterneköche kochen für Krisenpersonal & Plattformen gründen sich

Das Corona-Virus und seine Auswirkungen betrifft die ganze Welt. Auch die Bar-Community steht vor großen Problemen. Mit unseren Corona Chronicles wollen wir für Aufklärung sorgen, die Szene vernetzen, Unterstützung bieten – und nicht zuletzt auch Erleichterung in den Alltag zu bringen.

Es ist jeden Tag eine Entscheidung aufs Neue, wie man mit dem Zustand der sozialen Distanz, der Schließung des öffentlichen Raumes und den damit einhergehenden gesundheitlichen wie wirtschaftlichen Sorgen umgeht. Es ist jeden Tag eine bewusste Entscheidung, sich nicht einer schleichenden Angst hinzugeben.
Die beste Möglichkeit: Aktiv handeln, soweit es möglich ist.

Bartender machen es durch Challenges in den sozialen Medien sowie Home-Tutorials. In der Zwischenzeit richten viele Bars einen Lieferservice ein, wobei auch unbedingt zu beachten ist, dass man sich dabei im rechtlichen Rahmen bewegt, um sich nicht etwaige, spätere Schadensersatz- oder Versicherungsansprüche zu verbauen.

Petitionen richten sich mit Appellen an die Politik, Hilfe für die Gastronomie bereit zu stellen, wie jene der Hotellerie & Gastronomie Deutschland an die Stadt Hamburg.

Plattformen gründen sich

Parallel dazu formieren sich Plattformen und Initiativen aus der Szene und für die Szene. helfen.berlin etwa, eine Plattform für Gutscheine, durch die man Cafés, Bars, Restaurants, aber auch Museen und Theater unterstützen kann. Das gleiche Ziel verfolgt vorfreude.kaufen in Österreich, wo Gutscheine für Lieblingslokale angeboten werden.

Es sind Initiativen, die kurzfristig helfen wollen und können. Der Gedanke, was mit all diesen Gutscheinen passiert, wenn ein Normalbetrieb wieder aufgenommen werden wird, sollte sekundär bleiben. Denn diese Gutscheine helfen, dass man sich diese Frage in einigen Fällen überhaupt noch stellen wird können. Podcaster Tommi Schmitt („Gemischtes Hack“) wiederum schlägt vor, dass Gastronomien eine Art Geisterbriefkasten einrichten, durch die man direkt spenden kann. Sein Gedanke: „Würde jetzt hier eigentlich einen Kaffee trinken, also werfe ich 2,50€ rein.“

Sterneküche für Rettungskräfte

Restaurants, deren Betrieb geschlossen ist, setzen ihre Fähigkeiten inzwischen auch anderweitig ein. In Wien kocht das Steirereck, das wohl bekannteste Restaurant der Stadt und bei World’s 50 Best Restaurants gelistet, für Krisenkräfte der österreichischen Hauptstadt. „Nichts tun liegt uns nicht“, so die Erklärung von Betreiber Heinz Reitbauer. „Wir sind Köche, wir müssen kochen.“ Angewiesen ist man dabei auf Lebensmittelspenden. Die kamen u.a. auch von Brenner Hans Reisetbauer.

In Berlin hat das mit einem Michelin-Stern ausgezeichnete Tulus Lotrek ähnliches getan und kocht für ein lokales Krankenhaus. „Wir machen das, solange wir Produkte haben“, so Felix Fuchs, eigentlich Sommelier des Restaurants, auf Nachfrage. „Bisher wurden wir dabei von unserem Lieferanten Rungis Express unterstützt, wir hoffen, weitere folgen.“

Was machen mit den Fachkräften der Gastronomie?

Einstweilen gibt es Ideen, wie man die arbeitslosen Fachkräften aus der Gastronomie anderweitig einsetzen kann. Die deutsche Bundesministerin für Ernährung und Landwirtschaft, Julia Klöckner, überlegt, ob man sie nicht für die Ernte aufs Feld stellen könne, schließlich würden dort Saisonkräfte fehlen. Säen statt Sazerac, sozusagen.

Dafür hat Barbetreiber Stephan Hinz aus dem Little Link wenig Verständnis, vielmehr einen Gegenvorschlag: „Ich bin offen für kreative Lösungen, um das große Potential unserer Beschäftigten in dieser Zeit zu nutzen“, schreibt der Kölner auf Facebook. „Wir haben hier eine Branche mit Millionen von Menschen, die über hohe soziale Fähigkeiten verfügen, belastbar sind und weitreichende Kenntnisse zu Hygiene und Sauberkeit mitbringen. Nichts läge näher, als diese Leute nach einer entsprechenden Einweisung zu nutzen, um das Gesundheitssystem zu entlasten. Essen ausliefern, einfache Pflegearbeiten verrichten, logistische Aufgaben übernehmen und so weiter. Insbesondere die Risikogruppen, die Alten und die Schwachen, könnten so koordiniert die dringend benötigte Hilfe erhalten.“

Ausgangssperre in Tirol

Experten wie der Virologe Jonas Schmidt-Chanasit nehmen auch nicht an, dass das Zeitfenster der Schließungen nach wenigen Wochen vorbei sein wird. Er rät zwar von einer kompletten Ausgangssperre ab – „man soll soziale Kontakte vermeiden, aber es spricht nichts dagegen, mit dem Hund rauszugehen“ – aber auch das könnte zumindest in bestimmten Gebieten bald ausgerufen werden. In Ballungszentren wie Berlin scheint es eine Frage der Zeit.

In Tirol ist die Ausgangssperre bereits verhängt. Alle 279 Tiroler Gemeinden sind seit Mittwoch Mitternacht unter Quarantäne. „Das ist auch die richtige Maßnahme“, sagt selbst Andreas Hotter, Betreiber des Hotels Englhof in Zell am Ziller, seineszeichen MIXOLOGY Bar des Jahres Österreich 2019. „In München sitzen die Menschen noch teilweise in Biergärten. Hier hat die Bevölkerung das Ausmaß großteils verstanden. Wenn ich aus dem Fenster sehe: keine Autos, niemand auf der Straße, bei schönstem Wetter und 20 Grad.“

Dass sich die Lage nach Ostern wieder normalisiert, glaubt auch Andreas Hotter nicht. „Es ist eine schwierige, ungewisse Situation für die Barszene. Vor allem spezielle Bars, die beispielsweise nur 15 Sitzplätze anbieten, werden vor enormen Problemen stehen“, wagt der Hotelier einen Ausblick.

Umso mehr gilt als Unterstützung: Spenden und Gutscheine kaufen.

Und weiterhin: Jeden Tag von Neuem entscheiden, wie man mit dieser Situation umgeht.

Credits

Foto: Bild: Shutterstock / Bearbeitung: Editienne

Comments (1)

  • Gabriele Regine Wibbeke

    Ganz in meinem Sinne!!
    Bin selbst altersmässig Gastronomin und Küchenchefin und Ausbilderin etc. a.D.
    Arbeite gerade aushilfsweise in Arztpraxis!
    Ganz in meinem Sinne herzliche und kraftvolle Grüsse aus Berlin!!
    Gabi Wibbeke „Wibb`s“

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