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Corona Chronicles, Teil 14: Was machen die Fachverbände der Bartender?

Rund sechs Wochen dauert der allgemeine Lockdown für die Bars bereits. Für viele Barleute irritierend ist das mehr oder weniger ausgiebige Schweigen der beiden selbsternannten Berufsverbände in der Öffentlichkeit. MIXOLOGY hat mit Vertretern beider Vereine, der „Deutschen Barkeeper Union“ und der „German Bartenders Guild“, gesprochen. Geht da was? Ja. Und nein.

Der Mixology Podcast

Zwei eingetragene Vereine in Deutschland betätigen sich als Berufsverbände für Bartender: Da wäre einerseits die Deutsche Barkeeper Union (DBU), die 1909 in Köln gegründet wurde und derzeit bundesweit knapp 1000 Mitglieder hat. Dem gegenüber steht die noch sehr junge German Bartenders Guild (GBG, auch auf Deutsch als „Gilde der Deutschen Barkeeper“ firmierend), die sich im Frühjahr 2019 aus ehemaligen DBU-Mitgliedern gebildet hat. Laut eigenen Angaben sind inzwischen rund 130 Bartender Teil der GBG. Gemeinsam vertreten beide Vereine somit um die 1150 Barleute, beanspruchen jedoch oft, für den gesamten Berufsstand zu sprechen.

Die Stille der beiden „Verbände“ verwundert viele

Umso irritierender ist für viele Bartender, dass beide Vereine sich im Zuge der Corona-Krise und den Bedrohungen der Barszene bislang öffentlich sehr schweigsam präsentieren. Denn wann, wenn nicht jetzt, wäre es an der Zeit, dass Fachverbände sich mit Ratschlägen, Lösungsvorschlägen und unkomplizierter Hilfestellung hervortun? Diese Frage stellen sich derzeit große Teile der Branche.

„Wir brauchen vergleichsweise länger als andere, um Lösungen zu präsentieren, das stimmt“, gibt Mohammad Nazzal zu Protokoll. Der Kölner Bartender und Restaurantbesitzer ist DBU-Pressebeirat und außerdem Vorsitzender des Nordrhein-Westfälischen Zweigs. Er begründet dazu ganz offen: „Dass wir etwas langsamer sind, liegt aber nicht nur daran, dass viele von uns eigene Betriebe haben, die nun Aufmerksamkeit brauchen, sondern ebenfalls daran, dass wir uns Zeit nehmen für fundierte Konzepte. Außerdem muss man hinzufügen: Natürlich stehen wir mit unseren Mitgliedern bereits seit Beginn der Krise in Kontakt.“ Diese Aussage wird von Mitgliedern gegenüber MIXOLOGY auch bestätigt.

DBU-Sprecher Nazzal: Wir brauchen etwas mehr Zeit

Ob die DBU allerdings das Gefühl bzw. den Vorwurf der Tatenlosigkeit nachvollziehen kann, fragen wir Nazzal. „Ja und nein. Ich verstehe zwar, dass das öffentliche Schweigen so ausgelegt wird. Andererseits sehen wir es aber auch nicht als unsere Aufgabe, um jeden Preis öffentlich laut zu sein, auch weil ‚laute‘ Lobbyarbeit für uns nach wie vor kaum möglich ist. Die Gründe dafür würden hier den Rahmen sprengen, aber wir nennen sie bei Anfragen gern.“

Jedenfalls hatte die DBU auf öffentlicher Ebene zunächst etwa auf ihrem Facebook-Kanal nur einige wenige Fremdbeiträge geteilt, eine Veranstaltung abgesagt und ansonsten geschwiegen. Nun aber soll zeitnah ein umfassendes Angebot mit Hilfestellungen für Barleute kommen, kündigt Nazzal an: „Wir haben uns auf mehrere Bereiche fokussiert. Da wäre erstens die Hilfe, die wir unseren Mitgliedern anbieten. Sie können sich aktiv an uns wenden, darauf haben wir jetzt erneut hingewiesen: Das geht laut unseren Statuten soweit, dass der Verein z.B. Mitgliedern wirklich monetär hilft, die etwa durch Gehaltsausfälle in private finanzielle Schieflage geraten.“

Hinzukommt, dass die DBU auf ihren Webseiten nun ein separates Corona-Portal eingerichtet hat mit einem Link-Pool, der für Branchenangehörige interessant sein kann. Hinzu kommt eine aktive Zusammenarbeit mit der Hilfsinitiative Support Your Local Bar. „Das zentrale Instrument ist aber eine umfassende Plattform, die wir seit einiger Zeit mithilfe von Partnern entwickeln: Dort wollen wir der Branche ein großes Paket geben, das jetzt helfen kann: Dazu zählen Weiterbildungsangebote für die jetzt arbeitsfreie Zeit, ein Überblick über Richtlinien, Pläne für künftige, wirkliche Lobbyarbeit – aber auch eine echte, fachanwaltliche Rechtsberatung für Barleute und Unternehmer.“

Die Deutsche Barkeeper Union reicht auch den Nicht-Mitgliedern die Hand

Vor allem der letzte Punkt dürfte in naher und mittlerer Zukunft eine große Relevanz erhalten: Zahlreiche juristische Fragen aus vielen Gebieten sind bislang noch ohne Rechtsprechung, für viele Barbetreiber und Bartender wird es da noch viel zu klären geben. Doch ist auch dieses Angebot nur für Mitglieder? „Im Prinzip nicht“, stellt Nazzal klar: „Streng genommen ist dieses Angebot für unsere Mitglieder, jedoch bieten wir jedem Interessierten das erste Jahr Mitgliedschaft komplett kostenfrei an – mit allen Leistungen, also auch der Plattform.“ Danach könne jeder entscheiden, ob die Mitgliedschaft Sinn ergibt, so der DBU-Sprecher. Zumal Mitgliedsbeiträge am Ende des Jahres vollumfänglich steuerlich abgesetzt werden können, wie Nazzal abschließend noch einmal in Erinnerung ruft. In ein bis zwei Monaten soll das neue Portal fertig und komplett nutzbar sein. Dann wird man neu bewerten müssen, inwieweit die DBU wirklich praktische Hilfe nicht nur für Bestandsmitglieder liefert.

Die German Bartenders Guild hingegen bedient eine Beratungsfirma

Ebenfalls steuerlich absetzbar sind auch die Mitgliedsbeiträge der German Bartenders Guild. Als aktuelle Maßnahme hat die GBG ihren Angehörigen beispielsweise die Möglichkeit gegeben, die Beiträge bis zum Jahresende zu stunden, gibt Präsident Marcus Siebert an, „Direkthilfe“ nennt er das. Doch was tut die „Gilde“, deren Präsidium laut Impressum der Website aus einem Berufsschullehrer, einem Barschulmitarbeiter, einem Caterer und einem Teilzeitmitarbeiter eines großen Spirituosenvertriebs besteht, abseits davon – für ihre von der Krise betroffenen Mitglieder oder die gesamte Szene?

Dazu Präsident Siebert gegenüber MIXOLOGY: „Wir haben eine Kooperation mit der Beratungsfirma Gastro-Piraten gestartet, die mein guter Freund René Kaplick betreibt. Dort erhalten auch Mitglieder der GBG einen kostenlosen Beratungstermin, in dem sie ihre aktuellen Probleme gezielt ansprechen können.“ Laut Siebert zahlen aber auch Gilde-Angehörige bei der Beratungsfirma den vollen Satz. Allerdings sei es seit Anfang dieser Woche möglich, einschlägige Beratungsleistungen durch Gelder vom Staat fördern zu lassen, da die Beratungsfirma staatlich anerkannt sei.

Die „Gilde“ schaut nicht auf die Branche, sondern auf ihre eigenen Belange

Auch auf den sozialen Medien teilt die GBG neben anderem Fremd-Content insbesondere Inhalte der Firma Gastro-Piraten. Die Gilde setzt also hier eher auf die Kompetenz eines externen Unternehmens anstatt selbst Lösungen zu entwickeln. Dafür hat die Gilde aber am Ostersamstag bei Facebook ein Bild vom Osterhasen gepostet. Moralische Unterstützung in unwägsamen Zeiten ist eben auch wichtig. 12 Leuten gefällt das.

Daneben halte man die Mitglieder „per Mail auf dem Laufenden, insbesondere, was die Antragsstellungen zu Soforthilfen in den einzelnen Bundesländern angeht“, so Siebert. Zunächst angedachte, öffentliche Online-Seminare zu aktuellen Themen seien an technischen Gegebenheiten gescheitert, erklärt er. Generell „liegt das Hauptaugenmerk aber bei unseren Mitgliedern“, meint der Gilde-Präsident außerdem. Eine durch die DBU angebotene Zusammenarbeit im Krisenmanagement hat die GBG abgelehnt, wie Marcus Siebert bestätigt: „Das lag zum einen daran, dass es darin stark um die Unterstützung von Support Your Local Bar ging, was in unseren Augen eine Industrieplattform ist. Zum anderen empfanden wir, dass die Trennung unserer beiden Vereine noch zu jung ist, um nun bereits in Kooperation zu gehen.“

Eigenständige Wege und Konzepte, mit Wissensvermittlung oder Hilfskonzepten öffentlich an die Branche zu gehen, nennt er nicht.

Der eine Verein bemüht sich, der andere genügt sich offenbar selbst

Am Ende bleibt ein Bild, das in der Zukunft noch weiter gezeichnet werden muss: Die DBU scheint das nachhaltige Bedürfnis nach Hilfestellungen auch für Nicht-Mitglieder erkannt zu haben. Sie handelt im Vergleich zu vielen öffentlich sehr rührigen Bartendern langsam und zurückhaltend, scheint sich aber der mit ihrem Anspruch verbundenen Verantwortung gewahr zu sein. Dies zeigt nicht zuletzt der Versuch des Schulterschlusses mit jener anderen Vereinigung, die sich letztes Jahr unter nicht ganz konfliktfreien Umständen von ihr gelöst hat, der German Bartenders Guild. Jene „Gilde“ hingegen scheint sich nicht wirklich für die Belange der Branche zu interessieren, sondern spricht von „Direkthilfen“, die nur Beitragsstundungen sind.

Ach so: Demnächst können auch Nichtmitglieder sich laut GBG-Präsident Siebert Produkte von Partnerfirmen der Gilde schicken lassen, um beispielsweise in den sozialen Netzwerken Drinks mit diesen Produkten zu posten und so ihr eigenes Auftreten aufwerten. Die Hersteller, die diese Produkte zur Verfügung stellen, freuen sich dann sicher über günstige, quasi kostenfreie Werbung. Die Gilde denkt vielleicht tatsächlich, dass sie damit hilft. Doch das ist ein Irrtum, sie befasst sich offenbar primär mit sich selbst und ihrer eigenen Abgrenzung zum Rest der Szene. Einem ist damit jedenfalls angesichts der Coronakrise nicht geholfen: dem Bartender, dem momentan so sehr geholfen werden müsste wie nie zuvor.

Credits

Foto: Bild: Shutterstock / Bearbeitung: Editienne

Comments (1)

  • Kristina Wolf

    Hallo Nils,

    der Vorsitzende der DBU hat bei der Orga von #leerestühle mitgearbeitet und nicht nur in den letzten Tagen.
    Das ist wohl dem Umstand geschuldet, dass Ulf Neuhaus seinen Betrieb in Dresden hat.

    Beste Grüße aus der Nachbarschaft

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