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Corpse Reviver No. 2: Totgesagte leben länger

Er ist der wohl bekannteste und beliebteste Cocktail der Reviver-Reihe: Der Corpse Reviver No. 2 mit der Basis-Spirituose Gin. Und er trägt seinen Namen völlig zu Recht. Über einen Cocktail, der seinen Zweck nie verfehlt.

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Anfang der Zehnerjahre war die Zeit, in der alte Cocktail-Rezepturen auch in einem breiteren Maßstab ausgegraben und zugänglich gemacht wurden. Ein beliebter Referenzpunkt war dabei das „The Savoy Cocktail Book“ von Harry Craddock aus dem Jahre 1930.

Somit war es eigentlich nur eine Frage der Zeit, bis der Corpse Reviver No. 2 wieder an die Oberfläche getragen wurde. Ein Cocktail mit diesem Namen, noch dazu ein Gin-Drink zur Zeit der Gin-Morgenröte? Das konnte nicht schief gehen. 2008 bereits widmete sich Cocktail-Enthusiast Jay Hepburn auf seinem damaligen Blog ohgo.sh ausführlich dem Corpse Reviver No. 2: „Dieser Drink erinnert mich daran, worum es in Cocktails wirklich geht: Einige Basiszutaten zu nehmen und sie zu einem Resultat zu verwandeln, das größer ist als seine einzelnen Teile.“

Eine Einschätzung, die die Qualität des Corpse Reviver No. 2 auf den Punkt bringt: Es ist ein frischer, knackiger, unkomplizierter Drink; ein Stimmungsaufheller, der nie seine Wirkung verfehlt. Er ist einer wie dieser verlässlichen, stets gut gelaunten Freunde, neben deren Anwesenheit der eigene Trübsinn rasch verblasst.

Corpse Reviver No.2: Whenever steam is needed

Das wusste auch schon Harry Craddock, der selbst einigermaßen lakonisch zum Corpse Reviver No. 2 festhält: „To be taken before 11 a.m., or whenever steam and energy are needed.“

Ein Corpse Reviver Nr. 2 vor elf Uhr mittags? Glory days! Diese Empfehlung des Erfinders liegt in der Natur der „Reviver“-Cocktails: Sie waren weniger als kleine Energieschübe, sondern vielmehr als alkoholisches Katermittel erdacht worden. Wiederbeleber eben, Re-Animateure nach einer langen Nacht.

Die Kina Lillet Frage

Dabei fehlte Jay Hepburns damals angegebener Rezeptur – Gin, Cointreau, Lillet Blanc, Zitronensaft, Absinth – zur Perfektion noch ein kleines Stück. Denn er ließ damals außer Acht, dass zur Einführung des Corpse Reviver No. 2 – also zu Zeiten Harry Craddocks – Kina Lillet gängig war. Und Kina Lillet wurde erst im Jahre 1986 zum heute gängigen Lillet Blanc.

Der Wandel des Produktes hinterließ eine Lücke im Segment der Wein-Aperitifs, die erst seit Januar 2008 wieder langsam geschlossen wurde. Erik Ellestad grub damals Cocchi Americano aus der Versenkung, ein italienischer Aperitif, der die nötigen Bitternoten aufwies, die manche Kenner seit der Umstellung von Kina Lillet auf Lillet Blanc vermissten. Die Cocchi-Welle kam im Februar 2009 auch bei Hepburn an, als dieser konstatierte: „Ein Corpse Reviver mit Lillet schmeckt hervorragend, aber davon sollte man sich nicht täuschen lassen: mit Cocchi Americano ist er einfach nur großartig!“

Corpse Reviver No. 2

Zutaten

2 cl Dry Gin
2 cl Cointreau
2 cl Cocchi Americano (oder Lillet Blanc)
2 cl Zitronensaft
1 Dash Absinth

Der Corpse Reviver No. 2: umkomplizierter Stimmungsaufheller

Das Jahrzehnt des Corpse Reviver No. 2

In diesen Lobgesang über den Corpse Reviver No. 2 stimmen seitdem Bartender und Gäste aus aller Welt ein. Diese simple Mischung gleicher Teile aus Gin, Cointreau, Cocchi Americano (oder eben Lillet Blanc), Zitronensaft und einem Spritzer Absinth hinterlässt einen bleibenden Eindruck. Mit etwas Wohlwollen könnte man sagen: Das letzte Jahrzehnt war definitiv das Jahrzehnt des Corpse Reviver No. 2.

Bei der Wahl des Gins greift man dabei am besten auf einen klassischen, wacholderbetonten London Dry Gin zurück, wie beispielsweise den Berry Bros & Rudd London No.3 Gin; ein frischer und eleganter Gin, der sich dank graziler und floraler Noten gut zu Cointreau und Wein-Aperitif fügt. Und auch wenn nur ein Dash Absinth in den Cocktail kommt, sollte man doch bedenken, dass dieser Tropfen das Zünglein an der Waage des Drinks ausmacht. Hier empfiehlt sich eine gestandene Qualität wie Duplais.

Natürlich lädt der Corpse Reviver No. 2 an dieser Stelle zum Experimenten mit den Zutaten ein, allen voran bei der Wahl des Gins sowie des Wein-Aperitifs. Wer das ausgiebig tun möchte, dem seien noch Harry Craddocks Worte mit an die Hand gegeben: „Four of these taken in straight succession will unrevive the corpse again.“

Sprich: Dann verkehrt sich die Wirkung des Cocktails in sein Gegenteil, und die Reanimation wird zum Grabgesang. Aber damit ist der Corpse Reviver No. 2 ja nun wahrlich nicht alleine …

Anm: Dieser Artikel erschien ursprünglich 2012 in abgeänderter Form von Steffen Hubert

Credits

Foto: Sarah Swantje Fischer

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