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craft beer

Ein kleines Craft Beer-Lexikon.

Unbedarfte, die zum ersten Mal mit der neuen Bierszene rund um Craft Beer in Berührung kommen, staunen zunächst nicht schlecht. Hielt man Bier zuvor für eine facettenlose Selbstverständlichkeit, wird es plötzlich zu einem Thema voller Leidenschaft, in dem fachkundige Gespräche gar nicht mehr möglich scheinen.

Wer bei „Ei Pi Ey“ an eine asiatische Eierspeise und bei „Dry Hopping“ an ein Kinderhüpfspiel am Strand denkt, dem sei hiermit ein Einstieg ins Thema gegeben.

India Pale Ale (IPA)

Das unbestrittene Flaggschiff der Craft-Beer-Szene kommt ursprünglich aus England und hat in der Tat viel mit Schifffahrt zu tun. Obwohl die Geschichte bereits tausende Male rezitiert worden ist, sei sie also nochmals erzählt – sie ist einfach gut!

Stationiert man Soldaten in fremden Ländern, gehört es zum guten Ton, dass diese etwas über die Stränge schlagen. Schickt man aber englische Mannen um die halbe Welt nach Indien, um ein Seehandelsimperium aufzubauen, fehlt diesen ein essentieller Bestandteil ihrer Trinkkultur: Ale, wie Briten ihr obergäriges Bier nennen.

Es bleibt dem durstigen Legionär demnach nicht viel mehr, als sich mit lokalen Produkten zu behelfen. Doch in der Sonne spontan vergorener (um nicht zu sagen: vergammelter) Palmensaft birgt viele Gefahren für den Unbedarften. So mancher Brite litt nach übermäßigem Genuss des unerwartet heftigen Rauschmittels plötzlich an Hitzewallungen und suchte volltrunken Linderung im kühlen Nass. Betrunken ertrunken, nun, es soll schlimmere Todesarten geben.

Daheim aber sah man diese Entwicklung mit wachsender Sorge und beschloss, den Jungs in der Ferne heimische Gebräue nachzusenden, mit deren Anwendung sie vertrauter waren. Doch die normalen Biere waren zu empfindlich, um sie auf die lange Reise ums Kap zu schicken. Wechselhaftes Wetter und ein Mangel an Kühlung ließen viele Fässer verderben. Zwei Bestandteile von Bier jedoch erhöhen auf natürliche Weise dessen Haltbarkeit – Alkohol und die Gerb- und Bitterstoffe im Hopfen. Nichts lag also näher, als beides zu erhöhen, und siehe da: die intensiv gehopften Starkbiere erfreuten sich auch daheim schnell steigender Popularität.

Mit dem Aufstieg der Lagerbiere nach Pilsener Brauart und verbesserten Kühlmöglichkeiten auch für schwachbrüstigere Biere verschwand das IPA jedoch wieder vom internationalen Markt – bis die Renaissance der amerikanischen Bierkultur den Stil neu interpretierte und ihm zu Weltruhm verhalf.

C-Hops

Essentiell für den Erfolg von Craft Beer waren amerikanische Aromahopfen. Während Otto Normalpilstrinker Hopfen fast ausschließlich mit Bitterkeit assoziiert,  kreuzte und züchtete man in den Vereinigten Staaten fleißig neue Hopfensorten. Manche weisen derart kräftige, fruchtige Aromen auf, dass deutsche Biertrinker meinen, ein künstlich aromatisiertes Produkt vor sich zu haben und entsprechend ungläubig starren, wenn sie erfahren, dass viele dieser Biere sich absolut innerhalb der Grenzen des Reinheitsgebots bewegen.

Besonders für ihre zitralen Aromen geschätzt werden dabei die “drei Cs”: Cascade, Centennial und Columbus. Diese haben durch bekannte Biere wie z.B. das Sierra Nevada Pale Ale fast schon Kultstatus unter den Hopfenvernarrten. Doch auch sie stehen nur stellvertretend für Sorten von Südafrika bis Neuseeland, von Amarillo über Mandarina, Nelson Sauvin, Simcoe und Willamette bis Zeus.

Die Unterscheidung in Bitterhopfen und Aromahopfen ist übrigens umstritten, denn dabei geht es eher um die übliche Verwendung denn um Eigenschaften des Hopfens selbst. Auch Bitterhopfen haben kräftiges Aroma, und Aromahopfen werden genauso wegen ihrer Bitterstoffe geschätzt, von denen sie oft sogar mehr enthalten als klassische, deutsche Bitterhopfen.

Dry Hopping

Ein irreführender Begriff, denn beim Dry Hopping (zu Deutsch: Kalthopfung oder Hopfenstopfen) geht es genauso feucht zu wie bei Hopfengaben während des Brauens. Als Hopfenstopfen bezeichnet man die Zugabe von Hopfen (frische Dolden oder getrocknete Pellets) nach dem eigentlichen Brauvorgang. Während beim Brauen hauptsächlich Bitterstoffe gelöst werden, bringt das Kalthopfen die ätherischen Öle besser zur Geltung. Dadurch kann auch ein ganz normales, untergäriges Lager sich zur echten Fruchtbombe entwickeln, wie etwa der Prototyp von der Kreativbrauerei Kehrwieder eindrucksvoll beweist.

IBU

International Bittering Units oder Bittereinheiten sind ein Standardmaß für die Bitterkeit eines Bieres. Gerade unter den auf Craft Beer schwörenden Hop Heads (Hopfenvernarrten) werden IBU manchmal zu den Pferdestärken der Bierwelt, je bitterer desto besser. Obwohl gerade IPAs und Double IPAs hier gern die Grenzen des Machbaren ausloten, ist es jenseits der 100 IBU fraglich, ob sich noch geschmackliche Unterschiede feststellen lassen. Zudem wirkt ein höherer Malzgehalt ausgleichend, in einem dunklen Doppelbock können also selbst 70 IBU weniger bitter schmecken als 40 IBU in einem schlanken Pilsener. Ein kräftiges, norddeutsches Pils liegt ungefähr in diesem Bereich. Wer also gern seine Vorliebe für herbe Biere konstatiert und damit Jever und Co. meint, möge doch bitte ein Stone Ruination IPA probieren, denn im Vergleich dazu sind deutsche Pilsener etwas für Freunde des milden Geschmacks.

Pale Ale

Der kleine Bruder vom IPA ist, wie oben erwähnt, eigentlich sein Vater. Die Geschichte des Pale Ales hat viel mit der des Pilseners gemein, denn beide konnten erst erschaffen werden, als fortgeschrittene Röstmethoden beim Gerstenmalz eine gleichmäßig helle Röstung ermöglichten. Wie auch beim Pilsener zeigten sich Biertrinker von dem “blassen Bier” begeistert, denn bis dato waren die meistgebrauten Stile Porter und Schwarzbiere, Brown Ales, Braunbiere und Bayrisch Dunkel. “Pale” ist also im Vergleich zu diesen Bieren zu sehen, nicht etwa zu den glasklaren, hellgelben Lagern unserer Zeit.

Der Hauptunterschied zum Pilsener liegt dabei darin, wo die Hefe bei der Gärung schwimmt – Pilsener Lager ist untergärig, Ale obergärig wie etwa Kölsch oder Weißbier. Wer daraus schließt, dass Pale Ales auch geschmacklich blass bleiben, kennt weder diese noch seine deutsche Bierlandschaft richtig. Moderne, gut gemachte Pale Ales sind eine grandiose Verbindung von Trinkbarkeit, Frische und fruchtig-herber Intensität.

Warum aber stürzt sich die Craft-Bierwelt so eifrig auf obergärige Biere? Erstens fühlen sich obergärige Hefen bei höheren Temperaturen wohler als untergärige, und das Bier ist schneller fertig. Logisch: Lager heißen Lager, weil man sie für die Reifung lange lagern muss. Dies bringt einen Nachteil für kleine Brauunternehmen, denen es an Kapazitäten fehlt. Die US-Craft Beer-Bewegung entstammt der Heimbrauer- und Brewpub-Szene. Hier boten obergärige Biere also einen klaren Vorteil. Zweitens bringen obergärige Hefen oftmals von sich aus gewisse Fruchtnoten ins Bier. Die Verbindung von Hefeweizen und Bananensaft entspringt keinem Radlerabklatsch, sondern den ohnehin schon bananigen Hefenoten in diesem Biertyp. Obergärige Hefen bieten also natürliche Partner für fruchtige Hopfensorten.

(Russian) Imperial Stout

Diese schwarze Starkbierschönheit wurde ebenfalls für den Seehandel entwickelt, diesmal allerdings für das Baltikum. Dank ihrer schweren, dunklen Malznoten, die oftmals in Richtung Kaffee und Kakao tendieren, passen Imperial Stouts ausgezeichnet in die kalte Jahreszeit, und dank ihres ordentlichen Alkoholgehalts (von ungefähr 7 bis 17 Vol.-% hat man alles schon gesehen) wärmen sie auch im sibirischen Winter von innen. Tatsächlich erfreute es sich am russischen Zarenhof zeitweise so großer Beliebtheit, dass die Bezeichnung “Russian Imperial” heute für den gesamten Biertyp steht.

Imperial/Double

Getrieben vom Verlangen, immer neue, herausforderndere Biere zu kreieren, nahmen sich die Brauer das Verhältnis von Stout und Imperial Stout zum Vorbild und machten daraus ein Schema, dass mittlerweile auf so ziemlich jeden Bierstil angewendet wird. Imperial IPA machte den Anfang, Imperial Pilsener folgte, und inzwischen ist sogar Imperial Wit (belgisches Weizenbier) im Umlauf. Der Grundgedanke ist einfach: Mehr von allem! Mehr Hopfen, mehr Malz, mehr Alkohol. Dabei enstehen sehr kontrastreiche Biere, an denen sich oftmals die Geister scheiden. Ein Imperial Pilsener ist letztlich ein stark gehopftes Bockbier, das versucht, trotzdem noch ein schlankes Pils zu sein. Hier die Balance zu treffen, ist sehr schwierig. Bei jenen Kreationen, wo es funktioniert, schmeckt man aber, wozu die Brauer sich die Mühe machen.

Craft Beer

Damit ist das Vokabular der Craft-Spezies natürlich noch lange nicht ausreichend betrachtet. Da gäbe es noch belgische Geuze und Lambic und den “Sauer ist das neue Bitter!”-Trend, oder die Frage, warum es unter Craft-Brauern so viele Hunde gibt (BrewDog, Flying Dog, Dogfish Head), oder warum Craft Beer so seltsame Namen hat (Hoptimus Prime, Yellow Snow, Old Leghumper, Old Engine Oil, Duck-Rabbator…). Aber wer nach dieser Lektüre in eine Craft Beer Bar geht und voller Selbstbewusstsein nach einem “Double IPA mit ordentlich Simcoe, ohne Hund drauf” fragen kann, muss sich nicht länger den vernichtenden Blicken aussetzen, die man für ein gestammeltes “Öhm…äh…tja…habt ihr auch Beck’s?” ernten würde.

Credits

Foto: "Beer Bottles" via Shutterstock.com

Comments (5)

  • Da der entsprechende Abschnitt zum IPA etwas vage formuliert ist, möchte ich den auf absolut exakte Angaben bedachten Bierhistorikern vorgreifen:
    Das India Pale Ale wurde nicht für den indischen Kolonialmarkt erfunden, sondern erlangte über diesen seinen Platz an der Sonne und wurde quasi rückwirkend so benannt.
    Wie beschrieben waren die Methoden zur Haltbarmachung von Bier (mehr Alkohol und Hopfen) bereits zuvor bekannt. Geht man also davon aus, dass es auch schon vor der Notlage in Indien verschiedene Pale Ales mit viel Hopfen und hohem Alkoholgehalt gab, ist man auf der sicheren Seite. Sie hießen nur eben nicht „India Pale Ale“, sondern wahrscheinlich „Strong Pale Ale“ oder ähnlich. Diese wurden für den Transport nach Indien natürlich bevorzugt gewählt.
    Dennoch darf man getrost annehmen, dass viele Brauereien neue IPAs einbrauten, als der Erfolg in Indien und auch daheim deutlich wurde.

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  • RUAS

    Ich arbeite nun seit einem halben Jahr in einem Laden für Spezialitätenbiere – muss mich also zwangsläufig für die Craft-Beer-Trends interessieren. Deine Ausführungen, lieber Dirk, sind mit Abstand das Beste, was ich in verschiedensten Medien dazu gelesen/gehört habe. Darf man fragen, wo man sich dieses ultra-brauchbare Wissen aneignen kann?

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  • Dirk Hoplitschek

    Also, ultra-brauchbar habe ich mich bisher auch noch nicht fühlen dürfen. Daher zunächst einmal herzlichen Dank für das Lob! Wobei es fast souffliert wirkt, damit ich etwas Werbung in eigener Sache machen kann…
    Denn einerseits könnte man jetzt meinen Weg hin zu mehr Bierwissen über mittlerweile 7 Jahre resümieren…oder aber man ersteht das Buch „Cocktailian 3 – Bier und Craft Beer“, in dem (neben meinem gesammelten Wissen) mit Peter Eichhorn und Rory Lawton noch zwei weitere Autodidakten der Bierwelt zu fachkundigem Worte kommen. Darin findet man alles von der Geschichte des Gerstensafts über traditionelle und moderne Stile und Brauereien bis hin zu Rohstoffen und Herstellung. Und gut aussehen tut’s auch noch! 😉
    Des Weiteren gibt es inzwischen einiges an Online-Medien, in denen man die aktuellen Geschehnisse in der Bierwelt nachvollziehen kann, ob in Blogs (neubierig.de, hopfenhelden.de, brewberlin.com, etc.) oder auf Bewertungsportalen (ratebeer.com & beeradvocate auf English, bier-index.de auf Deutsch, und wieder Eigenwerbung eingeschleust…), wo man sich einen Überblick über aktuell beliebte Biere und Dauerbrenner machen kann.
    Davon abgesehen kann ich nur die Empfehlung geben, sich in die lokale Bierwelt zu stürzen, mit Brauern und Konsumenten ins Gespräch zu kommen, Bier als Genussmittel kennen zu lernen. Kommen nämlich Genuss und nette Menschen zusammen, wachsen Interesse und Wissen wie von selbst…

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  • Matthias Böse

    Aber war der ursprüngliche Plan nicht das IPA vor Ort wieder zu verdünnen.
    Nur das das halt anscheinend keiner gemacht hat und so IPA als Starkbier eher zufällig entstanden ist.

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