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Hopfen statt Hot Dogs in Dänemark

Ja, es gibt sie: dänische Brauer, die nicht „Mikkeller“ heißen. Die dänische Craft Beer-Szene ist schon seit den 1990ern ein fester Bestandteil der globalen „Craft Revolution“. Wir haben mit drei Brauereien gesprochen, um herauszufinden, was der Stand der Dinge ist und auf welche spannenden Biere wir uns 2016 freuen können.

Die Dänen sind dafür bekannt, gerne mit ihren Bieren zu experimentieren und für Neues offen zu sein. Das Land beherbergt viele lokale Brauereien und man findet in fast jeder Stadt mindestens eine. Das Brauen ist bei den Dänen fast ein Volkssport. Am Wochenende trifft man sich mit Freunden und braut – es ist ein wesentlicher, selbstverständlicher Teil des Lebens.

Außerdem wird über Dänemark gesagt, dass die Brauszene schneller und flexibler ist als in Deutschland. In den letzten 10 Jahren hat sich Dänemark in die Elite der Craft-Brauer hochgearbeitet. Obwohl die Amerikaner wohl immer noch an der Spitze stehen, sind die Dänen offen und versuchen, typisch-europäischen Stilen einen neuen Twist zu geben. In den letzten Jahren gab es viele Kollaborationen zwischen internationalen und dänischen Brauereien sowie viele amerikanischen Brauer, die in Dänemark gearbeitet haben und somit ihr Wissen und ihre Erfahrungen geteilt haben. Von vielen Seiten haben wir gehört, dass die dänische Craft Beer-Community so besonders ist, weil Brauer sich untereinander als Kollegen bezeichnen, anstatt sich als Konkurrenten zu sehen. Viel wird geteilt: vom Know-How bis zur Hefe und sogar der Ausstattung. So werden auch junge Brauer gefördert und gleich mit in die Gemeinde integriert.

Ugly Duck Brewing – Jetzt gibt’s Saures!

Stefan Peter Stadler und Torben Steenholdt brauen für die Ugly Duck Brewing Co. Stadler erzählt, dass er von den Perspektiven des Craft Beers fasziniert ist: „Man hat hier die Möglichkeit, Bier neu zu definieren, neue Wege gehen, neue Sachen auszuprobieren, weg von Einheitsbieren der Großbrauereien“. Obwohl gebürtiger Münchner, hat Stadler für das Reinheitsgebot nicht viel übrig: „Das Reinheitsgebot wird dieses Jahr 500 Jahre alt. Ich empfinde es eher als Einschränkung, denn als ein den Verbraucher schützendes Lebensmittelgesetz. Es muss dringend überdacht und aktualisiert werden“. Eine Meinung, die sich auch stark in seinen Bieren widerspiegelt.

Ugly Duck plant, in der Zukunft mehr gelagerte Biere zu produzieren. Mike Anderson, der das Sales & Marketing der Brauerei betreut, berichtet von Bieren, die in verschieden großen Eichenfässern gelagert werden. Außerdem wird es 2016 noch zwei Sauerbiere geben, die mit verschiedenen ‚Brett’-Kulturen produziert werden, eins wiederum auch weiter im Fass ausgebaut. Zusätzlich soll mit weiteren typischen, stark gehopften Variationen von IPA und American Pale Ale auch das mittlerweile fast „klassische“ Craftie-Segment weiter bedient und ausgebaut werden.

Brauer Stefan Peter Stadler wird in 10 Jahren schon seit einem halben Jahrhundert Bier gebraut haben und sich vermutlich langsam zurückziehen. „Allerdings“, meint er, „sehr langsam. Ich muss ja auch etwas von meinem Wissen an die nächste Generation weitergeben!“

Hornbeer – im Einklang mit Land und Mensch

Gunhild Rasmussen und ihr Mann Jørgen Rasmussen eröffneten 2008 ihre Brauerei Hornbeer. Im Interview berichtet Gunhild, dass ihr Mann bereits mit 13 Jahren die Autobiografie von Carlsberg-Gründer Jacob Christian Jacobsen gelesen hat – was ihn Jahrzehnte später zum Bierbrauen inspirierte. Die Hornbeer Brauerei liegt in Roskilde und produziert über 30 verschiedene Biersorten. Momentan ist die Brauerei damit beschäftigt. Biobiere zu entwickeln, die sich besonders als Speisenbegleiter eignen. Natürlich alles innerhalb der eigenen, selbstauferlegten Richtlinien: hochqualitative Zutaten, davon jedoch nur so wenig wie möglich, um umweltfreundlich und ressourcenschonend zu arbeiten. Für die Brauerei werden sogar Solarzellen und Heizpumpensysteme eingesetzt, um so viel erneuerbare Energie wie möglich zu nutzen. Neben all dem konzentrieren sich Gunhild und Jørgen derzeit außerdem auf ihre Lieblings Biersorten: alles, was hopfig und schwarz ist.

To Øl

Tore Gynther, Mitgründer und Eigentümer von To Øl, fasziniert vor allem die Gemeinschaft, die um Craft Beer herum existiert. „Wir alle – Brauer, Importeure, Bars, Shops, Bierliebhaber und so weiter – konkurrieren nicht miteinander. Wir arbeiten zusammen daran, die Grenzen von Craft Beer zu erkunden und wiederum dadurch existieren viele Querfeldein-Kollaborationen. Ich denke, das liegt vielleicht daran, dass Bier immer als Arbeitergetränk angesehen wurde und somit nicht Teil des snobbigen ‚High Class‘-Systems ist“.

Mit Bier zu arbeiten, bedeutet für Gynther, endlose Möglichkeiten zu haben. Nach den vier Grundzutaten Wasser, Malz, Hopfen und Hefe kann theoretisch wirklich Alles zugesetzt werden. In genau diesem Faszinosum über den Reichtum potentieller Zutaten sieht er allerdings gleichzeitig ein großes Problem: „Viele Brauereien überspringen einfach die Grundlagen des Brauens, was dann in seltsamen, extremen und mitunter fehlerhaften Bierexperimenten resultiert, die niemandem schmecken. Jeder kann Koriander in sein Bier schmeißen. Die Kunst liegt aber darin, ein balanciertes Produkt herzustellen, in dem der Koriander für eine subtile, ausgewogene Note und eine weitere Dimension sorgt, anstatt sich zu stark von den anderen Nuancen herabzusetzen oder sie gar zu zerstören“.

To Øl wird in der nahen Zukunft ein 750m2 großes Brewpub aufmachen. Dort wird es alle barrel-aged Biere sowie frische, hopfige IPAs direkt aus den Tanks zum Probieren geben. Außerdem kommt auch eine neue Anlage dazu, die frische Bio-Limonaden, Tonics und Cocktails unter den strengen Richtlinien von To Øl produziert. Auch hier hört der Spaß nicht auf, sondern es geht mit einem Restaurant weiter, in dem einer von Dänemarks berühmtesten Küchenchefs kochen wird, dessen Namen Gynther aber noch nicht verrät.

Zusätzlich arbeitet To Øl an einem Labor, in dem eng mit führenden, internationalen Hefeentwicklern zusammengearbeitet wird, um neue, innovative Bierprojekte zu kreieren. Dort werden Produkte wie glutenfreies oder alkoholfreies Bier erforscht. Das und noch viel mehr kann man in der Zukunft von To Øl erwarten. Tores Ziel ist es, der Welt zu beweisen, dass es möglich ist von ganz unten zu beginnen und effizient zu funktionieren, ohne dabei Kompromisse eingehen zu müssen.

Ein Blick in die Zukunft

Dänemarks Craft Beer-Szene wird auch im nächsten Jahrzehnt sicherlich noch weiter expandieren, schließlich gibt es immer mehr junge Menschen, die Craft Beer gerade erst für sich entdecken, zudem floriert die Landschaft aus gut sortierten Bierbars. Aus deutscher Sicht aus mag die dänische Bierszene vielleicht experimentierfreudig aussehen, manch ein Brauer teilt die Meinung jedoch nicht: Tore Gynther findet, dass noch viel mehr geht und hofft, dass dänische Brauer aufhören, sich so sehr an die Konsumenten anzupassen: „Dänemark hat viele fantastische Brauer mit großartigem Potential, jedoch denkt der Verbraucher leider noch nicht so fortschrittlich wie die Brauereien. Deshalb werden viele langweilige Biere gebraut und die Landschaft bleibt eher monoton und uninteressant“. Aussagekräftige Worte von jemanden, der fest in der Szene verankert ist. Wir erwarten weiterhin Großes von den dänischen Brauern und freuen uns auf baldige Neuheiten – von gelagerten Bieren bis hin zu hopfigen APAs und Sauerbieren. Es bleibt es spannend.

Credits

Foto: Bild via To Øl

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