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Eine Liebeserklärung. Das Feierabendbier.

Den ganzen Abend wurden Drinks gezaubert und gerührt. Gäste zu den edelsten Preziosen verführt, Sehnsüchte geschürt. Und dann wird es still. Eine Homage an das Feierabendbier.
Im Leben eines Bartenders gibt es oft, sehr oft diesen Augenblick, in dem man sich nur denkt: „Das hätte ich jetzt gern auch…“ Wenn sich seidig italienischer Vermouth und Rye aus dem blitzenden Jigger ins Rührglas senken und danach der glanzgezwirbelte Löffel genau die richtige Menge Bitters abmisst. Wenn dann das dazugegebene Eis stillstehend sein unnachahmliches Meditativknistern von sich gibt, um schließlich in das beruhigende Klacken des Rührens zu münden. Und endlich schmiegt sich der viskose Strom aus dem Arbeitsglas in die mattgefrostete Schale, mit der Orangenzeste fällt die Sehnsucht ins Glas: So ein Manhattan wäre jetzt großartig! Aber – der Kellner! – diese Sau trägt das Kleinod fort, hin zu einem Menschen, der es bestellt hat, und man selbst geht leer aus.
Und außerdem: Es ist gerade mal halb elf, deshalb also Rush Hour in der Bar und Alkoholgenuss in der Schicht sollte – mindestens zu diesem Zeitpunkt – ein Tabu sein. Also schiebt sich die Sehnsucht auf, flackert wieder mit dem einen oder anderen Drink, bis an die Stelle erlesener Spirituosen in der Hand des Bartenders Reiniger und Schwamm treten, um den Arbeitsplatz zu reinigen vom Schmutz der Nacht.
Doch wenn dann spätnachts die trüben Zauberschatten locken, wenn Rührglas, Löffel, Jigger und Strainer poliert auf dem Tresen stehen, wenn die Beine schwer sind vom Stehen und der Kopf vom Anpreisen der zahllosen Rumsorten, dann mag keiner mehr den geliebten Manhattan machen. Er verglüht in einer Wolke aus Müdigkeit. Und in der Einsicht: So ein Drink will zelebriert werden, und zwar jedes Mal. Und ein flüchtig im Tumbler geschwenkter Drink wird niemals so schmecken wie der vor vier Stunden. Aber: Das muss er auch nicht. Denn – und hier folgt ein Bekenntnis – es gibt noch etwas viel Großartigeres. Ohne Rührglas, Löffel und gefrostete Schale.
So wie die Gelegenheit Diebe macht, fordert jeder Moment seinen Drink. Manchmal ist es Champagner. Wenn Männer ihre Männlichkeit oder ihr (Halb-)Wissen demonstrieren wollen, greifen sie zu Scotch. Nach der Shoppingtour gibt es nun mal – naja – eben Hugo. Und dies hier ist eine Liebeserklärung für den wichtigsten Drink der Welt. Für den Drink der Stunde, in der die letzte Tonicflasche wieder die Kühlschublade vollmacht, in der die Poliertücher zusammengelegt werden, wenn die Mixplätze sauber und die Eiskübel leer sind. Dies ist eine Liebeserklärung. An ein manchmal verkanntes Geschenk des Himmels. An das Feierabendbier.
Kleinod für Bartender
Mehrere erfolglose Nominierungen als „Bartender’s Choice“ können ein Lied davon singen, wie wichtig dieses Kleinod für den Bartender ist. Dass das arme Feierabendbier bei der Vergabe der Mixology Bar Awards dann doch stets anderen Produkten unterlag, ist dagegen eine himmelschreiende Ungerechtigkeit. Zumindest der Autor kennt keinen Bartender, der nicht regelmäßig dem eiskalten Gerstensaft den Vorzug gibt gegenüber Gin & Tonic, Manhattan oder Whiskey Sour.
Doch warum bist Du – mein geliebtes Feierabendbier – eigentlich so unangefochten First Choice für den besten Moment des Tages? Zum einen muss es die Einfachheit sein: Bei aller Liebe zu präzise zubereiteten Drinks will sich nach einer anstrengenden Schicht keiner mehr lange vor dem Backboard der Bar stehend überlegen, zu welchem Gin er denn nun greift. Und mit einer einzigen Bewegung ist die Flasche offen. Ganz wichtig: Flasche! Wer will noch auf den Zapfhahn warten? Und wenn sich nach dem zischendknackenden Öffnen der Dampf aus dem Flaschenhals schlängelt, der Druck entweicht, dann verflüchtigt er sich auch aus des Bartenders Geist: Ruhe, Frieden, die Seele baumeln lassen! Vor allem ist es jedoch der Geschmack.
Ganz egal ob „Craft“ oder Mainstream aus der Großbrauerei, ob aus brauner oder grüner Flasche. Es ist die Mischung aus Aufbruch und Ankommen, die ein gutes Bier verbreitet mit seiner Mélange aus warmen Aromen, aus malzener Geschmeidigkeit mit anregender Bitterkeit, Süße und Spritzigkeit. Das Feierabendbier kann auf alles einstimmen – sei es nur noch auf den Heimweg oder aber eine sich anschließende lange Nacht. Es ist ein Allrounder. Es kann, was sonst kein anderer Drink kann. Das liegt auch am Zeitpunkt des Genusses – am frühen Abend oder nach dem Essen schmecken andere Dinge vielleicht besser. Die Gewohnheit tut ihr Übriges, keine Frage. Aber es ist zu Recht ein Liebling. Mein Liebling. Sicher nicht nur meiner. Prost!
Bildquelle: Beer via Shutterstock

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