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Wie ich zum deutschen Verleger von David Wondrich wurde

Wie ich zum deutschen Verleger von David Wondrich wurde

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artin Stein hat sich die Rechte für die deutsche Ausgabe von David Wondrichs Meisterwerk „Imbibe!“ gesichert. Nun steht er am Anfang einer langen Reise, wie er an dieser Stelle erklärt.

Eine Reise von 1.000 Meilen beginnt mit der Negierung des Winterspecks und einem Kommafehler bei der Umrechnung der Meilen.

Ich bin der werdende Verleger der deutschen Ausgabe von David Wondrichs „Imbibe!“, des maßgeblichen Werks zur Geschichte des Cocktails im Allgemeinen und des legendären Jerry Thomas im Besonderen.

Horridoh! Darauf kann man verweisen, wenn man in München beim Stefan Gabányi gerne eine Extraschale Erdnussflips hätte. Schon toll. Aber – wie konnte das passieren? Man könnte sagen, ich kam dazu wie die Jungfrau zum Kind, aber diese spezielle Schwangerschaft passierte schon eher nach Eintreten der Menopause.

»Ich bin Verleger, und das ist ein großes Wort mit prachtvollen Assoziationen, dessen betriebswirtschaftliche Entsprechung aber auch auf erstaunlich wenigen Quadratmetern Platz finden kann.«

Schnöde Gewinnerzielungsabsicht

Ich bin Verleger, und das ist ein großes Wort mit prachtvollen Assoziationen, dessen betriebswirtschaftliche Entsprechung aber auch auf erstaunlich wenigen Quadratmetern Platz finden kann. So wie bei mir. Nachdem mir das Finanzamt aber vor ein paar Jahren diese platzsparende Betriebswirtschaftlichkeit vorgeworfen hatte (wundervolles deutsches Kompositum: „Gewinnerzielungsabsicht“), wurde es um meinen Verlag eine Weile recht ruhig. Komatös ruhig. Totenstill sozusagen.

Dann kam ich vor ein paar Jahren an eine eigene Bar, und zusammen mit der Vokabel „Gewinn“ verloren auch die Begriffe „Wochenende“ und „Freizeit“ zunehmend an Bedeutung. Schönes Gewölbe, romanisch vermutlich, die Elektrik leider ebenfalls. Wie meinte mal ein Kollege, ein Motivationskünstler ersten Ranges: „Nur Verrückte machen den Job ab dreißig, und nur Spinner kaufen Bars ab vierzig.“ Herzlichen Dank auch.

Als Spätberufener hatte ich allerdings so einiges aufzuholen, und als Büchermensch war der natürliche Weg für mich, Wissensdefizite lesend auszumerzen; außerdem verhinderte ein Motorradunfall lange die praktische Tätigkeit. Also besorgte ich mir Bücher. Jerry Thomas war zwar der Ansicht, dass kein Mensch den Beruf aus Büchern erlernen konnte, aber was wusste der schon. Zu seinen Anfängen gab’s ja keine.

„Imbibe!“ von Wondrich ist in den USA Pflichtlektüre

Neben meiner Leidenschaft für alte Schwarten, die ich auch innerhalb der MIXOLOGY-Gefilde ausleben darf, gab es natürlich eine ganze Reihe von zeitgenössischen Werken, die ich durchackerte, und wenige nahmen mich so mit wie „Imbibe!“ von David Wondrich. Einerseits ist Wondrich gründlich, andererseits enorm unterhaltsam, und er schildert die Evolution eines Gewerbes, dessen Geschichte manchmal zu sehr im Nebel der frisch angeschafften Smoking Gun verschwindet. Angeblich setzen die Top-Bars der Vereinigten Staaten die Lektüre dieses Buchs bei Neubewerbern voraus. Nachvollziehbar. Und auch für den Barchef schön, nicht immer wieder bei Adam und Eva anfangen zu müssen. Wondrich erledigt das hervorragend. Und Eva reichte Adam den Applejack …

Eine deutsche Ausgabe des Buchs gab es allerdings nicht, und mit der Zuversicht eines Abends, der etliche Kombinationsversuche fassstarken Laphroaigs mit grüner Chartreuse beinhaltete, dachte ich mir, dann mach das halt ich. Kannjanichsoschwersein. In der sicheren Gewissheit einer Ablehnung kontaktierte ich kurz darauf die Agentur von Penguin Random House, der größten Verlagsgruppe der Welt, und zeigte den Beutel mit Glasperlen vor, den ich zu bieten hatte. Der zweite Außenverteidiger der Reserve der alten Herren Burgweinting Ost fragt mal nach, ob er ein bisschen bei Barça mitkicken darf. So in etwa.

»Horridoh! Darauf kann man verweisen, wenn man in München beim Stefan Gabányi gerne eine Extraschale Erdnussflips hätte. Schon toll. Aber – wie konnte das passieren?«

Deutsche Ausgabe braucht praktisches Hintergrundwissen

Vormachen brauchte ich denen nichts; meine verlegerischen Laktatwerte waren nicht zu leugnen. Das Buch lag auch mehreren anderen Verlagen zur Prüfung vor, also sagte ich der Agentur, wenn ihr jemand anderen für das Projekt findet, herzlichen Glückwunsch, der ist fast zwangsläufig besser aufgestellt als ich. Falls aber nicht, dann gibt es den ein oder anderen guten Grund, mir das Buch zu geben. Letztlich ist es ein Fachbuch, und auch große Verlage mit einem professionellen Mitarbeiterstab verfügen nicht zwangsläufig über das Hintergrundwissen, das man speziell hier braucht, schon alleine, was die Fachbegriffe angeht. Meine Verbindung aus Bar- und Buchmensch wäre schon nicht so verkehrt; ich kenne außerdem meine Zielgruppe und weiß, wie sie anzusprechen ist. So weit, so gut.

Und dann passierte, womit niemand rechnen konnte: Ich bekam denn Zuschlag. Ich war völlig verblüfft. Als traute man sich endlich mal, auf der Party die Ballkönigin anzusprechen – und dann sagt die ja. Einfach so. Was in der Regel der Moment der Erkenntnis ist, dass der Plan soweit gar nicht ging. Aber wenn man tatsächlich mal die Möglichkeit hat, so eine Granate abzuschleppen, da sollte man letztlich auch alles dafür tun, um beim Sex nicht abzustinken.

Wertigkeit der deutschen Ausgabe auch äußerlich ausdrücken

Und daran wird jetzt gearbeitet. Zum einen wurde schon bald klar, dass diese Ballköniginnen kapriziöse Geschöpfe sind, high maintenance, wie man in den USA so schön sagt. Das geht schon beim schieren Umfang los: Das Trumm hat halt flockige 380 Seiten. Diese Amis haben einfach zu viel Platz; weites Land, fette Autos, dicke Bücher, und wenn man bedenkt, dass bei einer Übersetzung Englisch-Deutsch aufgrund der Eigentümlichkeiten unserer schönen Sprache der Umfang nochmal im Schnitt um 20% ansteigen wird, dann ist klar, dass ich da einen ziemlichen Ziegel auf den Markt bringen werde.

Der trotzdem schön werden muss.

Es gehört zur Ästhetik der Bar, dass man die Wertigkeit des Inhalts auch äußerlich ausdrückt, und ebensowenig, wie man einen Martini in einem Plastikbecher rausgeben würde, druckt man so ein Buch auf holziges Papier mit einem Flexcover. Typographie ist wichtig. Wertigkeit ist die Devise. Schumanns Barbuch schaut auch in Lokalen gut aus, die unverdrossen seit der Währungsreform den Caipi als Cocktail des Monats anbieten.

Wertigkeit aber kostet Geld, und so ein Projekt will anständig durchkalkuliert sein. Ich gehe das Problem proaktiv an und schreibe mir eine To-Do-Liste. Erster Punkt darauf: anständig durchkalkulieren, damit das mal klar ist. Zur zeitnahen Erledigung. Vorher mache ich mir aber erst mal ein Wurstbrot.

»Imbibe. Gut. Was mach ich den mit dem Titel? „Prösterchen“? „Hau rein“? „Nich lang schnacken …“?«

Selber ran an den Wondrich. Hilft ja nix.

Und schon kommt mir das nächste Problem in die Quere: Wer soll denn sowas übersetzen? Wer weiß, was ein Jigger und ein Dash ist, kennt den Unterschied zwischen Rum und Rhum und erkennt, wann eine amerikanische Bar gemeint ist und wann eine American Bar? Wer vermeidet es, „Sinn zu machen“, „etwas zu erinnern“ oder „am Ende des Tages“ Bilanz zu ziehen? Und das für, ach ja, einsfünfundneunzig pro übersetzter Seite, einer Ehrenmitgliedschaft bei den Hülsenfruchtfreunden Grafentraubach sowie einem wenig benutzten Freischwimmerabzeichen? Wie? Keiner? Echt nicht? Letzter Aufruf?

Na gut. Muss ich halt selber ran. Hilft ja nix. Na denn mal los. Imbibe. Gut. Was mach ich den mit dem Titel? „Prösterchen“? „Hau rein“? „Nich lang schnacken …“? Ok, das kommt auch auf die To-Do-Liste. Eine Liste mit nur einem Punkt ist ja eh keine richtige Liste. „Seit November 2007, als die Erstauflage dieses Buchs …“ Einführung. Vorwort. Noch ein Vorwort. Herrgottsakrament, diese Amis. Eine Reise von 1.000 Meilen …

Credits

Foto: Editienne

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