Ist der Bartender nur eine Flasche?

Debatte 11.11.2012 15 comments

Es nervt. Daher hier ein kleiner Zwischenruf. Was ist die Nacht, die Bar, was wollen die Menschen, die sich nachts in eine Bar begeben? Sie wollen eine Erzählung. Sie wollen die Welt neu gebären, die am Tage in öden Meetings und Emailkaskaden versinkt. Sie wollen sich vielleicht auch mit einem inspirierten Bartender oder einer umwerfend schlauen Bartenderin unterhalten, sie wollen vielleicht auch von Sex mit diesen Dompteuren der Dunkelheit träumen.

Dazu gehört natürlich, dass die Menschen hinter der Bar sichtbar sind. Komplex, interessiert, mit Text und Thema gewappnet. Viele sind das auch. Versprühen Esprit, Würde, Humor und Geist – nicht nur den in der Flasche.

So weit so gut. Auch Bartender nehmen davon natürlich einiges mit. Sie erleben die wildesten Geschichten, lernen die verrücktesten Normalen kennen, führen die klügsten komprimierten Gespräche, können die schönsten Erlebnisse zeichnen. Könnten sie. Tun es aber nie.

Wenn ich mir die Facebook-Aktivitäten der meisten Freunde hinter der Bar ansehe, ist davon nichts zu finden. Nichts, außer Pullen-Postings. Wo ist Euer Erfahrungsschatz, Euer Lebensreichtum, die Nachterotik? Öde Rum-, noch mal Rum-, ich bin in meiner Bar-, ich trinke gerade ein Bier-, ich habe gerade einen neuen Drink XYZ (schaut mal, wie toll der aussieht) erfunden-Mitteilungen.

Ich habe Freunde, die in den verschiedensten Berufen arbeiten, mir aber, Facebook mal ernst genommen, und da wir uns nicht immer sehen können, über ihr Leben etwas mitteilen. Was haben sie Spannendes gelesen, welchen Film haben sie gesehen, was haben sie gedacht, wo haben sie Außergewöhnliches erlebt. Ein Freund forscht mit Würmern, ich würde ihm die Fresse polieren, wenn er täglich Würmer-Postings kommunizieren würde.

Nichts davon in den meisten Postings von Bartendern. Nichts außer Flaschen, ohne Hintergründe, ohne den Geist, der sich damit assoziieren ließe. Kein Reichtum des Erfahrenen, des gefeierten Lebens. Wüste ohne Oase.

Wir haben Lust darauf, etwas von Euch zu erfahren und sehen da mehr Nachtschätze, Lebenshunger, Gedankenmillionen als Würmlingspullenpostings. Noch nicht einmal, wenn es Mezcal wäre. Es nervt. Der Bartender ist alles andere, als nur eine Flasche.

15 comments

  1. Joerg Meyer

    Danke Markus!

    Jörg

  2. drinkmix

    Netter Versuch von der „Online-Bar-Community“ per Provokation mehr zu erfahren…. ToiToiToi

    Gruß,

    Jörg

  3. Goncalo

    Herrlich.
    Habe weder auf Facebook noch im Print einen Drink bekommen. Jemals.
    Weder gut noch schlecht. Schlicht. Virtuell. Inexistent.
    G.

  4. Simon

    Ich teile das gleich mal auf Facebook 🙂

  5. marc stein

    rezepte sind meine rente… daher werden sie von mir nicht gepostet;)
    und was tolle geschichten, sex drugs and rock…. betrifft: GEHT DICH NICHTS AN!!! ein bartender hat schweigepflicht… wer anfängt zu quatschen ist schnell raus und unbeliebt!!!

  6. Selman Evren

    Also ich schließe mich Marc an, nur mache ich aus meinen Rezepten kein direktes Geheimnis. Vor fast einem halben Jahr kam ich mit Freunden auf die idee eine Facebookseite zu gestalten, die meine/andere Arbeit/-en als Bartender anschaubarer macht, zeigt, mitwirken lässt und ich muss sagen, es kommt gut an und die Provokation von Markus hat daher was wahres.

    Selman

  7. Andreas Paasch

    … ich dachte immer, dass Bartender der allgemeinen Schweigepflicht unterliegen ^^

  8. Andi

    netter bericht, nur ich werde sicher nicht meine erlebnisse die ich hinter der bar erlebe, breitreden! Hab zwar keinen „eid“ geleistet! aber man muss ja nicht alles ausplaudernn! Zum theme Rezepte Posten: Ich finde es nicht schlecht, man kann sich einfach besser ausstauschen, und zum teil ist es ja auch eine art werbung! aber es ist ja jedem selber überlassen!

    cheers!

    ps: nicht alle bartender sind flaschen 🙂

  9. nils wrage

    Ich glaube, was Markus ausdrücken möchte, ist keinesfalls der Drang nach irgendwelchen fremd-privaten novellistischen Geschichtchen vom anderen Ende der Bar. Mir scheint, es geht hier vielmehr um die etwas arge Monomanie, mit der einige Kollegen ihrem Beruf mitunter tatsächlich begegnen, was wiederum den Eindruck erweckt, wir könnten nichts anderem unsere Aufmerksamkeit widmen als dem Inhalt unserer Drinks. Dass ein Barmann Facetten aus seinem Leben preisgibt heißt nicht zwangsläufig, dass er damit Dritte und damit gar sich selbst kompromittieren müsste. Jedenfalls redet ein Chirurg mit seinen Freunden ja auch nicht ausschließlich über die letzte OP, und das sogar, obwohl ihm seine Arbeit vielleicht genauso viel Freude bereitet wie uns die Bar. Ich kann das durchaus nachvollziehen. Guter Text!

  10. andreas

    Die Frage ist nur: was haben meine persönlichen Gespräche und Erlebnisse die ich am Abend mit meinen Gästen habe in der Öffentlichkeit verloren. Da erscheint es mir mehr Sinn zu machen den Drink den ich für diesen einen Moment gemixt habe zu posten. Der Drink ist nur das Vehicle bzw der Grund der Zusammenkunft zweier Menschen. Was Abseits des Getränks passiert ist und bleibt ein meist schöner Moment für mich und hoffentlich auch für meinen Gegenüber. Nicht mehr und nicht weniger!

    Durch das Rezept an sich habe ich dann zumindest immer ein Gesicht vor Augen und kann mich zurück erinnern. Die Drinks sind nunmal das Kerngeschäft. Darum geht es. Alles was darum passiert ist das Bonbon.

  11. Katja Ihling

    Der Barkeeper agiert als Psychologe,als Unterhalter,als Showelement .
    Es kommt immer auf den jeweiligen Abend an.manche Menschen gehen in eine Bar um sich einfach zu entspannen,da möchte keiner nervige Fachsimpelei hören.
    Wir sind homosapiens in weissen Jacken hinter der Theke..
    immer da.
    Verschwiegenheit gehört dazu.

  12. Redaktion

    Da die Kommentare hier leicht ins Leere zu laufen scheinen, scheint ein kleiner Hinweis angebracht.

    Nirgendwo, ich wiederhole – nirgendwo! – im Text oben ist die Rede davon, dass der Bartender Geheimnisse seiner Gäste ausplaudern soll.

    Ein Beispiel für eine schöne Geschichte wiederum ist bei Herr Meyer nachzulesen:

    http://www.jrgmyr.com/2012/11/hamburger-bar-geschichten-17-jahre.html

    Änliche Geschichten lassen sich selbstverständlich auch erzählen, ohne Namen zu nennen.

    Mit freundlichem Montagsgruß,

    Helmut Adam

  13. Redaktion

    Da es bei dieser Debatte offensichtlich große Miss- und Unverständnisse gibt, werden wir das Thema in unserer Printausgabe 1/2013 ausführlich behandeln.

    Was zeichnet einen charismatischen Bartender als Persönlichkeit aus? Wie bewegt er sich im öffentlichen und sozialen Raum? Immer nur im eigenen
    Sud köcheln? Der Blick über den Glasrand.
    Was unterscheidet einen guten von einem „großen“ Bartender? Spannende Fragen.

    Vielen Dank für die zahlreichen Beiträge. Wir sammeln das und werden es als Fundament für eine hoffentlich wegweisende Diskussion nutzen.

    MO

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