Der Besserwisser. Eine Analyse.

Debatte 13.10.2013 2 comments

Der Gast hat immer Recht. Hat er das? MIXOLOGY-Autor Nils Wrage legt den Finger in die Wunde und skizziert einen Typus Gast, dem jeder Barmann schon mindestens ein Mal begegnet ist.

Bereits Ende letzten Jahres warf Marco Beier an dieser Stelle einen Blick über den mixologischen Tellerrand hin zu einem sensiblen Thema, das hier gar nicht mal so oft auftaucht: zum Gast. Ungeachtet aller mixologischen Fertigkeiten sollte der Gast bei jedem Bartender im Fokus stehen. Jeder noch so perfekte Drink schmeckt lausig, wenn der Bartender überheblich, dreckig, fahrig oder gar betrunken ist. Um es mit Charles Schumann zu sagen: der Bartender ist, je nach Gästetyp, entweder Gastgeber, Dompteur oder Psychologe. Auf alle Fälle aber ist der Gast das Zentrum, das eigentliche Gestirn, um den sich unser Kosmos dreht.

In besagtem Artikel ging es um die typische personelle Zusammensetzung, die sich dem soziologisch interessierten Barmann häufig in Form „inoffizieller“ gastronomischer Nachwehen offizieller Weihnachtsfeiern offenbart. Heute hingegen soll uns ein anderer Typus „Gast“ beschäftigen, den zu verwünschen sich wahrscheinlich schon jeder Bartender hat hinreißen lassen.

Er ist, wenn man sich zu diesem provokanten Vergleich hinreißen lassen möchte, quasi das Laien-und-Anti-Pendant zum 23jährigen, schnurrbärtigen, Uhrenkette, Fliege und Ärmelringe tragenden Bartender, der sich nur noch „Alchemist“, „Drinksmith“ oder „Witchdoctor“ nennt und den man üblicherweise in sogenannten Speakeasys antrifft. Dort hält er seinen Gästen ungefragt ein Referat über den hausgemachten Enzian-Thymian-Piment-Bitters, während er dabei wie der selige Karajan mit seinem überlangen japanischen Barlöffel aus Sterlingsilber wedelt oder Eisdiamanten schnitzt. Nun also die Gast-Ecke. Ring frei für den Besserwisser.

Der Besserwisser ist überall. Jeder Bartender kennt ihn, jeder hasst ihn, keiner kann ihn ändern und, siehe oben: im Umfeld rein männlich besetzter Weihnachtsfeiern tritt er in besonders hoher Frequenz auf.

Auch wenn der Besserwisser ein prinzipiell geschlechterübergreifendes Phänomen ist, soll er hier (und das liegt an der realen Häufung seines Aufkommens) als Mann skizziert werden. Und damit nicht genug. Vor allem findet er sich als Mann unter anderen Männern. Wenn die Tagungsgruppe nach zehn Stunden Konferenz, Abendessen und einer Flasche Wein plus zwei Digestif-Runden pro Kopf dann schließlich die Bar entert, dann, ja dann hat seine große Stunde geschlagen.

Die eine Hälfte der Gruppe ist lediglich aus reinem Anstand mitgekommen und will eigentlich nur noch ins Bett. Aber er trumpft auf, während alle anderen schon Bier oder Gin & Tonic bestellt haben. „Macht ihr hier denn auch ’nen guten Mai Tai?“ dröhnt er so laut übers Brett, dass ihn alle in der Bar Anwesenden deutlich hören können. Und in dem Moment hat sowieso jeder Bartender schon verloren.

Keine Chance für Sensorik

Dass der Mai Tai gut ist, sollte sich von selbst verstehen. Und das erste Dilemma an der Frage, ob der Drink gut sei, ist die Tatsache, dass man sie ohnehin nicht richtig beantworten kann. Weder Tiefstapeln noch prahlerisches Röhren bieten sich ernsthaft an. Denn bestellen wird er ihn sowieso, gefallen wird er ihm aber auf keinen Fall.

Dazu muss man eins bedenken: Dem Besserwisser ist es egal, wie der Mai Tai schmeckt. Er wird gar nicht erst versuchen, ihn sensorisch zu erfassen. Du könntest ihm einen Vortrag halten, in dem Du ihm alles gibst: Erzähl ihm von der Entstehung des Rezeptes, von den mindestens drei Bewerbern, die seine Schöpfung für sich reklamiert haben. Sag ihm, warum du dieses und jenes Glas mit einer ganz speziellen Sorte Eis füllst. Im Grunde genommen könntest Du sogar einen echten Wray & Nephew 17y hervorzaubern und ihm damit seinen Mai Tai machen. Du könntest Trader Vic himself sein. Aber schmecken wird er ihm trotzdem nicht.

Nachdem er unter großem Aufmerksamkeitsgeheische den ersten Schluck genommen hat und du fragst, ob der Drink in Ordnung ist, jovialt er ein plakativ-väterliches „Ist ganz okay“ über den Tresen, dicht gefolgt von der Frage, ob es den beim nächsten Mal „auch mit Alkohol“ gibt (obwohl Du, als erfahrener Kenner des Besserwissers , schon rein prophylaktisch die doppelte Rumration verabreicht hast).

Da ist sie also, deine Niederlage. Wie gesagt: Du konntest eh nur verlieren. Und während Dein kalter Zorn verpufft (außerdem hast Du fünfzig andere Gäste, die Deine Drinks zu schätzen wissen) und der Besserwisser seinen mittlerweile peinlich berührten Kollegen erzählt, wie denn nun aber wirklich ein richtiger Mai Tai zu schmecken habe, wird Dir klar: Er ist ein armes Schwein!

2 comments

  1. Jan-Peter Wulf

    Passend zur gewählten Illustration und dem in diesem herrlichen Beitrag skizzierten Typus eine gastronomische Weisheit: http://youtu.be/XREO573WIEw

  2. Daniel

    „Ich habe früher auch mal geschüttelt!!!!!“
    „ah ok – was willst du trinken..“
    „Mir ist nach was fruchtigem mit Vodka“

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