Spätschäden. Die Folgen des Bartendings.

Debatte 8.9.2013

Sie stehen spät auf und leben in der Nacht. Sie mixen die ganze Nacht Getränke, stehen und tanzen durch die Bar. Ein ruhmreicher und gleichermaßen anstrengender Beruf. Aber was nehmen die Helden der Nacht mit, wenn die Lichter der Bar ausgeschaltet werden und die Sonne aufgeht?

Der Bartender. Ein Phänomen. Es gibt kaum einen Berufsstand, der zugleich so sehr gefeiert und verpönt zugleich ist. Aber am Ende des Tages muss jeder Bartender für sich feststellen, dass auch er Grenzen hat. Viele auch junge Bartender kommen immer schneller an Ihre Grenzen. Oftmals sind hohe Belastung, Leistungsdruck und Drogen die Ursache. Wir sprechen von Grenzen, die nicht von moralischer Natur sind. Es sind die Grenzen, die ihnen ihr Körper und ihr Geist aufzeigen.

Über Körper und Geist

Elisabeth S., Physiotherapeutin in Berlin, behandelt viele Aktive und Ehemalige der Gastronomie. Sie berichtet von typischen Folgeerkrankungen wie Rückenschmerzen in Form von  Lumbago, Bandscheibenvorfälle, Skoliosen und natürlich Knieschmerzen.

Rückenschmerzen in Form einer Lumbago, oder im deutschen auch besser als Hexenschuss bekannt, werden durch abrupte Bewegungen wie das Drücken, Drehen oder Heben ausgelöst. Wir können es in diesem Falle auch nicht korrektes Shaken, Muddeln und Auffüllen nennen. Skoliosen wiederum sind Nebenerscheinungen von „falschen“ Bewegungen. Ein Bandscheibenvorfall oder eine Bandscheibenvorwölbung bewirkt, dass der herausdrängende und gallertartige Kern der Bandscheibe auf die Nerven, beispielsweise den Ischias-Nerv, drückt. Skoliosen sind Wirbelsäulenverkrümmungen und Verdrehungen der Wirbelsäule, die durch chronische Belastungen entstehen können.

Um Schäden im Rückenbereich vorzubeugen, ist richtiges Tragen und Heben, allerdings auch das richtige Liegen und Sitzen, essenziell. Zu tragende Lasten müssen auf beide Arme gleichermaßen verteilt werden und stets aus der Hocke gestemmt werden. Das Beugen beim Heben sollte nicht die Wirbelsäule belasten. „Sportler, wissen wenn sie sich falsch bewegen, Gastronomen denken immer, es bleibe bei der einen Kiste oder zweien. Keiner bedenkt die Folgeschäden des jahrelangen falschen Hebens!“ so die junge Physiotherapeutin. Frau Elisabeth S. möchte aus Integritätsgründen anonym bleiben.

Das geht unter die Haut

Hauterkrankungen wie atopische Ekzeme, Neurodermitis, sind teilweise genetisch bedingte Erkrankungen. Bei Neurodermitis ist die Aktivität des Delta-6-Desaturase-Enzyms gestört. Zusätzliche Reizung durch Zigarettenrauch, schnelle Wechsel von warmer und kalter Luft wie auch das Reizen durch überhöhten Kontakt mit Zitrus- und anderen Fruchtsäuren können das atopische Ekzem weiter ausprägen und die Genesung verhindern. Um Hautreizungen vor zu beugen sind Cremes und Lotionen aus dem pharmazeutischen Bereich zu empfehlen. Lebensmittelhandschuhe können beim bereiten der Mis en place angenehme Hilfsmittel sein.

Neurodermitis kann allerdings auch psychisch bedingt sein. Erhöhter Drogenkonsum, unausgewogene Ernährung und Stress sind ausschlaggebende Faktoren zum Auslösen atopischer Ekzeme. Der Faktor Stress ist in jeder Form der Gastronomie zu finden. Unter Druck schnell und effizient zu arbeiten, löst in vielen Berufsfeldern psychische Krankheiten aus.

Den Kopf frei und die Nase voll

Psychische Krankheiten wie Burnout sind bei Leistungsträgern in allen Branchen weit verbreitet. Den Zustand von emotionaler Erschöpfung und reduzierter Leistungsfähigkeit werden einige wieder erkennen. „Wiederholt frustrierende Erlebnisse und Desillusionierung treten über die Jahre immer wieder verstärkt auf! Und keiner von uns geht zum Arzt. Wir greifen zur Flasche oder zum Kokain und machen weiter. Burnout, das haben doch nur Manager! Aber das ist ein Irrglaube“, sagt uns Manuel S. langjähriger Bartender in der Bremer, Hamburger und Berliner Szene.

Er berichtet uns von selbstgeschürtem Leistungsdruck und dem „Ausweg“ in den Alkohol. „Der Alkohol ist so präsent, wer sollte damit besser umgehen können als wir. Feierabendgetränke, das Heben während der Arbeit und das Koksen auf der Personaltoilette. Du hast Schmerzen? Danach nicht mehr! Was am Ende der Schicht bleibt, ist dein vielleicht schlechtes Gewissen und ein gewisses Maß an Abhängigkeit!“ Alkoholismus ist entsprechend einer der vermutlich größten Spätschäden der Bartender.

Die Beschaffung und der Konsum von Alkohol ist die geringste Hürde, die zu nehmen ist. Da der Alkohol der Werkstoff aller Bartender ist, befinden sie sich direkt an der Quelle. Der fortschreitende Verlust von Kontrolle über das eigene Trinkverhalten führt zunehmend irgendwann zum zwanghaften Konsum. „Dein Beruf ist das Zubereiten von Drinks und nicht das Trinken! Wer das vergisst, ist leider schon auf dem besten Weg!“ Manuel S. schämt sich. Er wollte viel  erreichen und war der Meinung, Drogen in Form von Alkohol und Kokain konsumieren zu müssen, um Karriere zu machen. Ein Irrglaube. Ein Weg, sich vom Alkoholismus zu entfernen, ist der einer Therapie und der Ausweg aus der Bar. Damit hat  Manuel S. das, was er am meisten liebte, aufgeben müssen. Manuel S. möchte weit gehend anonym bleiben, da seine Reputation durch seine Spät- und Folgeschäden, die er aus dem Bartenderleben mitgenommen hat, gefährdet ist.

Der Beruf des Bartenders kann ein sehr aufregender, ruhmreicher und erfüllender sein. Umso erfolgreicher man als Bartender ist, umso größer ist der Druck und die Belastung. Man sollte stets ein Bewusstsein für seine eigenen Grenzen und Schwächen haben. Eine Zwangshandlung ist der Anfang vom Ende. Physische- und psychische Spätschäden sind die schwere Folge aus unachtsamen und unbedachten wie inkonsequenten Handlungen, die sich über Jahre hinweg kumuliert rächen. Helden der Nacht, bitte achtet auf euch! Denn auch wir kochen (oder mixen) nur mit Wasser!

 

Bildquelle: aboutpixel.de / Guten Morgen im Fitness-Studio © Rainer Sturm

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