Trinkgeld. Der Rahmen der Dreistigkeit.

Debatte 7.10.2012 4 comments

Es ist eine persönliche Gabe, eine Wertschätzung, der Applaus des Gastes. Die oftmals als üblich angegeben zehn Prozent hierzulande sind jedoch alles andere als selbstverständlich. Gerade internationale Gäste unterscheiden sich in ihrem Trinkgeldverhalten. Warum? Und sollte man seine Gäste auf ein Trinkgeld hinweisen?

Der Tip, „to insure promptitude“, zu Deutsch „für eine schnelle Bedienung“, geht bis ins 14. Jahrhundert zurück. Damals gab man, sofern man es sich leisten konnte, ein „Trinckgelt“ um seinen gesellschaftlichen Status zu repräsentieren. Statussymbol mag es für einige Gäste immer noch sein, wohl aber auch Wertschätzung dem Service gegenüber. Eine Gabe, auf die viele hinter dem Brett angewiesen sind. Lohn zahle Miete und Versicherung, Trinkgeld das Leben und die Extras. Umso ärgerlicher also, wenn gerade internationale Gäste mit hoher Zeche passend zahlen. Aber sollte man die (Nicht)tipper darauf aufmerksam machen, dass in Deutschland das Trinkgeld im Rechnungsbetrag „not included“ ist?

Eine Frage der Vernunft

Die Grenze zwischen unverschämter Dreistigkeit und eigenem Interesse, scheint dabei ein schmaler Grad zu sein. So sollte „die Würde des Gastes im Vordergrund stehen. Dementsprechend aber auch die Würde des Ladens und die der Arbeit der Kollegen“, wie es der Leipziger Bartender Matthias Straka beschreibt. Ist es nun also der beste Weg den Hinweis „Tip is not included“ unterschwellig dem Gast mitzuteilen?

In der dazu durchgeführten Facebook-Umfrage war für mehr als zwei Drittel die Antwort klar. Man solle den Hinweis auf die Rechnung drucken. Eine Meinung, die auch Cordula Langer, Bartenderin im Lebensstern, teilt. „Es ist nicht einfach unwissende Gäste darüber zu informieren, dass bei uns in Deutschland Trinkgeld nicht inklusive ist. Wenn man dreist genug ist, kann man die Gäste darauf hinweisen, dies empfinde ich allerdings als absolut unangebracht! Man könnte aber bei Kartenzahlungen den Kugelschreiber so platzieren, dass er den Gast mit der Spitze auf den Schriftzug ‚Tip is not included‘ hinweist.“

Damit wird ein wichtiger Teil der Trinkgeldgewohnheiten angeschnitten. Das Tipverhalten im eigenen Land. „Die Menschen tragen die Trinkgeldgewohnheiten ihrer Heimatländer mit sich. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass Amerikaner oft sehr viel Trinkgeld geben, da die Bartender in den USA einen Großteil ihres Verdienstes über ihr Trinkgeld beziehen, anstatt über den Stundenlohn. Asiaten geben meistens nichts, da es in vielen Teilen Asiens verpönt ist. Franzosen geben Trinkgeld, wenn sie erfreut feststellen, dass die Tresenkraft französisch sprechen kann.“, so kommentierte Kerstin Groß. Zudem schien der Tenor gleich, dass Südländer bescheidene Tipper sein, Russen und Araber oftmals großzügig. Gäste aus dem Vereinigten Königreich würden sich in kein Tipschema einordnen lassen.

All Inclusive

Der daher in Kommentaren erwähnte Pauschaltip für ausländische Gäste, über eine Taste an der Kasse realisiert, birgt allerdings einige Probleme. Fällt es dem Gast auf, dass Preise aus Karte und Rechnung nicht übereinstimmen, oder am Ende eine Service Charge aufgeführt wird, kann der König Kunde ungehalten werden. Ebenso müsste man es bei einheimischen Gästen prinzipiell dazu buchen. Vergisst man dies einmal beim gleichen Gast, kann sich eine Misere entwickeln. Zwickmühle?

Nein. Das Trinkgeld ist schließlich keine Zwangsabgabe, sondern eine freiwillige Geste, um den guten Service anzuerkennen. „Tip ist der Applaus zufriedener Gäste an das Bar- und Servicepersonal. Bei vollem Haus und wenig Zeit für die Gäste fällt der Tip meist mager aus. Haben wir die Zeit, unsere Gäste zu hoffieren, so ist die Herkunft der Kunden egal und der Tip immer gut“, so der in Wien arbeitende Dejan Trifunovic.

Wer dennoch auf das Trinkgeld als Lebensstrom des Bartending angewiesen ist, sollte dezent auf der Rechnung oder in den Fußnoten der Karte darauf aufmerksam machen. Ein direktes Ansprechen des Gastes auf den Tip ist nicht zu empfehlen. Zu dreist, zu manipulierend könnte es aufgenommen werden und beim geizigen Gastgeber wird die Rechnung gerade deswegen passend beglichen. Trinkgeld sonst Schnauze ist ohnehin in vielen gehobenen Bars undenkbar. Ebenso wie die Tatsache, dass sich jeder internationale Gast über die Trinkgeldgewohnheiten vor Reiseantritt informiert. Auch, wenn es wünschenswert wäre.

Denjenigen, die noch immer dem nicht gegebenen Tip der letzten Schicht nachtrauern, sei nun der Kommentar von Thomas Lorenz als Schlusswort ans Herz gelegt. „Ich denke, es ist ein Geschenk, wenn man in diesem Job ein Lächeln auf das Gesicht des Gastes zaubert und er sich wohlfühlt bei mir. Alles andere ergibt sich von selbst. Trinkgeld ist ein Bonus – man sollte nicht damit rechnen, dann wird man auch nicht enttäuscht.“

4 comments

  1. Jens

    Blöde Frage: wie ist denn da die Rechtslage? Soweit ich weiß wäre diese Taste an der Kasse für „Service Fee“ nicht rechtens.

    Jmd ne fundierte Meinung abseits von google/wiki?

    Danks!

  2. Dominik MJ • opinionated alchemist

    Ich denke dass nicht alles bei diesem Thema in den Artikel angesprochen wurde. Im Spezifischen: die „Service Charge“.

    Das Problem Tip ist nicht nur in Deutschland immer wieder ein Thema; und international sind es gerade die Deutschen, die oftmals sich knauserig zeigen.

    Aber was die Gäste meist besonders verunsichert, ist das Bediengeld. Warum sollten sie noch zusätzlich Tip geben, wenn eh schon 10% Bediengeld im Rechnungsbetrag dazuaddiert wurde?
    Leider behalten die meisten Betriebe diese zusätzliche Summe ganz oder zum grossen Teil ein.

    Es ist der falsche Weg, den Gast individuell darauf hinzuweisen, dass es angemessen ist Tip zu geben, jedoch sollten Berufsvertretungen und -Verbände [IHK, DBU usw.] versuchen die allgemeine Betrachtungsweise zu ändern – so dass es mehr Richtung USA geht.

    Die Gäste würden damit nicht nur ihren guten Service beloben, sondern auch damit sichergehen, dass genug Personal in den Service Berufen sich ausbilden lassen….

  3. Gavin James Dunn

    Grundsätzlich bin ich einer Meinung mit dem Artikel. Was ich über die letzten 8 Jahre feststellen konnte ist jedoch auch, dass viele einfach vergessen Tip zu geben, deshalb finde ich es bei internationalen Gruppen die mit Karte zahlen nicht unangebracht, natürlich charmant und höflich zu fragen, ob, wenn sie denn Trinkgeld geben möchten, dies Bar oder direkt auf die Karte geben wollen.

    Das man nicht mit Trinkgeld rechnen soll und nur ein Bonus ist, ist klar. Aber jeder erfahrene Gastronomiemitarbeiter, kann ja die Qualität seines Service einschätzen und dann ist es schade, wenn es keinen Tip gibt.

    Anhang: Wir haben über ein Jahr jeden Monat unseren Tip gezählt und Resultat war, dass man im Durchschnitt immer mit dem gleichen Tip monatlich rauskommt, es gibt immer starke und schwache Tage =)

  4. Bar le Wien

    Service Charge kannst du nicht direkt mit dem TIP gleichstellen. Diese beinhaltet in der Gastronomie eignetlich einen meist anderen „Deckungsbetrag“ wie Cover, Tischwäsche, Gedeck, Amüse, Aufstrich und all den Krempel. Diesen automatisch als Tip zu betrachten, wäre falsch, da dieser auch meist pro Person berechnet wird.

    Bzgl. Tip ist mir mittlerweile aufgefallen, das man wohl aus der Gastronomie selbst kommen muss, um den Wirt/Kellner/Barkeeper zu verstehen.

    Beispiel: Mein Stammlokal, Speisen und Getränke zu top Preisen (Günstig!) und alles perfekt, Ambiente, Service usw. Da zahl ich für Hauptgang, Dessert und Getränk 12 euro. Das ist so günstig, klar geb ich da gern mal auf 15-16 euro raus, warum auch nicht? Anderswo würde ich deutlich mehr zahlen. Da war ich regelrecht beschämt, als an meinem Tisch 2 junge Herren eine Rechnung von 26,40 euro hatten, meinten, sie teilen durch Zwei und jeder 14 euro gab.

    Wenn ich für einen Cocktail 10euro zahle, dann schaue ich evtl. eher auf die Summe, als wenn ich für einen Cocktail nur 2euro hinlegen muss und am Ende für 10 Cocktails gerade mal 20euro zahle, klar leg ich da gern einen 5er drauf. Why not?

    Das erwähnte „Gruppen zahlen mit Kreditkarte“ etc. ist ein leidiges Thema. Vor allem in der Hotellerie ist dies deutlich komplexer, weil viele Gäste den „Geldwechsel“ einfach umgehen indem sie aufs Zimmer schreiben. Bitte-Danke-Wiedersehen bis Morgen. Viele kennen die „Anstandsregeln“ nicht, andere Fragen, die nächsten packen mal 1-2 euro rein. (bei 40-50euro wohlbemerkt)

    Beschämend finde ich persönlich wenn auf höhere Rechnungen dann „Cent-Beträge“ getippt werden (Kreditkarten-Rechnungen), 88,80 €, Tip: 1,20 €. Da denkt man kurz gern mal über das „die geb ich mir jetzt nicht, behalt dein Geld…“ aber was soll man tun?!

    Andere Länder, andere Sitten. Oft fragen Amerikaner oder Britische Gäste „Is Tip included…?“ „how much tip is standard here“ oder ähnliches. Ein Schulterzucken, nein nicht direkt, und es ihre Entscheidung, ob und wieviel sie geben möchten. Danke. Aufzwingen sollte man niemanden etwas.

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