Was mit Medien (Teil 3)

Was mit Medien (Teil 3)

Blog 2.10.2011 7 comments

Der dritte Teil von „Was mit Medien“ widmet sich dem Ego-Effekt, der grassierenden Anti-Kommerz-Behauptung von hochgradig gesponserten Bartendern und dem, was sie tatsächlich von einem Medium erwarten.

Das Wort „Kommerz“ entstammt dem lateinischen „commercium“ und wurde, wie uns Wikipedia mitteilt, lange Zeit als Synonym für Handel benutzt. Güter tauschen gegen Geld und Gewinn erzielen. Die Maxime eines jeden Geschäftes. Grundsätzlich nichts Schlechtes sollte man meinen. Doch wie Wikipedia weiter erklärt wird der Ausdruck heute „meist abwertend im Sinne eines allein auf Gewinnerzielung gerichteten Interesses verwendet“.

Seien wir ehrlich, auch ich habe das Wort schon oft benutzt und Dingen eine „zu kommerzielle“ Ausrichtung unterstellt. Schwierig wird es nur, wenn man anfängt, von der Kanzel herab zu predigen, ohne sich seiner eigenen Position gewahr zu werden. Ganz klar, was wir hier treiben mit MIXOLOGY und MIXOLOGY ONLINE hat das Ziel, uns und unsere Familien zu ernähren. So einfach und so verständlich. Wir sind keine Charity. Gleichzeitig bemühen wir uns allerdings, ein möglichst gutes Produkt herzustellen.

Die Natur unseres Geschäftes, unseres Produktes, bringt es mit sich, dass wir den Bekanntheitsgrad von Bars, Bartendern und Produkten in der Branche befördern und aufbauen können. Schon so manche Person hat aufgrund unserer Berichterstattung den einen oder anderen Auftrag bekommen. So manche Bar, die ein oder andere Veranstaltung einer Marke an Land ziehen können. Dies ist nicht Zweck unserer Berichterstattung. Zweck ist, den Lesern die interessantesten Geschichten aus der Branche zu erzählen. Wir wären aber naiv zu sagen, wir wären uns unserer Reichweite und der daraus resultierenden, möglichen Ergebnisse nicht bewusst.

Der allwissende Superstarbartender

Um so fassungsloser und gleichzeitig belustigt sind wir daher manchmal, wenn sich Bartender, die ganz eindeutig profitieren von diesem System der Aufmerksamkeit, gockelhaft hinstellen und uns und unsere Produkte verurteilen. Einer unserer Mitarbeiter hatte kürzlich wieder das Vergnügen, einem dieser Superstarbartender zu begegnen, die die Weisheit mit Löffeln gefressen zu haben scheinen. Mixology sei zu 90% eine Kopie anderer Medien, dozierte der uns wohlbekannte Herr. Und außerdem sei alles, was wir machten, mittlerweile völlig durchkommerzialisiert.

Generell sollte man so etwas ja gleich als Kompliment auffassen. Wir sind ein wirtschaftlich erfolgreiches Unternehmen, dem man Respekt ausdrückt. Vielleicht nicht auf die netteste Art, zugegeben. Natürlich ist das Gegenteil der Fall. Der junge Mann wollte uns einfach mal so richtig schön eine Breitseite mitgeben.

Es scheint mittlerweile en vogue zu sein in einer bestimmten Schicht von Bartendern, sich hinauszustellen und in zwei, drei Sätzen die Branche zu analysieren und abzuurteilen. Man hat ein englischsprachiges Medium abonniert, liest zwei, drei englischsprachige Blogs. Zwischen den Beinen befindet sich ein mächtiges Gehänge und an der eigenen Weisheit kommt so schnell keiner vorbei. Wir kennen uns aus!

Der Charity-Tagessatz

Skurril wird es nur dann, wenn die betreffende Person erst vor kurzem in unserem Medium abgebildet wurde. Im aktuellen Fall ist das interessante, dass der betreffender Bartender vor ein paar Monaten an einem Mixology Taste Forum teilnahm. Und das nicht zum ersten Mal. Er war immer wieder als Experte zitiert und genau so häufig abgebildet. Sein Kontakt war sogar in der Vergangenheit mehrfach an Firmen für Einladungen weitergereicht worden oder an Publikums-Medien, die immer wieder unsere Expertise in Anspruch nehmen für eigene Geschichten. Konsequenterweise hätte der genannte Bartender sich eigentlich weigern müssen, von dem von ihm geschmähten Geldmacher-Umfeld „vereinnahmt“ zu werden.

Bei dieser Haltung, die tatsächlich gehäuft auftritt in letzter Zeit, kommt man nicht umhin, dem Herrn eine gewisse Schizophrenie zu unterstellen, die sich noch verstärkt, wenn man erfährt, was für Tagessätze er mittlerweile aufruft, wenn Firmen anfragen, ob er ihren Messestand auf einer großen Branchenveranstaltung mitbespielen könne. Da wird ohne mit der Wimper zu zucken für einen Tag gefordert, was ein gestandener Autor in der Print-Branche sich in einer Woche erschreiben muss.

Selbstverständlich spiegelt so eine Forderung ausschließlich den Marktwert des entsprechenden Bartenders wieder. Sie ist auf keinen Fall „kommerziell“, denn er bürgt ja allein mit seinem Namen und Einfluss für den Erfolg des Messeauftritts. Interessanterweise habe ich die betreffende Person dieses Jahr auf mindestens fünf Firmen-Events gesehen, auf die er sich einladen ließ. Unterkunft, Flüge und nette Restaurant-Einladungen – alles inklusive. Gezahlt von den Marken, die einflussreiche Szenegrößen von ihrer Botschaft überzeugen wollen.

Aber hier handelt es sich natürlich nicht um eine „kommerzielle Einstellung“ der betreffenden Person. Er ist komplett unabhängig, würde sich niemals beeinflussen lassen durch Zuwendungen irgendeiner Art. Niemals!

Die beste Spezies ist aber diejenige, die sich unserem Medium zu der Zeit, als sie dabei war, sich einen Namen in der Branche zu machen, geradezu aufdrängte. „Schreib doch mal über mich!“ ist die oft gehörte Aufforderung des Branchen-Neulings. „Was sollen wir denn schreiben?“ ist dann die Gegenfrage. Daraufhin herrscht meistens Schweigen.

Nichts hört der Mensch lieber als seinen eigenen Namen

Ein Ego allein reicht leider nicht für eine Story. Es gibt leider Beispiele in der Branche, wo das Abbilden von Bars und Bartendern in Medien rein der Beziehungspflege gilt. In regelmäßigen Abständen wird die gleiche, abgekaute Geschichte wieder ins Blatt gehievt. Die verwelkten Lorbeeren von gestern als zukunftsweisend gepriesen. Diese Art von Katalog-Journalismus, die dem kommerziellen Selbstverständnis der Medienmacher geschuldet ist, ist schlicht abstoßend.

Aus diesem Grund gibt es bei uns nicht in jeder Ausgabe das Porträt „Stars in Bars“, aus diesem Grund überlegen wir uns sorgfältig, wer bei welcher Geschichte tatsächlich die geeignete Kompetenz besitzt und zitiert werden sollte, wenn ein Autoren-Briefing zu einem Thema angefertigt wird.

Nichts hört der Mensch lieber als seinen eigenen Namen. Und damit kann man trefflich spielen, so man will. Wenn ein Barmann via Facebook der Welt „öffentlich“ mitteilt, dass er die aktuelle Ausgabe von MIXOLOGY mal wieder grottenschlecht und überkommerziell fand, ist die Ursache dieser „Kritik“ in 90% der Fälle, dass er der Meinung ist, seinen Namen und sein Gesicht unberechtigterweise schon lange nicht mehr auf unseren Seiten gesehen zu haben.

Man kann daraus eine leichte Regel ableiten: Je öfter jemand sein Konterfei auf MIXOLOGY und MIXOLOGY ONLINE wiederfindet, desto geringer ist die Wahrscheinlichkeit, dass er unser Medium als ein kommerzielles Machwerk tituliert. Aber selbstverständlich gibt es, wie bei jeder Regel, auch Ausnahmen. Sollte mir der eingangs erwähnte Barmann auf dem nächsten Bar Convent Berlin über den weg laufen, werter Leser, soll ich mich bei ihm bedanken, dass er unsere kommerzielle Veranstaltung mit seiner Präsenz beehrt? Soweit ich informiert bin, wird er nämlich als Besucher kommen. Die Firmen hatten offensichtlich eine andere Einschätzung, was seinen Tagessatz und Marktwert anbetrifft.

Nachtrag: Im letzten Teil von „Was mit Medien“ hatte ich weit mehr versprochen, als ich hier abzuhandeln in der Lage war. Dafür bleibt noch jede Menge Material für weitere Artikel der Serie. Ist das Tor einmal geöffnet…hiermit sei versprochen, dass es weiter geht!

 

Im letzten Teil von “Was mit Medien” ging es um Journalismus in China und die Bigotterie der westlichen Medienwelt. Beschrieben wurde das Zusammenspiel zwischen Reisen zu Veranstaltungen und der daraus resultierenden Berichterstattung und dem Bloggen für einen Tagessatz: https://mixology.eu/?p=8947

7 comments

  1. drinkmix.de

    Hallo Helmut,

    danke, ich hoffe das „Was mit Medien“ eine Rubrik wird hier auf MIXOLOGY ONLINE.

    Gruß, Jörg

  2. Jean-Pierre Ebert

    Lieber Helmut,

    das ist ja wie bei einer Schnitzeljagd. Du animierst wundervoll den geneigten als auch ungeneigten Leser, sich intensiv mit dem (!) deutschen Bartender-Medium zu befassen. Wer ist die persona non grata? Selbstverständlich rhetorisch gemeint? Ein Hohelied auf die Neugier!

    Prosit,
    Jean-Pierre

    p.s. Jede Bar die Geld verdient ist per se eine gute Bar. Nicht anders verhält es sich mit Printmedien, hier um so mehr, da es sich hier um ein Nischenprodukt handelt und die Zeiten für Druckerzeugnisse schlecht sind.

  3. Jean-Pierre Ebert

    Sorry, dass gemeine Hausschwein muss natürlich nicht bejagt werden, um ans Schnitzel zu kommen. Da recht ein dickeres Bolzenschussgerät.

  4. Tom Jakschas

    Habe ich wirklich soooo dick aufgetragen?

  5. Helmut Adam

    Ach, warst Du das? Dann weiß ich ja jetzt endlich über wen ich geschrieben habe! 😉

    Im Ernst, da mich schon interessierte Mails mit der Bitte um Namensnennung erreichten. Es geht nicht um bestimmte Personen oder eine bestimmte Person in diesem Text. Das wäre zu einfach und würde vom eigentlichen Inhalt nur ablenken.

    Prosit! HA

  6. marc stein

    GOTT SEI DANK!!! ES GING NICHT UM MICH:)

    an sonsten sollte ich gewisse firmen mal anfragen wo denn mein geld bleibt!!!

    aber ehrlich gesagt, sollte jeder von uns seinen tagespreis nach bestem gewissen aushandeln, ansonsten fliegen wir zwar alle zu super dupi hotels und verkostungen, im grunde genommen wissen wir aber doch schon vorher das meiste über die jeweiligen produkte und würden nur nen kurzurlaub geschenkt bekommen. dieser ist aber trotzdem doch mit kosten verbunden, denn in meiner bar würde ich fehlen und müsste auch dafür ersatz schaffen.
    jetzt ist das bei mir vielleicht nicht so kostspielig ein oder zwei mal im jahr irgendwo eingeladen zu werden, barkeeper, die aber sehr im rampenlicht stehen, werden ständig eingeladen und somit müssen auch ständig dienstpläne geändert und folgekosten beglichen werden und zwei probefläschchen auf dem nachttisch im hotel reichen da eben nicht aus!
    ab wann die höhe des satzes dann ein schlechtes bild ergibt, ist für jede marke anders, würde ich mal behaupten.

    der vorwurf der allzu komerzialisierten mixology teile ich in gewisser weise… manchmal… nicht immer! wie herr adam sinngemäß irgedwann sagte: jede industrie strebt nach perfektion…. ich denke, dazu gibt es auch immer einen gegentrend: 5 sterne hotel-> hostel, 5 lagiges toillettenpappier-> schleif…:)

    vor kurzem hatte ich noch euren bericht aus dem letzten jahr über herrn parker gelesen… ich denke mal, dass der feine herr damals mit besten wissen und gewissen weine benoten wollte und daraus ein unzämbares monster geworden ist, welches eine art gleichschaltung in der weinherstellung zu folge hatte.

    ich hoffe nicht, dass mixology irgendwann einmal von sich behaupten will, das sprachrohr aller barkeeper und bars zu sein und ohne euch gar keine geschäfte mehr möglich sind?!
    manchmal glaube ich gewisse anzeichen dafür erkennen zu können.

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