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Den Beruf Bartender schaffen

Der Beruf des Bartenders wandelt sich ständig. Nicht nur neue Techniken, Produkte und Arbeitsweisen halten ständig Einzug in die Bars, auch die eigene Wahrnehmung und die Haltung gegenüber der Profession ändern sich.
„Und was machen sie sonst so?“ Bartender ist kein Beruf. Es ist eher eine Tätigkeit. Eine Tätigkeit auf Zeit. Eine Tätigkeit, mit der die Allermeisten nicht klarkommen und daher sollten sie sich dringend überlegen, ab der zweiten Lebenshälfte einer anderen Profession nachzugehen. So lautete zusammengefasst die zentrale These unseres Autors Christian Kopp vor einigen Wochen auf MIXOLOGY ONLINE. Ein paar Anmerkungen dazu.
Der Baruf
Bartender sein ist ein Beruf. Ist sogar mehr, es ist eine Berufung. Eine Willens- und Herzensentscheidung. Es ist ein Beruf, der wie kaum ein anderer den tieferen Sinn „Beruf“ erfüllt. Berufung, es ist Leidenschaft, Hingabe, Verfallenheit an eine exotische Tätigkeit – es ist sozusagen ein Baruf. Ein Ruf hinter die Bar zu gehen, fast wie von einer höheren Macht. Warum so romantisch?
In kaum einem anderen Berufszweig mischen sich Romantik und Drama so sehr, wie bei Bartendern. Es gibt brillante Karrieren und wüstes Scheitern, Genies und Gauner, Persönlichkeiten und Blender am Blender, ins Detail Versponnene und Spinner, Loser und Winner.
Der Hochspezialistenberuf
Am Wochenende war ich in Zürich und ein Freund erzählte mir, dass der Bartender Peter Roth von der Kronenhalle gerade sein 38-jähriges Dienstjubiläum gefeiert habe. Wow! Hier gäbe es noch viele andere Beispiele aus anderen Städten anzufügen. Der Beruf des Bartenders ähnelt nicht dem Ingenieur, Psychologen, Betriebswirtschaftler, Historiker, Künstler oder Anthropologen – er ist all das in einem. Aber auch nur wer diese Komplexität in sich vereinen kann, ist ein wirklicher Bartender. Fallen Elemente hiervon weg, bleibt es bei der Tätigkeit, beim Stückwerk.
So aufgefasst ist Bartender ein Hochspezialistenberuf, der seinem inneren Wesen – nicht der Qualifikation – nach dem Piloten, Arzt, Schriftsteller, Theologen, Politiker oder Schauspieler gleichkommt.
Leidenschaft und Disziplin
Nicht umsonst gibt es hier so viele Quereinsteiger. Menschen, die ihre Existenz aufgeben, ihr Studium abbrechen, nach dem Studium die akademische Karriere nicht aufnehmen oder einfach ins Fach hineingeboren werden. Und dennoch wird der Beruf des Bartenders immer noch antibürgerlich assoziiert, als etwas, das man irgendwann aufgibt, auf Zeit ausübt. Würde man auch einen Maurer, Ingenieur, Juristen oder Architekten fragen, wann er endlich etwas anderes macht, wann er aussteigt? Bartender richtig verstanden ist zwar ein sehr spezieller, aber sehr wohl gleichberechtigter Beruf  in Relation zu allen sogenannten „bürgerlichen“ Professionen. Er verlangt einem allerdings alles ab. Nicht nur die Leidenschaft und Hingabe, die Komplexität und den Willen. Am wichtigsten ist sicherlich die Disziplin. Alle Größen dieser Branche haben sich dadurch ausgezeichnet. Wer hierin seine Stärken hat, der wird Bartender bis ins Alter bleiben. Ich kenne Menschen, die noch mit 80 Jahren hinter der Bar gestanden haben. Persönlichkeiten, die die Schätze der Begegnung mit anderen Menschen in sich aufgesogen und diese Erfahrungen an ihre Gäste weitergegeben haben.
Abstand halten, den Beruf trinken
Disziplin, Komplexität, Leidenschaft, Fachwissen und handwerkliches Können – das sind die Voraussetzungen für einen guten, für einen sehr guten Bartender. Für jemanden, der in seinem Beruf angekommen ist und diesen mit Würde und Respekt nach Außen vertritt. Jemand der so agiert, wird sicherlich nicht oder nur selten gefragt, wann er denn endlich was „Richtiges“ macht.
Aber es fehlt noch etwas Wesentliches: Abstand. Der sehr gute Bartender wird zu einem großen Bartender durch eine entwickelte Persönlichkeit. Durch eine innere Komplexität aus der er bei allen seinen anderen Aufgaben schöpft. Durch die Erfahrungen auf Reisen, die Teilnahme am sozialen, kulturellen und politischen Leben. Wer hier in die innere Emigration geht und nichts als die Bar kennt, monothematisch seinen Beruf ausübt, der lebt ihn nicht, der trinkt ihn nicht. Ohne Abstand und die Hinwendung auch zu anderen Dingen bleibt es beim Spezialistentum ohne Charisma.
Charisma und das Ding an sich
Und Menschen, also Gäste, lieben Charisma. Warum bilden sich um Charles Schumann fotografierende Trauben, wenn er einmal bei einer Veranstaltung öffentlich auftritt, obwohl er ja angeblich nur Kartoffeln schält und Mädchen nachpfeift? Weil er eine Erzählung ist und etwas zu erzählen hat. An den perfekten Sazerac wird man sich irgendwann nur noch mit Mühe erinnern, an eine Persönlichkeit immer.
Ich gebe daher Christian Kopp Recht. Nein, das will ich aber nicht. Ja, es gibt Menschen die sich überlegen sollten, irgendwann die Bar zu verlassen und etwas anderes mit ihrem Leben anzufangen. Aber was kommt dann? Meist nur noch mediokre Tätigkeiten. Der Beruf Bartender ist ein einzigartiger. Es gibt viele Zigtausend auf allen Kontinenten, aber ich behaupte, es gibt nur ein paar Tausend gute und ein paar Hundert große Bartender. Eine Quote, die wohl ebenso einzigartig, wie der Beruf selbst sein dürfte. Beinahe schon elitär. Es ist eine faszinierende Aussicht zu diesem Kreis zu gehören. Mit der nötigen Einsicht in die Bedingungen die dort hinführen, bleibe ich dabei: Bartender ist kein Beruf, es ein Ding an sich, ein Ruf, – eine Barufung.

Credits

Foto: Tim Klöcker

Comments (4)

  • Kersten

    Größten Dank,
    Der Autor schreibt mir aus der Seele. Er fast in Worte, was viele meiner Mitmenschen nicht verstehen und was ich an vielen Kollegen kritisiere, ihnen aber nicht übel nehme, sich mit der Ganzheitlichkeit des Barruf zu beschäftigen. Denn dies kostet viel Zeit, Nerven und Anstrengungen. Bedeutet aber auch viel Spaß und Hingabe. Ich liebe meinen Barruf und möchte nach Möglichkeit nichts anderes mehr machen.
    Besteht die Möglichkeit, den Artikel auch in gedruckter Form von euch zu erhalten?
    Mit herrlichsten Dank
    Kersten

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  • Joerg Meyer

    Danke Marcus,
    Christians Text fand ich eindimensional, stellenweise übertrieben und gelegentlich realitätsfern – eurem Magazin fast ein wenig unwürdig.
    Dein Text ist erfrischend. Eine sympathische Sicht auf einen fantastischen Beruf. Bravo!
    Gruß
    Jörg

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  • Mike

    Ein Genuss zu lesen

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  • Redaktion

    Lieber Jörg,
    danke für Dein Lob. Aber Christians Text war der Nukleus, der Anstoß für meinen Text. Christian hat die Diskussion in der Redaktion angeschoben, dafür sind wir ihm und den anderen Mitarbeitern immer wieder dankbar.
    Diese Beiträge sind stets von einer gewissen Eindimensionalität geprägt, auch meiner, da sie dann in der Ausseinandersetzung, der Debatte, – im besten Falle – geweitet werden. Das ist so gewollt. Zuspitzung, die noch nicht vollendet ist, aber die richtigen Fragen stellt. Der Mann (Christian) hat wunderbare Ideen und schaut auf uns und wir müssen antworten. Christian und Jörg: Sprechen, Hinterfragen und weiter Denken, ein schönes Projekt. MO
    @Mike: Danke.
    @Kersten: Rock on.

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