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Der Collins & seine Anverwandten, Teil 7: Limmer‘s Hotel

Der Gin Punch aus dem Garrick Club muss als Vorgänger des Collins betrachtet werden. Er fand schnell Verbreitung, und auch im Limmer‘s Hotel wurde ein Gin Punch mit Soda angeboten – wahrscheinlich derselbe, der später als Collins bekannt wurde. Beschäftigen wir uns also in Teil 7 der Serie mit diesem Hotel und den dort angebotenen Getränken.

Das Limmer’s Hotel

Stephen Limmer eröffnete in London um 1783 sein eigenes Coffee House unter dem Namen „The Prince of Wales Coffee House and Limmer’s Hotel“, an der Ecke von Conduit Street und St. George Street gelegen. Bis in die 1860er Jahre blieb es ein angesagter Ort, wurde 1876 geschlossen und umgebaut. Es wird beschrieben als ein Ort, den die Liebhaber der Pferdewetten aufsuchten. Dort traf man Landjunker, man konnte dort nächtigen, und es gab ein sehr gutes, einfaches englisches Abendessen. Es war rund um die Uhr geöffnet. Darüber hinaus war es für seinen Gin Punch berühmt. Es wird zwar gesagt, es sei das schmutzigste Hotel in ganz London gewesen, doch daran muss man Zweifel hegen, denn ebenso wird es als ein elegantes, sehr aufwendig geführtes Etablissement genannt, als ein Hotel ersten Ranges. Dort hatten Mitglieder des Adels und Angehörige des Parlaments ihren Wohnsitz, und der Prince of Wales, der spätere König George IV., hatte dort eine eigene Unterkunft.

Im Limmer‘s Hotel feierte man auch Gin-Punch-Parties, und bereits 1814 war es – wenn man den Quellen Glauben schenken darf – für seinen Gin Punch berühmt. Dieser wird jedoch mit stillem Wasser zubereitet worden sein, denn erst Stephen Price brachte um 1835 im Garrick Club Sodawasser ins Spiel. Da der später als Collins bekannte Drink ebenfalls mit Sodawasser zubereitet wurde und nach dem Oberkellner des Limmer‘s Hotel benannt wurde, muss man davon ausgehen, dass der Collins im Limmer‘s Hotel entstand und man dort ab einem gewissen Zeitpunkt den Gin Punch, inspiriert durch den Garrick Club, mit Sodawasser zubereitete.

Vorne links: der Eingang des Limmer's Hotels – George Street, Hanover Square, um 1809. Laut den Recherchen des Autors ist dieser Fund ein Novum. Quelle: „The Repository of Arts, Literature, Commerce, Manufactures, Fashions, and Politics“

Sir Godfrey‘s Mixture, Prince of Wales‘s Mixture und Mr. Wombwell‘s Mixture

Genaueres ist jedoch nicht überliefert, und wir können nur mutmaßen. David Wondrich meint, es hätte dort verschiedene Punches gegeben, die alle einen anderen Namen besessen hätten, und führt als Beispiel „Sir Godfrey‘s Mixture“, „Mr. Wombwell‘s Mixture“ und „Prince of Wales‘s Mixture“ an, mit dem Hinweis, man wisse leider nicht so recht, was das gewesen sei.

Doch das Rätsel lässt sich zumindest teilweise lösen. Bei der im Limmer‘s Hotel angebotenen „Godfrey‘s Mixture“ handelt es sich wohl um ein patentiertes Medikament des 1721 verstorbenen Apothekers Thomas Godfrey. Dieser Sirup enthielt unter anderem Opium. Er war quasi allgegenwärtig und gehörte in manchen Gegenden zu den meistverkauften Medikamenten. Noch in den 1860er Jahren gaben Mütter es ihren Kindern um sie zu beruhigen, während sie selber arbeiten gingen.

Auch anderswo war es ein beliebtes Mittel. Beispielsweise wurden auch im Australien des Jahres 1850 Eltern dazu ermutigt, dass sie im Kinderzimmer immer ein Fläschchen von Godfrey‘s Cordial haben sollten. Auch in Deutschland wurde das Mittel gegen allerlei Gebrechen eingesetzt, und ein Flugblatt des Jahres 1796 empfiehlt es: als Mittel bei Schmerzen aller Art, bei Seitenstechen und Schnupfen, und für schwangere Frauen. Ganz vortrefflich ist es auch bei schwachen oder unruhigen Kindern, auch wenn sie Erbrechen oder Durchfall haben, oder wenn sie Zähne bekommenn. Auch hilft es gegen Blähungen. Man verabreicht es bereits Neugeborenen, aber auch „Männer oder Weiber mögen 2 Löffel voll beym Schlafengehen und, nach Gelegenheit der Umstände auch alle 2 Stunden nehmen.

Bei der Prince of Wales‘s Mixture scheint es sich um eine Teemischung zu handeln, wie Zeitungsanzeigen und andere Quellen vermuten lassen. Diese Mischung war also schon auf dem Markt, lange bevor Prince Edward im Jahr 1921 Twinings die Erlaubnis gab, seine persönliche Teemischung als „Prince of Wales“-Tee zu verkaufen.

Was sich hingegen hinter Mr. Wombwell‘s Mixture verbirgt, wurde noch nicht entdeckt. Bei Mr. Wombwell dürfte es sich aber um den 1777 geborenen George Wombwell handeln, der in London ein berühmter Tierschausteller war und eine wandernde Tierschau, „Wombwell‘s Travelling Menagerie“, betrieb.

Mr. Collins‘ Gin Punch

Wir kennen die Rezeptur des Gin Punch von John Collins nicht, können es aber vermuten. Vielleicht war sie so, wie heute ein Collins zubereitet wurde. Vielleicht gab es aber auch im Limmer‘s Hotel eine „Geheimzutat“.

Vielleicht wurde – aus den bereits dargelegten Gründen – ein Dry Gin verwendet, vielleicht aber auch ein Old Tom. In einer 1833 erschienenen Erzählung wird ein Gin Punch mit „Hodge‘s Best“, einem Old Tom Gin, zubereitet, „als hätten wir bei Limmers diniert“. Ein 1836 publizierter Artikel über ein Pferderennen in Ascot berichtet: „Der Tisch war mit den Resten einer Kaffeeausrüstung geschmückt, flankiert von hohen Flaschen, ominös etikettierter Brandy, Rum, Gin, Whiskey, Hollands, etc. Während eine große Flasche Capillaire die Erfahrung des würdigen Gastgebers in Bezug auf die Geheimnisse des ehrenwerten John Collins kennzeichnete. Am Ende des Tisches befand sich eine riesige Kanne mit eisgekühltem Punsch … “ Ob dieser Punch ein Gin Punch war, wird leider nicht gesagt. Doch offensichtlich verwendete John Collins bei der Punschzubereitung auch Capillaire. Für diesen gibt es grundsätzlich zwei Rezepturen. Die in England übliche soll ein mit Orangenblütenwasser aromatisierter Zuckersirup sein. Die französische Variante war stattdessen ein Sirup aus Frauenhaarfarn.

Vielleicht bereitete John Collins seinen Gin Punch mit Capillaire zu? War dies die Zutat, die aus einem gewöhnlichen, sprudelnden Gin Punch etwas besonderes machte, etwas, wofür das Limmer‘s Hotel berühmt wurde? Wir wissen es nicht. Wenn es jedoch so gewesen sein sollte, so war diese Zutat in späteren Zeiten, bei der Veröffentlichung der Rezeptur für einen Collins, wohl vergessen.

Was es alles zum Collins und dessen mutmaßlichen Erfinder zu berichten gibt, wird im nächsten Beitrag der Serie weiter beleuchtet.

Credits

Foto: Internet Archive

Comments (2)

  • Thilo Fuchs

    Wiedermal ein sehr schöner Beitrag, vielen Dank!
    Kannst Du mir bei dem „Hodge‘s Best“ Rezept weiterhelfen, ich find da nix. Wir machen einen Old Tom Gin und mögen alte Cocktails. Gern auch per Mail. Vielen Dank im Voraus Thilo von Fuchs-Spirituosen.

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    • Armin Zimmermann

      Hallo Thilo, gerne gebe ich Dir eine Antwort auf Deine Frage. Man sagt, Mr. Chamberlain von der Firma Hodges & Chamberlain habe besonderen Kunden im Hinterzimmer seiner Destillerie einen gesüßten Gin ausgeschenkt, der einen Alkoholgehalt von über 47,4 vol% gehabt habe. Diesen dort auszuschenken sei per Gesetz nicht verboten gewesen. Ansonsten durfte der Alkoholgehalt nicht über dieser Menge liegen. Man sagt auch, daß es nicht lange gedauert habe, bis auch „gewöhnliche“ Kunden nach diesem speziellen Tropfen verlangt hätten, und bezugnehmend auf Chamberlains Vornamen sei jener „Old Tom Gin“ genannt worden. 1810 erschien die Bezeichnung erstmals gedruckt, 1812 gab es die ersten Zeitungsanzeigen dafür. Er galt bald als ein Premium-Gin und als das Beste, das es zu kaufen gab. Die Firma füllten ihren Old Tom Gin in Flaschen ab und schuf so eine bekannte Marke. Sie hatten sich den Begriff „Old Tom Gin“ aber nicht gesetzlich schützen lassen, so daß es Nachahmer gab. Dennoch wußte jeder, von wem das Original stammte.

      Was nun Deine Frage nach Rezepten für Hodge’s Best angeht – spezielle habe ich nicht, aber Du kannst praktisch jedes Rezept verwenden, in dem nach einem Old Tom Gin verlangt wird. Bezüglich des Gin Punches, den man vielleicht im Limmer’s damit zubereitet hat, ist kein Rezept überliefert. Es wird sicherlich so ähnlich gewesen sein, wie für den Garrick Club Punch im vorherigen Beitrag der Serie beschrieben, oder ähnlich der Rezeptur dessen, was wir heute als Collins kennen, worüber der nächste Beitrag berichten wird.
      Cheerio, Armin

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