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Der Mai Tai. Geschichte des berühmtesten aller Tiki-Cocktails.

Der Mai Tai weltweit

James Wynn-Williams vom All Stars Lanes meint, dass der normale Kunde völlig falsche Vorstellungen von einem Mai Tai habe.

Die Meisten kennen nur die Touristenversion des Mai Tai. Gewöhnlich wird er auf zwei Arten zubereitet, entweder dominiert der Rum oder der Fruchtsaft. Der Mai Tai auf Fruchtsaftbasis ist seit vielen Jahren die Regel, obwohl Tiki-Nostalgiker wie Cate und Wynn-Williams alles tun, um das zu ändern.

Da die ursprüngliche Mai-Tai-Rezeptur für lange Zeit ein gut gehütetes Geheimnis war, haben die Bartender rund um den Globus ihre eigenen Versionen erfunden. Der Drink veränderte sich außerdem noch einmal drastisch in den Sechzigerjahren, als er auf Hawaii eingeführt wurde, das 1959 zu einem amerikanischen Bundesstaat und beliebten Ferienziel geworden war.

Martin Cate bemerkt, dass der Mai Tai auf Hawaii mit Fruchtsäften und viel tropischer Deko serviert wurde. »Ich halte das für eine ganz normale Entwicklung«, meint er, »man wollte verdünnen, und was hat Hawaii in diesem Fall anzubieten? Ananassaft.«

Die neue Tiki-Welle hat weniger mitden Tiki-Bars zu tun, sondern ehermit der Wiederentdeckung klassischerCocktails.

Der Autor Wayne Curtis beschreibt den an der Bar des Royal Hawaiian Hotels servierten Mai Tai in seinem Buch And a Bottle of Rum. »Er kommt in einem Glas, in dem ein japanischer Kampffisch Platz finden würde, die Farbe ist intensiv, aber diskret, wie ein nebliger Sonnenuntergang. Am Glasrand steckt ein Ananaskeil über einem Minzzweig, so groß wie der ganze Busch, eine leuchtend rote Kirsche, eine purpurfarbene, schwimmende Orchidee und ein kleines, farbenfrohes Schirmchen. Das ganze Stillleben ist so üppig und wohldurchdacht und wie ein viktorianisches Treibhaus.«

Gegen Ende der Sechzigerjahre assoziierten Mai-Tai-Klienten mit dem Drink vor allem die Dekoration und weniger den Inhalt. Jones’ Complete Barguide von Stan Jones, einer der auf Qualität bedachten amerikanischen Barführer aus den Siebzigerjahren, der 1977 erschienen war, erwähnt das 1944 veröffentlichte Mai-Tai-Rezept, führt aber auch noch drei weitere Rezepte für den Drink an. Eines davon ist ein völlig beliebiges Mai-Tai-Rezept (das nur »Rum« erwähnt, ohne zu spezifizieren). Ein anderes beinhaltet ein Gemisch aus 75,5 % Vol. Rum und Grenadine anstelle von Kandiszuckersirup; ein drittes ersetzt das Orgeat durch Aprikosenbrandy.

In Charles Schumanns American Bar von 1991 werden der frisch gepresste Limettensaft durch Roses Limettencordial, Orangenlikör durch Aprikosenbrandy ersetzt und hochprozentiger Rum neben dunklem verwendet. Im Gelben Haus in Nürnberg serviert der Barbesitzer Oliver Kirschner einen Mai Tai, der dieses Rezept als Vorlage nimmt. Er garniert mit Limettenscheiben, einer Cocktailkirsche und einem bepuderten Minzezweigchen.

Kirschner sagt, ein Mai Tai solle »eher wie ein exotischer Punch schmecken, wie ein warmer und würziger Drink. Auf keinen Fall sauer.«

Natürlich bleibt das bei einigen Bartendern und Puristen nicht ohne Widerspruch.

Rückbesinnung auf die Tradition

Martin Cate und andere Tiki-Nostalgiker sind auf der Jagd nach den echten Originalrezepten der Tiki-Drinks, zu denen der Mai Tai, Zombie und Test Pilot gehören. Cate sagt: »Traditionell gibt es keinen Float mit dunklem Rum, ebenso wenig wie es Magenbitter gibt, und auch von Ananassaft kann nicht die Rede sein – er ist bestimmt sehr lecker, hat aber in einem Mai Tai nichts verloren.«

Die neue Tiki-Welle hat weniger mit den Tiki-Bars zu tun (die es seit 1933 gibt, aber nicht immer hochwertige Cocktails servierten), sondern eher mit der Wiederentdeckung klassischer Cocktails. Bartender haben Punches aus dem 17. Jahrhundert unter die Lupe genommen und wieder auferstehen lassen, Ursprung und Verbreitung des Cocktails erforscht, alte Magenbitter und Sirupe zubereitet und die Speakeasy Bar neu zelebriert. Es ist also nicht verwunderlich, wenn sie sich heute für die ersten Versionen von Drinks interessieren, die nach der Prohibition kreiert wurden.

In Bars wie Mahiki und Trailer Happiness in London, im Smuggler’s Cove in San Francisco, Thatch in Portland, Oregon, und Painkiller in New York halten sich die Bartender im Allgemeinen an das Originalrezept von Trader’s Vic. Aber die neue Tiki-Welle beschränkt sich nicht auf amerikanische und englische Großstädte.

Der Besitzer der Wiener Halbestadt Bar, Erich Wassicek, hat 2006 Tiki-Events organisiert. Er erzählt: »Angefangen hat es mit einem Strand vor Halbestadt, mit Bambusmöbeln und Papierpapageien, Blumen, Kerzen, noch mehr Blumen und Tiki-Fingerfood, das kostenlos gereicht wurde. Dieses Jahr haben wir ein Sechs- Gänge-Menu angeboten. Es war bereits eine Stunde, nachdem das Angebot publik geworden war, ausverkauft. Unsere Kunden wollten jedes Jahr mehr, aber wir wollen uns lieber auf zwei Tage im Jahr beschränken.«

Wassicek sagt, er habe viel Zeit damit verbracht, die ursprünglichen Tiki-Cocktails von Don the Beachcomber und Trader Vic zu erforschen. Der Mai Tai auf seiner Getränkekarte in Halbestadt hält sich an Vic’s Originalrezept. »Wir wollen die Originalrezepte der Drinks auf unserer Karte haben, um den Leuten zu beweisen, dass es bessere Drinks gibt als dieses viel zu süße, pink und himmelblau gefärbte Zeug.«

Wynn-Williams betrachtet den Mai Tai als einen Klassiker, der den Bartendern die Gelegenheit verschafft, ihr Können zu beweisen, ähnlich wie ein langsam gerührter Old Fashioned oder ein raffiniert komponierter Negroni. »Der Mai Tai gehört zu den Lieblingsdrinks der Bartender und wird den Kunden gerne angeboten, da sie ihn voller Stolz komponieren und dabei über seine Geschichte sprechen. Ich bin überzeugt, dass der Mai Tai nie von den Getränkekarten Englands verschwinden wird.«

Im Augenblick gibt es zwar mindestens so viele Arten, einen Mai Tai zuzubereiten, wie es Bartender gibt. Ob auf Fruchtsaftbasis oder nach Trader Vic’s Originalrezept, Mai Tais sind weltweit die berühmtesten Cocktails, das steht fest. Ungewiss ist nur, welche Version man serviert bekommt, wenn man sich an einen Tresen setzt – und ob es noch ein Mai Tai ist!

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