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Die Geschichte des Cocktails, Teil 10: Der Deshler Cocktail (1916)

Die Geschichte des Cocktails, Teil 10: der Deshler Cocktail (1916)

Der Deshler Cocktail demonstriert, dass man auch scheinbar allgemeingültige Regeln nicht unüberlegt anwenden sollte. Es geht vielmehr darum, basierend auf einem tiefer gehenden Verständnis die jeweils richtige Technik für einen Cocktail zu verwenden

Der Deshler Cocktail wird auch Dandy Cocktail genannt. An ihm zeigt sich, dass Regeln nicht deshalb angewendet werden sollen, weil sie als allgemeingültig gelten, sondern weil man genau weiß, was man durch deren Anwendung oder Nichtbeachtung erreichen will. Man muß den Sinn der Regeln verstehen, damit man damit beginnen kann, diese zu brechen und gekonnt etwas Neues zu schaffen.

4 cl Rye Whiskey
4 cl Dubonnet
1 cl Triple Sec
1 Zitronenzeste
2 Orangenzesten
2 Dashes Peychaud’s Bitters
Garnitur: 1 Orangenzeste
Zubereitung: Alles geschüttelt, außer der Orangenzeste für die Garnitur. In ein Glas abseihen und mit der Orangenzeste abspritzen.

Im konkreten Fall geht es um die Regel, Mischgetränke, die sogenannte „schwer vermischbare“ Zutaten enthalten, immer zu schütteln – und alle anderen nicht, um auf diese Weise Trübungen des Getränks zu vermeiden. Bei der Zubereitung des Deshler Cocktails wird diese Regel jedoch aus gutem Grund missachtet.
Der Drink zeichnet sich insbesondere durch die Öle der Zitrone und Orange aus. Diese sind außerordentlich wichtig, denn sie verleihen dem Cocktail seinen Charakter. Er erhält dadurch eine deutliche Fruchtigkeit, ohne dass Saft verwendet oder zu viel Säure zugeführt wird. Diese Öle müssen bei der Zubereitung aus den Schalen extrahiert werden, und deshalb führt am Schütteln – inkl. der Zesten – kein Weg vorbei. Rührt man ihn nur, geht das Besondere verloren.

Die Namensgebung des Deshler Cocktails

Es wurde uns nicht überliefert, von wem dieser Cocktail ersonnen wurde. Er findet sich erstmals publiziert in Hugo Ensslins Buch Recipes for Mixed Drinks aus dem Jahr 1916/1917. Es wird gelegentlich geschrieben, dass der Cocktail nach dem Leichtgewichtsboxer Dave Deshler aus Boston benannt worden sei. Dies scheint aber eine Legende zu sein, und es finden sich dafür keine Belege.

Beschäftigt man sich jedoch ein wenig mit der Biografie von Hugo Ensslin, so erfährt man, dass er im Hotel Wallick am Broadway Bartender war. Die Familie Wallick betrieb noch weitere Hotels, darunter auch das am 23. Juni 1916 eröffnete Deshler Hotel in Columbus, Ohio. In Hugo Ensslins Buch finden sich Drinks, für die offensichtlich das Hotel Wallick Namenspate war. Was liegt also näher, als dass für das neu eröffnete Hotel Deshler ebenfalls ein Signature Drink entwickelt wurde, vielleicht sogar von Hugo Ensslin selber?

In jüngeren Zeiten wurde der Deshler Cocktail mehr und mehr missverstanden. Gerührt wird er erstmals 1934, und in modernen Büchern ist die Zitronenzeste verschwunden, während die Orangenzeste nur noch als Garnitur verwendet wird. Das ist sehr bedauerlich.

Die Geschichte des Cocktails, Teil 10: Der Deshler Cocktail (1916)
Möglicherweise ist der Deshler Cocktail nach einem Hotel benannt
Die Geschichte des Cocktails, Teil 10: Der Deshler Cocktail (1916)
Der Deshler Cocktail wird auch Dandy Cocktail genannt
Die Geschichte des Cocktails, Teil 10: Der Deshler Cocktail (1916)
Die Geschichte des Cocktails, Teil 10: Der Deshler Cocktail (1916)

Gerührt oder geschüttelt?

Hat man anhand dieses Beispiels verstanden, warum dieser Cocktail geschüttelt und nicht gerührt werden soll, erscheint auch die alte Frage nach dem gerührten oder geschüttelten Martini Cocktail in einem neuen Licht. Es gibt nämlich durchaus historische Martini-Rezepte, denen zufolge eine Zitronenzeste mitgeschüttelt werden soll.

Das hat nichts mit Unwissenheit zu tun, ganz im Gegenteil. Vielmehr sollen die Zitronenaromen deutlicher herausgearbeitet werden. Auch ein geschüttelter Martini Cocktail kann ein meisterlich zubereiteter Drink sein. Es kommt eben nur darauf an, welches Ergebnis man erzielen möchte. Und dass man sein Handwerk beherrscht.

Credits

Foto: Sarah Swantje Fischer

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