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Verlorene Schätze? Die Diageo Orphan Barrels

Bereits im November 2013 erfuhr die Whiskeywelt von Diageos neuem Projekt, den Orphan Barrels. Bisher sind drei Abfüllungen erschienen und die vierte steht bereits in den Startlöchern. Das Projekt widmet sich vergessenen Whiskey Schätzen, gefunden in staubigen Ecken fast vergessener Lagerstätten alter Brennmeister. 

Große Mythen ranken sich um vergessene Fässer in den Lagerhäusern zwischen Tennessee und Kentucky. Welche Schätze wohl noch in den zugewachsenen Hallen alter Traditionsbrenner liegen mögen? Welche Geschmäcker sich wohl in den jahrzehntelang unbewegten Fässern entwickelt haben? Es klingt ein wenig wie die Suche des Indiana Jones nach den verlorenen Heiligtümern der Whiskeywelt. Ob der weltweit agierende Spirituosenhersteller Diageo den heiligen Gral noch finden mag, bleibt abzuwarten. Über die drei ersten Abfüllungen hört man derzeit durchweg gute Bewertungen. Speziell sollen sie sein, mit markanten Geschmacksnoten. Keine Whiskeys für Jedermann.

Fragen über Fragen

Diageo besitzt derzeit keine aktive Bourbon-Brennerei in den USA. Den Bulleit Bourbon, das ist ein offenes Geheimnis, bezieht der Spirituosenkonzern aus der Four Roses-Distillery in Kentucky. Wie also das Loch im Portfolio stopfen und trotzdem am Premium-Bourbon-Markt mitmischen? Diageo hat bei jeder Akquise vergangener Tage Fässer in die eigenen Lagerhäuser umgeschichtet. Also machte sich die Führungsebene auf den Weg zu einer Tour durch die alten Lagerstätten. Zuerst wurden die eigenen Vorratsräume nach Schätzen durchforstet. Der Plan ist es, die weltweit verstreuten Reserven an Destillaten in besonders raren Abfüllungen zu vermarkten.

Die Orphan Whiskey Distilling Company

Bereits drei Abfüllungen wurden erfolgreich an den Mann gebracht: Den 20-Jährigen Barterhouse, den 26-Jährigen Old Blowhard Whiskey und einen 22-jährigen Lost Prophet. Wie man sich denken kann, wurden die beiden Abfüllungen lediglich in den USA und nur an sehr sorgfältig ausgewählte Händler weitergereicht.

Alle drei stammt aus den Hallen der in Diageos Besitz befindlichen Stitzel-Weller-Brennerei in Louisville. Das Startgebot für diese Abfüllung lag bei beträchtlichen 75€, Auflage unbekannt, gleiches gilt für die Verfügbarkeit. Bei deutschen Händlern haben wir derzeit Preise um die 150€ beobachten können. Der Old Bowhard Whiskey ist 26 Jahre gereift und ebenfalls aus dem Stitzel-Weller-Archiv. Kostenpunkt bei Einführung: 150$.

Alle drei Sorten wurden bei George Dickel in Tennessee abgefüllt. Ihre Zusammensetzung, 86% Weizen, 6% Roggen und 8% Gerste, lässt Kenner darauf schließen, dass die Fässer ihren Ursprung in der alten Bernheim-Distillery haben. Bernheim war bis 1992 im Besitz von Diageo. Nach einem Brand in der Produktionsstätte der benachbarten Heaven Hills-Distillery verkaufte Diageo Bernheim dann an Heaven Hills.

Whiskey mit Persönlichkeit

Und das ist auch gut so. Viel zu viele Produkte richten sich heute an die breite Masse und wollen jedermanns Gaumen gefallen. Wo ist dabei der Sinn, wenn sich “unterschiedliche” Produkte in so wenigen Merkmalen unterscheiden, während sich auf dem Etikett trotzdem immer „nach altem Familienrezept“ oder „besonders kräftig/mild“ wiederfindet. Mit den neuen Abfüllungen will Diageo auch eine Geschichte kultivieren. Die kreative Schatzsuche eignet sich hervorragend für Geschichten.

Tatsächlich muss man anerkennend bemerken, dass ein Weltkonzern mit mehr als hundertjähriger Erfahrung nicht vergisst, welche Fässer sich in seinem Besitz befinden. Glaubhaft ist allerdings auch, dass bestimmte Fässer der aufgekauften Brennereien nicht immer direkt in das Portfolio passen. Lieber legt man sie ein paar Jahre zur Seite und wartet, bis der richtige Zeitpunkt für Produkteinführung gekommen ist.

Lost Prophet, die aktuelle Abfüllung

Der Vierte, neue Whiskey in der Orphan-Reihe kommt aus dem Hause Georg T. Stagg in Frankfort/Kentucky, das heute zu Buffalo Trace gehört. Einzige Gemeinsamkeit mit seinen Vorgängern ist die Zeit in der Stitzel-Weller Destillerie. Der Whiskey besteht aus 75-78% Weizen, 7-10% Gerste und 15% Roggen. Das Alkoholvolumen liegt bei 45%.

Sehr begehrt bei amerikanischen Liebhabern, gestaltet es sich derzeit recht schwierig, eine der Flaschen zu ergattern. Auch hier kann sich der stolze Einführungspreis von 120$ sehen alssen. Der Lost Prophet wird, ähnlich wieder Old Blowhard, eine einmalige Auflage. Wie viele Fässer Diageo noch in seinen eigenen Lagerhäusern bereit hält, weiß keiner. Sicher ist, dass das Projekt nicht nach einer Hand voll Abfüllungen abgeschlossen ist. Auf der Internetseite von Orphan Barrel kann sich jeder über geplante Produkte informieren. Bereits in den Startlöchern steht die Rhetoric Serie in den Jahrgängen 21 bis 25.

Credits

Foto: Fässer via Shutterstock

Comments (2)

  • SKOERPER

    Schöner Beitrag. Bringt halt nicht viel, wenn der Stoff nicht wirklich zu haben ist. Außerdem stimmen mich einige Aussagen von Herrn Wild nachdenklich.

    „Den Bulleit Bourbon, das ist ein offenes Geheimnis, bezieht der Spirituosenkonzern aus der Four Roses-Distillery in Kentucky.“ – Fraglich. Richtig ist wohl, dass alles an Bulleit Bourbon, was gerade auf dem Markt ist, von FR destilliert wurde. Das haben Diageooffizielle auch so bestätigt (Ob man das noch als „offenes Geheimnis“ postulieren mag, ist Geschmackssache). Gelagert und abgefüllt wurde von Diageo selbst. Gut unterrichtete Kreise in den USA lesen aus Aussagen von Diageovertretern, dass dieser Bulk-Liefervertrag in 2014 ausgelaufen ist bzw. von seiten FR gekündigt wurde. Woher der – sagen wir mal ab 2019 abgefüllte – Bulleit dann kommt ist (noch) unklar. Es ist ja auch möglich Whiskeys verschiedener Brennereien zu einem zusammen zu kippen. Die angekündigte Bulleit-Distillery wird ja nicht vor 2016 fertig – wenn überhaupt jemals.

    „Über die drei ersten Abfüllungen hört man derzeit durchweg gute Bewertungen.“ – Stimmt, wenn man sich lediglich mit dem Inhalt der Flaschen auseinandersetzt (Gut. Das sollte man ja in erster Linie tun, aber a bisserl mehr wär auch ok. We live in 2015!). Die Phantasienamen und das alberne, da nichtssagende PR-Gedöns (inkl. der CIAigen Top-Secret-Strategie) der Company stoßen aber sehr wohl auf Kritik. Dazu gehört auch der Punkt „Limited Edition vs. Auflage unbekannt“. Barterhouse wird in manchen U.S.-Stores inzwischen übrigens verramscht. Kein Wunder also, dass der Stoff auch in europäischen Onlineshops gelandet ist. Aber natürlich nicht über den offiziellen Diageovertrieb, sondern die üblichen Zwischenhändlerwege, die auch relativ seltene Wild Turkeys u.a. Amis nach Old Europe spülen. Die aufgerufenen 120 EUR für Barterhouse scheinen angesichts des tobenden Bourbon Craze noch angemessen. Yeah!

    „Alle drei Sorten wurden bei George Dickel in Tennessee abgefüllt. Ihre Zusammensetzung, 86% Weizen, 6% Roggen und 8% Gerste, lässt Kenner darauf schließen, dass die Fässer ihren Ursprung in der alten Bernheim-Distillery haben.“ – Falsch. Kenner wissen, dass sich durch den Abriss und den Neuaufbau der Bernheim Distillery Anfang der 90er eine Periode vor diesem Rebuild – genannt Old Bernheim – und die nach dieser Maßnahme – genannt New Bernheim – ergibt. Nur Old Blowhard wurde in der alten Distillery „Old Bernheim“ gebrannt. Die beiden erblickten in „New Bernheim“ das Licht der Welt. Die Distillery wurde später – wenn ich mich recht erinnere 1999 – von Diageo-Vorfahre United Distillers mitsamt Lagerbestand verkauft. Ein Teil wurde einbehalten und in die stillgelegte Stitzel-Weller Distillery bzw. deren Warehouses verbracht, wo man sie nun „wiederentdeckte“. What a surprise!

    Das erinnert auch an einen im Rückblick recht ulkigen Punkt in Diageos bzw. UD/Guiness Historie. Kaum macht sich American Whiskey vor 15 Jahren langsam auf den Weg zum Erfolg – zack! – schon verkauft man das Business, um dann später mühsam mit allerlei Hin-und-Her (Bulleit, George Dickel) wieder Fuß zu fassen. Macht man derzeit den gleichen Fehler und verkauft am Vortag des (seit Jahren angekündigten) globalen Irishwhiskeyboom mit Bushmills seine gesamten Interessen in Irland? Die Manager des Global Players werdens schon wissen.

    „Mit den neuen Abfüllungen will Diageo auch eine Geschichte kultivieren. Die kreative Schatzsuche eignet sich hervorragend für Geschichten.“ – Falsch. Steht das so im Presseinfo? Steht da irgendwas über die Historie der Fässer, unter welchem Master Distiller sie wo befüllt wurden? Wo sie von wann bis wann lagerten? Wieviele man davon „gefunden“ hat? Welchen kulturellen Hintergrund die Pseudonamen der Abfüllungen und das Artwork des Packaging hat? Scheißedreck. Diageo erzählt die wahre Geschichte dieser Whiskies mit Absicht nicht und tritt so die Kultur des amerikanischen Whiskey mit Füßen. Man schreibt lieber „bottled with pride“ aufs Etikett.

    „Verlorene Schätze?“ – „Verloren“ nein, denn man wird ja nicht vergessen haben, dass die SW-Warehouses, die man zum Teil auch vermietet, ja nicht leer sind. Und: Es handelt sich ja offensichtlich nicht um 30-50 Fässlein… „Schätze“ ja, denn das, was man da hat ist durchaus interessanter Juice. Schade, dass der in unbestimmt großen Batches gemingled wird und nicht als Single Barrel in die Flasche kommt. Darauf könnte man ausnahmsweise Stolz sein!

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  • Thomas Domenig

    Gratulation dem Vorgänger-Kommentar: eine sehr feine Polemik, welche die Grundproblematik von Diageo in Bezug auf American Whiskey voll auf den Kopf trifft!

    Wer den Bourbon Country Reader von Chuck Cowdery abonniert hat, der weiß in der Zwischenzeit ohnehin, dass es sich beim ganzen Orphan-Barrel-Schmafu um nicht weniger als eine galante Methode zum Entledigen alter Fässer handelt.

    Als Beiprodukt der Lagerung von Whiskey-, aber auch Cognac-Fässern können sich Sporen der Pilzart Baudoinia compniacensis bilden. Je mehr Whiskey gelagert wird, desto mehr verbreitet sich dieser Pilz, der gesundheitlich eigentlich unbedenklich sein soll. So geschehen in der Stitzel-Weller-Destillerie von Diageo – dort, wo ua. die Fässer für Bulleit reifen.

    Diageo, aber auch Heaven Hill und Brown-Forman, sind von Nachbarn verklagt worden, weil sich diese Pilze auf ihre Gebäude weiter verbreitet haben. Demgemäß musste Diageo etwas tun und einen Teil ihrer Whiskey-Fässer umlagern, um den Pilzbefall wieder zu reduzieren. Also direkt damit zu George Dickel und anschließend, als „gefundene Schätze“ in einer wirren Marketing-Story verpackt, teuer weiterverkauft. Ob der Whiskey nun Old Blowhard, Barterhouse oder Rhetoric heißt, ist relativ egal, denn es handelt sich dabei schlicht um eine Verwertung von einer zu groß geratenen Menge an Whiskey-Fässern, die für Diageo mit der Zeit zum Problem wurden.

    So gesehen, alles nicht blöd, denn auch der Whiskey scheint gar nicht mal so schlecht zu schmecken. Nur leider spielt Diageo zum wiederholten mal mit seinen Kunden und baut eine waghalsige Story nach der nächsten auf. Es ist klar, dass die Alkoholindustrie stark von solchen zusammen gereimten Geschichten lebt, doch wir als Fachleute sollten besser kühlen Kopf bewahren und uns von all dem erfundenen Marketinggedöns nicht den nächsten Bären aufbinden lassen.

    MbG, Thomas Domenig

    BTW: Die im Artikel zitierte mash bill ist ebenfalls falsch: es soll jeweils 86 bzw. 75-78 % Mais und nicht Weizen heißen. So etwas müsste eigentlich jemanden in der Redaktion auffallen, wenn man sich in letzter Zeit schon intensiv mit American Whiskey beschäftigt, denn damit wär’s gar kein Bourbon mehr sondern ein Wheat Whiskey. Zudem heißt es „Heaven Hill“ und nicht „Heaven Hills“.

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