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BREXIT THROUGH THE GIFT SHOP

Was bedeutet der Ausstieg Großbritanniens aus der EU für die britische Spirituosenindustrie? Ist der Brexit der Anfang vom Ende eines noch Vereinigten Königreiches? MIXOLOGY ONLINE mit einer ersten Einschätzung, ob und wie die beiden britischen Grundpfeiler – Gin und Whisky – ins Wanken kommen.

Großbritannien schreibt Geschichte. Derzeit eine ziemlich traurige. Zuerst das mit 52 Prozent magere, aber demokratisch geltende Votum Großbritanniens für den Ausstieg aus der EU, den sogenannten Brexit. Und, um dieser politisch, wirtschaftlich und gesellschaftlich an Konsequenzen reichen Wahl noch mehr Symbolkraft zu verleihen: Eine 2:1-Sieg Niederlage der englische Soccer-Elf gegen Island bei der Fußball-Europameisterschaft in Frankreich, die die Heimreise des Mutterlands des Fußballs zur Folge hatte.

Um 5.40 Uhr des 24. Juni 2016 gab die BBC das Ergebnis bekannt, dass Großbritannien für den Ausstieg aus der Europäischen Union gestimmt hat. Nach der Wahl purzelten Pfund und Aktienmarkt in den Keller, die Whisky-Brennereien fürchten nun um den Zugang zum freien Binnenmarkt. Dieser Brexit, den es innerhalb von zwei Jahren umzusetzen gilt, trennt nicht nur Großbritannien vom europäischen Staatenbund. Schottland hat sich 2014 gegen die Unabhängigkeit vom Vereinigten Königreich entschieden, möchte aber weiterhin EU-Mitglied bleiben, wie die schottische Regierungschefin Nicola Sturgeon in den vergangenen Tagen vehement betont hat, und möglicherweise neu über die Unabhängigkeit vom Vereinigten Königreich abstimmen, das folglich zu einem gespaltenen würde.

IMMER AUF DIE KLEINEN

Whisky gilt nach Öl als zweitwichtigstes Export- sowie auch Kulturgut Schottlands, von dessen Exporten rund 40 Prozent in die EU verkauft werden. Durch einen Ausstieg aus dem europäischen Wirtschaftsraum gäbe es keine Freihandelszone mehr für Großbritannien sowie Schottland, Exporte würden fortan mit Zollabgaben belastet, wirtschaftliche Probleme, vor allem bei kleineren, von global agierenden Konzernen unabhängigen Destillerien, wären absehbar.

Schottische Whiskys wie Chivas Regal, Glenlivet oder Ballantine’s sowie britische Gins wie beispielsweise Beefeater gehören zur Pernod Ricard-Gruppe und stellen ein bedeutendes Standbein des französischen Konzerns dar. Pernod Ricard habe sich in den vergangenen Monaten für den Verbleib des Vereinigten Königreichs in der Europäischen Union ausgesprochen. Die Briten haben jedoch nur mit 48 für den Verbleib, „Bremain“,  gestimmt. „Wir respektieren diese Entscheidung. Für uns ist klar, dass wir auch in Zukunft in unsere schottischen Whiskys und britischen Gins investieren und diese Kategorie langfristig weiterentwickeln werden. Da die Konsequenzen dieser Entscheidung heute noch nicht klar absehbar sind, ist eine detailliertere Stellungnahme zu diesem Zeitpunkt noch nicht möglich“, erklärt David Haworth, Vorsitzender Geschäftsführer von Pernod Ricard Deutschland, wenige Tage nach dem überraschenden Wahlausgang. Tatsächliche Auswirkungen schon jetzt zu benennen, sei Teil der Spekulationsspirale. Noch sei auch nicht klar, was mit Schottland passieren werde, betont Axel Herpin, Geschäftsführer von Pernod Ricard Österreich.

Pernod Ricard-CEO Alexandre Ricard, einer der Enkel von Pernod Ricard-Gründer Paul Ricard, vermittelt Kampfgeist, indem er an seinen weltweit agierenden Mitarbeiterstab folgende Worte richtet: „Let’s remain united in our determination to move forward. No matter what the world throws at us, we are stronger together“.

DANN EBEN EIN PAAR FORMULARE MEHR

Der Verlust von freien Marktzugängen, ein aufwändiges Zollprogramm und die Einführung von Einfuhrabgaben, bürokratischer Aufwand, steigende Kosten in der Logistik und vielleicht auch eine sinkende Nachfrage nach UK-Produkten sieht Axel Schneider, Geschäftsführer von Schneider & Levi GmbH, auf Großbritannien zurollen. Rein monetär betrachtet „zeigt sich der Exit für uns aber vorerst positiv, weil sich der Wechselkurs durch den Währungsabfall zu unseren Gunsten entschieden hat. Das kann sich langfristig auch ändern“, so der Geschäftsführer, der seinen geschäftlichen Handelsschwerpunkt weniger in Großbritannien als hauptsächlich in den USA pflegt. „Aber das letzte Wort ist noch nicht gesprochen“, meint Schneider, der mit seinen UK-Handelspartnern, wie dem englischen Getränkehersteller Fentimans, in regem Austausch steht und drei weitere englische Gins in sein Portfolio aufnehmen wird. „Sie alle sind schockiert und haben es unterschätzt. Es wird schwierig für England, nicht mehr Teil des Binnenmarktes zu sein. Für uns wird es auch schwierig, aber nicht unmöglich, wir füllen dann eben fünf Formulare mehr aus.“

Schneiders Geschäftspartner William Ovens, internationaler Exportchef des englischen Konzerns Quintessential Brands mit dem Schwerpunkt auf englischen Gins, bringt die vorherrschende Stimmung auf den Punkt: „I am still in a state of shock after the Brexit result – crazy!“, wird er von Axel Schneider zitiert.

Der Getränkehersteller Diageo mit Sitz in London besitzt mehr als zwei Dutzend Whisky-Brennereien in Schottland. Dem Unternehmen bleibt vorerst nichts anderes übrig, als den Ausgang des EU-Referendums zu akzeptieren, möchte den Zugang zum freien Binnenmarkt aber erhalten wissen. „Als einer der führenden Exporteure in Großbritannien bleibt Diageo dem langjährigen Erfolg der Scotch Whisky-Industrie verpflichtet. Wir werden nun eng mit unseren Industriegremien zusammenarbeiten, um mehr Klarheit über den Übergangsprozess zu schaffen. Es ist eine Priorität, dass Großbritannien weiterhin vom freien Zugang zur Europäischen Union sowie von günstigen internationalen Handelsabkommen profitiert, um die wichtigen britischen Exportindustrien – inklusive der Scotch Whisky-Industrie – zu schützen“, sagt Veronika Rost, Diageo-Country Director Germany, Austria & Switzerland.

RATIONALITÄT STATT ROSENKRIEG

Das Königreich Norwegen und die schweizerische Eidgenossenschaft zählen ebenso nicht zu den Mitgliedsstaaten der Europäischen Union, wirtschaftspolitische Beziehungen zu und mit den beiden Ländern laufen in geordneten Bahnen. Mit dem kleinen Unterschied, dass sich weder die Norweger noch die Schweizer zur EU bekannt haben, stattdessen einen Alleingang vorziehen. Großbritannien allerdings hat mit seiner, wenngleich auch dünnen Stimme, gerade seine Unzufriedenheit mit seinen Partnern offiziell bekundet. Setzt man eine solche weitreichende Entscheidung in Vergleich mit der Trennung zweier Eheleute, dann darf man hoffen, dass ein Rosenkrieg zwischen dem europäischen Staatenbund und seinem scheidenden Mitgliedsstaat ausbleiben darf, zumal das Königreich in sich bereits gespalten scheint.

Credits

Foto: Foto via Garry Knight.

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