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Weiter, immer weiter … oder doch loslassen?

Die Corona-Pandemie fordert ihren Tribut, finanziell wie auch psychisch. Reflexartig setzen viele Barbetreiber einen Fuß vor den anderen. Verbindlichkeiten werden angehäuft, Reserven abgetragen. Emotionalität steht betriebswirtschaftlichen Realitäten gegenüber. Wann ist es die klügere Entscheidung, den Traum loszulassen?

Tag zwei des Lockdowns, ich spaziere nachmittags durch Regensburg. Den betongrauen Himmel hätte auch Roland Emmerich für einen Pandemie-Film bestellen können, und der Einzelhandel, der auf der Light Side of Lockdown öffnen darf, spürt deutlich, dass das Virus ihm die Kunden hinwegrafft, auch ohne sie vorher töten zu müssen.

Zwischen den beleuchteten Geschäften vereinzelt die dunklen, geschlossenen Kneipen, Bars, und Restaurants. Vereinzelt. Denn in etlichen brennt noch Licht. Neugierig schaue ich hinein. Teamsitzungen? Passiver Widerstand? Restesaufen der Belegschaft? Von wegen. Die Kollegen werkeln. Kühltheken werden zerlegt, Geräte überholt, Mobiliar gepinselt, Umbauten angegangen.

Reflexhaft einen Schritt vor den nächsten setzen

Das ist typisch für das Gastgewerbe: Selbst wenn das Schiff unterzugehen droht, wird noch schnell die Kombüse geputzt. Vielleicht läuft manches dabei unter dem Begriff „Übersprungshandlung“. Aber viele Gastronomen können auch nicht von jetzt auf gleich ihre 16-Stunden-Tage aufgeben. Das ist vermutlich wie bei Profisportlern: Die können sich nach dem Karriereende auch nicht einfach auf die Couch legen, weil sonst das Athletenherz schlappmacht. Das will behutsam abtrainiert werden. Außerdem, was heißt schon Katastrophe? Irgendwie lässt sich Corona bestimmt einsortieren in den Alltag aus Wasserrohrbruch, Ordnungsamt und Zechprellerei.

Weiter, immer weiter. Eine Branche voller Oliver-Kahn-Epigonen. Reflexhaft wird immer wieder ein Schritt vor den nächsten gesetzt, obwohl die Füße plattgelatscht sind, weil man die sprichwörtliche Reise der 1.000 Meilen doch eigentlich schon lange beendet haben müsste. Nur insgeheim denkt sich vielleicht manch einer: Verflucht, wofür mach ich den Scheiß eigentlich, ich mag nicht mehr, ich schmeiß‘ das ganze Gelumpe hin! Um drei Minuten und eine Zigarette später neue Filzgleiter an das Bargestühl zu pappen.

Und hier nun der radikale Gedanke: Wieso denn eigentlich nicht? Also: Aufhören. Hinschmeißen. Es gut sein lassen.

Verbindlichkeiten anhäufen ohne Aussichten, sie wieder abtragen zu können

Zumindest verdient das Gedankenspiel mehr als eine Zigarettenlänge. Es ist jedenfalls erstaunlich, wie wenige Betriebe denn tatsächlich bislang schließen mussten. Waren die Staatshilfen ausreichend? Konnte man mit den Freisitzen im Sommer genug Geld verdienen? Oder hat man einfach weiter eiserne Reserven angezapft, die Altersvorsorge geschröpft und Schulden gemacht? Weil man nicht loslassen kann?

Eine der Maßnahmen der Bundesregierung während der Pandemie war die Aussetzung der Insolvenzantragspflicht, um für viele Gewerbetreibende zumindest dieses Damoklesschwert zu entfernen. Die Kritik kam schnell, gerade von Seiten derjenigen, die eigentlich geschützt werden sollten: Eine staatlich geförderte Insolvenzverschleppung sei das und würde letztlich niemandem helfen. Gerade für die Gastronomie gilt ja, dass verlorene Umsätze nicht wieder aufholbar sind. Wenn der Gast nach Aufhebung aller Maßnahmen wieder ins Lokal darf, kauft er sich deshalb noch lange keine zwei Schnitzel.

Und so häufen viele einfach nur ihre Verbindlichkeiten weiter an, ohne große Aussichten, den Berg je wieder abtragen zu können. Weshalb das Damoklesschwert letztlich nicht entfernt, sondern lediglich etwas höher gehängt wurde – damit es am Ende umso tiefer fallen kann.

Nun ist ja leicht reden. „Einfach hinschmeißen“ ist schnell gesagt und schwer getan, und der emotionale Gesichtspunkt ist dabei noch nicht einmal gemeint. Gesetzt den Fall, ein Gastronom würde seinen Laden, also sein Baby, mal ganz leidenschaftslos betrachten und käme zu dem Schluss: Weißt du was, du hässliches Balg, aus dir wird im Leben nix mehr, zieh Leine und lieg mir nicht länger auf der Tasche – manch verwandtschaftliches Verhältnis wäre leichter zu lösen als ein Pachtvertrag.

„Selbst wenn man nicht von der Aussetzung Gebrauch machen würde, kann man natürlich nicht einfach so Insolvenz beantragen. Dazu braucht es eben mal die Zahlungsunfähigkeit. Wie steht es mit Haftungsfragen? Ist Masse vorhanden? Welche Rechtsform hat man? Vielleicht empfiehlt es sich eher, den Pachtvertrag genauer durchleuchten zu lassen. Es wäre nicht besonders verwunderlich, wenn sich da Lücken auftäten, die der Pächter nutzen könnte“, so Ulrich Korb, ehemaliger Geschäftsführer des DeHoGa.

Nun, da setzt man dann eben auf Konfrontation. Andererseits ist die gewerbliche Immobiliensituation im Augenblick wirklich kein Verkäufermarkt mehr, und wenn dann der Verpächter im letzten halben Jahr achselzuckend auf das Geschäftsrisiko verwiesen, vielleicht mal die halbe Pacht für drei Monate gestundet hat und sich dann noch generös zwei Cocktails-to-go als Empathiebeweis hat geben lassen … ach … warum soll man da nicht mal nach Schlupflöchern suchen. Die gibt es nämlich öfter als man denkt, besonders bei einer eher gutsherrlichen Denkstruktur hinter dem Vertrag.

Wabi Sabi: Schließung ohne Larmoyanz

Zu weniger drastischen Mitteln musste Klaus St. Rainer greifen, als er, vielbeachtet, die Pforten seines hochgelobten Wabi Sabi Shibui schloss, und das gerade einmal knapp zwei Jahre nach der Eröffnung – er fand einen Nachpächter. Rainer hatte für sein Konzept einen langfristigen Plan, aber Langfristigkeit wurde durch die Weltläufe quasi abgeschafft, und auch von alten Gewissheiten musste man sich verabschieden: „Bis jetzt hat uns noch keine Krise wirklich getroffen, die eine oder andere habe ich nicht mal mitbekommen. Getrunken haben die Leute genauso, eher mehr, das waren teilweise richtige Goldgräberzeiten. Aber jetzt? Das ist die größte Scheiße für unsere Branche seit der Prohibition.“

Nun hatte Rainer ja auch noch die Goldene Bar, und damit zwei Sorgenkinder. „In diesen Zeiten der Unsicherheit brauchte auch die Goldene Bar unsere Präsenz. Und auch wenn ich kein Schwarzmaler bin, war mir schnell klar, dass sich die Lage beim Wabi Sabi nicht so schnell wieder ändern würde. Also musste da eine Entscheidung getroffen werden.“ Diese Entscheidung wurde dann sachlich, ohne große Larmoyanz verkündet, und das Wehklagen, das mancherorts von Kollegen veranstaltet wurde, sorgte bei Rainer nach eigenem Bekunden „für Fremdschämen“. War da nicht noch ein paar Wochen zuvor alles allererste Sahne gewesen?

An oder mit Corona verstorben? Gilt auch für Bars

Im April 2020 schrieb die bekannte New Yorker Küchenchefin Gabrielle Hamilton in der New York Times einen bewegenden und schonungslosen Artikel über das Ende ihres Restaurants, worin sie auch einige bemerkenswerte Ansichten zum Zweckoptimismus der Branche offenbart: „Werden wir überhaupt sagen können, welche Restaurants wegen des Virus den Bach runtergegangen sind? Oder wären das dieselben gewesen, die ohnehin innerhalb von 16 Monaten nach der Eröffnung schließen hätten müssen, weil es an Erfahrung oder grundsätzlich am Nötigsten gemangelt hatte? (…) Restaurantbetreiber wurden immer zugeknöpfter und haben schnell begonnen, sich gegenseitig etwas vorzuspielen. Man fragte ‚Wie läuft’s?‘, und die Antwort war immer ‚Ja, super, das beste Quartal überhaupt.‘ Und dann schlägt Corona ein, und dieselben Restaurantbesitzer rennen auf den Stadtplatz und schreien ‚Feuer! Feuer!’“

An oder mit Corona verstorben? Gilt somit auch für Bars. Der Regensburger Unternehmensberater Richard Söldner, der selbst schon eine Bar betrieb und diese dann nach einer nüchternen Kosten-Nutzen-Rechnung wieder verkaufte, sieht oft ein Problem in einem Übermaß an Emotionalität, bei einem gleichzeitigen Defizit auf dem betriebswirtschaftlichen Sektor: „Viele leben da zu sehr in ihrem Wunschdenken und verdienen zu wenig. Man muss an die Altersvorsorge denken und sollte dazu ein wirtschaftliches Lebenszeitmodell haben. Manchmal scheitert es schon am Unterschied zwischen brutto und netto. Man muss seinen eigenen Gedanken kritisch gegenüberstehen und letztlich auch bereit sein zu akzeptieren, dass der Weg zwischen Gründen und Aufhören auch zu einem Evolutionsprozess gehört.“

Auch Bar ist am Ende nur ein Geschäft

Akzeptiert wurde diese Vorstellung bei einer weiteren Schließung, die in der Branche großen Widerhall fand: Auch der Londoner Ableger des legendären Milk & Honey stellte seinen Betrieb ein. Wenn man nachfragt, stößt man auf eine Gemengelage von Problemen, die manchem hier bekannt vorkommen mag: teure Pachten und kompromisslose Verpächter, ausbleibende Touristen, eine Sperrstundenregelung, die besonders einer Spätbar das Genick brechen muss, dazu gesetzliche Maßnahmen, die nur scheinbar hilfreich sind. Das englische Pachtmoratorium bedeutet auch nur, dass der Schuldenberg immer größer wird. „Ein Kredit in dieser Situation ist eine Zwangsenteignung“, kommentiert Söldner trocken.

Hätte man aber einen derart klingenden Namen wie das Milk & Honey nicht über diese Phase retten können, gar müssen? „Man hat etwas geschaffen, und nun muss man auch loslassen. Egal, wie leidenschaftlich man ist, Blut, Schweiß und Tränen, am Ende ist es ein Geschäft. Und wenn man kein Geld verdient, muss man es aufgeben“, so Pierre-Marie Bisson, der ehemalige General Manager.

Erstaunlich wenige tun das bisher. Nun soll dieser Text kein allgemeiner Aufruf zur Kapitulation sein, nach dem Motto: Sperrt zu und lasst alle Hoffnung fahren. Aber manchmal stellt sich schon die Frage, ob ein Ende mit Schrecken nicht die bessere Wahl wäre. Die vielen Monate seit dem ersten Lockdown haben nicht nur finanziell einen großen Preis gefordert, auch psychisch nagt die fortdauernde Unsicherheit an den Nerven auch der stabilsten Kollegen. Die Pandemie ist eine Seuche mit dem Wirkungsgrad von chinesischer Wasserfolter; das steckt keiner auf Dauer weg.

„Der nächste Sommer wird wie Woodstock.“

Insofern sollte man zumindest versuchen, einen objektiven Blick auf die Lage und Aussicht des eigenen Ladens zu bekommen, um dann eine möglichst ausgewogene Entscheidung zu treffen. „Wer Hoffnung predigt, tja, der lügt, doch wer die Hoffnung tötet, ist ein Schweinehund“, sang Wolf Biermann einst.

Vielleicht braucht es dann aber auch wieder einen Menschen wie Klaus St. Rainer, um einen freudvollen Ausblick in die Zukunft zum einen überhaupt zu fassen – und zum anderen, ihn in einen griffigen Satz zu gießen: „Trotzdem, das wird nicht für immer sein. Ich freue mich jetzt schon auf das nächste Frühjahr, den nächsten Sommer. Was glaubst du, wie die Leute da abgehen werden? Die werden auf den Straßen vögeln. Das wird wie Woodstock.“

Credits

Foto: Editienne

Comments (2)

  • Bastian

    Warum berichtet keiner das hinter vorgehaltener Hand eine Großzahl von Gastronomen gar nicht so unglücklich darüber ist , ein paar Monate Durchatmen zu können, mal mit der Familie mehr Zeit zu verbringen, die Kinder endlich öfter sehen etc.
    Ein paar Wochen genießen ohne Angst zu haben die Gäste zu verlieren?
    Ein Verkehrsunfall, eine Krankheit würde weit mehr Schäden hinterlassen als eine vom Staat alimentierte Auszeit.
    Und ehrlich gesagt, wer wegen Corona verschwindet hätte auch in Zukunft keine rosigen Zeiten..

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    • Mixology

      Lieber Bastian,
      vielleicht mag das am Anfang der Pandemie ein kurzzeitiges Empfinden gewesen sein; mehr Zeit mit der Familie zu verbringen, etc. Und möglicherweise haben Sie einen anderen Einblick, über den wir nicht spekulieren wollen. Unsere Beobachtung aber zeigt, dass Barbetreiber*innen und Gastronomen sehr wohl lieber ihrem Handwerk nachgehen würden. Mit einer Perspektive und einer Diskussion auf Augenhöhe. Und nicht ihre Zeit damit verbringen müssen, sich ständig ändernden Auflagen anzupassen, sich durch epidemisch-juristisches Vokabular zu pflügen und Antrag um Antrag zu schreiben, um am Ende auch noch als Bittsteller wahrgenommen zu werden. Kurzum: Ihr Geld sehr wohl lieber selbst verdienen würden. Von einer „staatlich alimentierten Auszeit“ zu sprechen ist jedenfalls nicht mehr als Hohn in den Ohren all jener, die aktuell um ihre wirtschaftliche Existenz kämpfen.
      Mit freundlichen Grüßen,
      Die Redaktion

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