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Die Enzyklopädie alkoholischer Heißgetränke, Teil 9: Der Sling

Den Abschluss unserer historischen Reihe über heiße Cocktails bildet die Gattung des „Sling“. Dieser ist ein bekannter Name, bildet dabei jedoch im Grunde – wie wir sehen werden – gar keine eigenständige Kategorie ab, sondern ein Sammelsurium verschiedener Rezepturen.

Vom „Sling“ ist allgemein bekannt, dass er im Zusammenhang mit dem Cocktail genannt wurde. Immer wieder wird auf die 1806 publizierte Definition dessen, was ein Cocktail ist, verwiesen. Der damalige Zeitungsartikel schrieb, dass ein Cocktail aus einer Spirituose jeglicher Art, Zucker, Wasser und Bitter bestehe und gewöhnlicherweise „bittered Sling“ genannt werde.

Auch Israel Acrelius berichtet 1759, aus Delaware kommend, dass ein Sling zur Hälfte aus Wasser und Rum mit etwas Zucker darin bestehe. Für Johann David Schöpf war es 1783 jedoch nur eine Mischung aus Rum und Wasser. Das, was für Israel Acrelius ein Sling war, war für ihn ein Toddy.

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Sling wurde heiß und kalt getrunken

Doch man bereitete einen Sling auch mit anderen Spirituosen zu. Bereits im 18. Jahrhundert verwendete man neben Rum auch Gin. Die Brandy-Variante jedoch scheint zeitweise die beliebteste gewesen zu sein, zumindest in den Büchern des frühen 19. Jahrhunderts, denn sie wird am häufigsten – hauptsächlich in Veröffentlichungen aus dem medizinischen Bereich – genannt. Man trank den Sling heiß und kalt.
Der Sling muss allgemein bekannt gewesen sein, denn wenn über ihn berichtet wird, wird praktisch nicht angegeben, was ein Sling eigenlich ist.

Ein Lexikon aus dem Jahre 1874 über umgangssprachliche Ausdrücke listet Rum-Sling als Alternative zu Rum-Sling und Rum-Punch. Man scheint also auch so etwas wie Punch unter einem Sling verstanden zu haben. Er muss als etwas Traditionelles gegolten haben, denn so berichtet es ein 1855 in New York erschienenes Buch: „Unsere Nachbarn sind keine fortschrittlichen Menschen. Sie wählen den guten alten Weg, den ihre Väter beschritten haben. Sie füttern ihre Babys mit Toddy oder Whiskey Sling (ich weiß nicht, wie sie es nennen) und denken, es tut ihnen gut – es beruhigt sie, wenn sie weinen und läßt sie schlafen.“

Auch die Herkunft der Bezeichnung ist ungeklärt, wenn auch gemeinhin gesagt wird, sie stamme vom deutschen Wort „schlingen“ ab. Wieso dies jedoch so sein soll, darüber berichtet niemand.

Was ist ein Sling?

Um zu verstehen, was man unter einem Sling verstand, bleibt uns aufgrund der schlechten Quellenlage nichts anderes übrig, als in die überlieferten Rezepte ab 1862 zu schauen.

Dabei fällt auf, dass in den ersten Jahren die Rezepte für einen Sling überwiegend einem klassischen, einfachen Skin entsprechen, also einer Mischung aus Destillat, Wasser und Zitronenzeste. Dieses Verständnis nimmt mehr und mehr ab. Insbesondere in den 1940er und 1950er Jahren sind die Rezepte mehr oder weniger undefiniert, also irgendeine Mischung, ansonsten entsprechen sie dem eines Punches.

Andere Slings

Wie passen nun andere Slings wie beispielsweise der Singapore Sling in diese Erkenntnis? Der erste Band des Cocktailian nennt dafür diese Rezeptur für die Variante aus dem Raffles:4 cl Gin, 1,5 cl Kirschlikör, 2 BL Cointreau, 2 BL Bénédictine, 1 cl Grenadine, 1,5 cl Limettensaft, 2 Dashes Angostura Bitters, 12 cl Ananassaft.

Diese Mischung hat nichts mehr mit einem ursprünglichen Sling zu tun. Doch versuchen wir einmal, die DNA des Singapore Slings zu entschlüsseln. Zum einen enthält er Gin als Spirituose. Als Süßung werden verschiedene Liköre verwendet, und als Verdünnung Ananassaft. Mit etwas Phantasie könnte man darin das Grundgerüst eines modernen, einfachen Punches sehen. Nur – Bitter gehören hier nicht hinein. Allerdings kann man den Einsatz des Bitters auch als eine Weiterentwicklung der Verwendung von Gewürzen betrachten, dann wäre das ganze sehr vage so etwas wie ein moderner, gewürzter Punch; aber genauso könnte man dann sagen, ein Cocktail wäre kein Cocktail, sondern trotz seines Bitters ein gewürzter Toddy.

Ein Toddy? Genau, denn der Sling ist keine eigenständige Kategorie, sondern ein Sammelsurium verschiedener Rezepturen. Wenn es überhaupt eine „richtige“ Rezeptur gibt, so ist es anscheinend entweder die Mischung aus einem Destillat mit Wasser und Zucker – das ist ein Toddy – oder ein mit Wasser verdünntes Destillat – das ist ein Grog. Das heißt: Auch wenn immer gesagt wird, der Cocktail sei ein Sling mit zusätzlichem Bitter, ist diese Aussage nicht korrekt. Der Cocktail ist ein Toddy mit Bitter.

Der Sling bleibt im Unklaren

Wieso der Singapore Sling als Sling bezeichnet wird, bleibt im Unklaren. Vielleicht verhält es sich so wie mit den unzähligen xy-tinis der 1980er Jahre (Appletinis, etc.) , die alle nichts mit einem Martini zu tun hatten, dennoch durch ihren Namen aber eine gewisse Verbindung mit diesem suggerieren.

Die Enzyklopädie alkoholischer Heißgetränke

Teil 1: Einleitung

Teil 2: Der Punch

Teil 3: Der Toddy

Teil 4: Der Grog

Teil 5: Der Skin

Teil 6: Der Negus

Teil 7: Der Sangaree

Teil 8: Hot Buttered Rum, Hot Whiskey

Credits

Foto: Editienne

Comments (1)

  • Roland Graf

    Kleine Ergänzung: Leslie Danker, der 37 Jahre im „Raffles“ tätig war, erwähnt in „Memoirs of a Raffles Original“ (Angsana Books, 2010), dass der Sling bereits 1905 in der Long Bar serviert wurde – und zwar als „Gin Sling“. Seine Erklärung für den „Singapore Sling“ ist, dass Ngiam Tong Boon einen Fruit Punch explizit für weibliche Kunden, die keinen harten „liquor“ trinken sollten, kreiert hat.

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