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Die Geschichte des Pousse Café, Teil 5: der französische Salon und seine Folgen

Die Geschichte des Pousse Café, Teil 5: der französische Salon und die Emanzipation der Frau

Pousse Cafés sind heute weitestgehend vergessen und spielen in der zeitgenössischen Barkultur keine Rolle. Trotzdem sind sie für die Drinks-Historie ebenso wichtig wie der Punch. In unserer zehnteiligen Serie „Die Geschichte des Pousse Café“ widmet sich Armin Zimmermann allumfassend den bunten Schichtgetränken. In Teil 5: französische Salonkultur und die Emanzipation der Frau. Und Likör.

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Kaffeetrinken war zu einer Mode geworden, Kaffeehäuser waren beliebt und eine wichtige Institution. Man trank dort nicht nur Kaffee, sondern auch Liköre. Doch um den soziokulturellen Hintergrund des Pousse Cafés möglichst vollständig verstehen zu können, reicht ein Blick auf die Kaffeehauskultur nicht aus. Denn „Kaffee und Likör“ war allgegenwärtig und man reichte ihn auch in Salons. Deshalb müssen wir uns mit der Rolle der Salons und der Emanzipation der Frau beschäftigen.

Faivre's Pousse Cafe

Zutaten

1/3 Bénédictine
1/3 Curaçao (red)
1/3 Kirschwasser (hier: Schladerer)
2-3 Dashes Angostura Bitters

Diese Rezeptur des Faivre's Pousse Cafe entstammt dem Buch „New and Improved Bartender’s Guide“ von Harry Johnson (1882)
Diese Rezeptur des Faivre's Pousse Cafe entstammt dem Buch „New and Improved Bartender’s Guide“ von Harry Johnson (1882)

Definition

Der Brockhaus von 1811 definiert: „Der Salon … heißt bekanntermaßen ein großer Saal in Palästen oder großen Gebäuden, welcher zur Gesellschaft, zum Ball &c. bestimmt ist. In Frankreich wurden ehedem Salons gewisse literarische und ästhetische Zirkel genannt, wo man sich zu feinen geistreichen Unterhaltungen versammelte, und wo öfters die merkwürdigsten Erscheinungen in der Literatur sowol als in der Politik aufs lebhafteste besprochen wurden. Meistentheils standen diese Salons unter der Leitung einer schönen geistreichen Frau, in deren Hause sich dann öfters die ausgezeichnetsten Personen aus allen Ständen versammelten.

Catherine de Rambouillet

Der Salon geht auf Catherine de Rambouillet zurück. Zwischen 1608 und 1665 hielt sie Salon im Hôtel de Rambouillet ab, unweit des Louvres. Sie hatte dieses Haus nach eigenen Plänen umgestaltet, damit es Räume enthielte, die für ihre Empfänge geeignet seien. Hier trafen sich geistig interessierte Hochadelige, Kleinadelige und bürgerliche Intellektuelle. Man übte sich in geistreicher Konversation und galanter Dichtung. Im Hôtel befand sich auch das „Blaue Zimmer“, in dem sie auf einem Bett liegend Schöngeister, Literaten und große Persönlichkeiten zur „Ruelle“ empfang.

„Ruelle“ bedeutet so viel wie „Sträßlein“ oder „Gasse“ und war eine Sonderform des Salons. Man verstand darunter das als Empfangsraum genutzte Schlafgemach hochgestellter Damen im Frankreich des 17. und 18. Jahrhunderts. Im Gegensatz zum normalen Salon hatte man dort einen intimeren Rahmen für Zusammenkünfte.

Jean Chapelain, Gründungsmitglied der Académie française, beschreibt das Hôtel de Rambouillet mit den Worten: „Man spricht dort gelehrt, aber man spricht vernünftig, und es gibt keinen Ort auf der Welt, an dem es mehr gesunden Menschenverstand und auf jeden Fall Galanterie gibt.“ Man unterhielt sich dort, es gab Musik, Tanz und Spiele, es wurden Liebesintrigen gesponnen und gelöst.

Madeleine de Scudérie beschrieb das Hôtel de Rambouillet so: „Die Marquise hat die Kunst gefunden, aus einem Platz von mäßiger Größe einen Palast von großer Weite zu machen. … Alles ist prächtig und sogar besonders … .Die Luft ist immer parfümiert, verschiedene prächtige Körbe voller Blumen sorgen für einen ständigen Frühling in ihrem Zimmer, und der Ort, an dem man sie gewöhnlich sieht, ist so angenehm und so gut ausgedacht, daß man glaubt, sich in einer Verzauberung zu befinden.“ Den Damen kam eine besondere Rolle zu, und ein Gast berichtete: „Die Größe und Helligkeit des Hôtel de Rambouillet inspirierten uns zu einer geistreichen Konversation. Die Frauen ermunterten und befragten uns. Sie hörten uns zu, und wir ihnen.“

Der französische Salon und die Emanzipation der Frau

Dem Vorbild Catherine de Rambouillet folgend wurden in den 1650er Jahren in Paris zahlreiche Salons und Ruelles eröffnet. Diese Art des Empfanges war zu einer Mode unter den Pariserinnen geworden. Man versuchte sich gegenseitig zu überbieten. Die Salonnièren erlangten Einfluss und waren ein Machtzentrum. Madame Geoffrin, um ein Beispiel zu nennen, war eine Bürgerliche, doch sie machte die Bekanntschaft mit einer Kaiserin und war mit einem König befreundet. Sie hatte eine hohe Reputation und das europaweite Prestige ihres Salons zog angesehene Ausländer dorthin.

Die Salonkultur war etwas Französisches. Horace Walpole, der 4. Earl of Orford, schrieb: „Die Kunst des gesellschaftlichen Lebens ist eine französische Besonderheit. Es ist verblüffend, wie einflußreich und frei die Frauen hier sind und wie die Männer ihnen gleiches Interesse entgegenbringen.“ In anderen Ländern gab es nichts derartiges, die sittsame Hausherrin hatte sich nach dem Dessert zurückzuziehen.

Die französischen Salonnièren leisteten so einen wichtigen Beitrag zur Emanzipation. In ihren Salons wurden gelehrte und geistreiche Gespräche geführt. So konnten sie an der damals noch den Männern vorbehaltenen Welt des Wissens teilhaben. Sie wurden zu Vorreiterinnen im Kampf um die intellektuelle Unabhängigkeit der Frau.

Die französische Salonkultur verbreitete sich in Europa. Johann Kaspar Riesbeck berichtete beispielsweise im Jahr 1783 über Empfänge in Wien: „Das Frauenzimmer ist hier allein im Stand, ein gesellschaftliches Gespräche beym Leben zu erhalten. Es sticht durch natürlichen Witz, Lebhaftigkeit und durch mannichfaltige Kenntnisse mit dem hiesigen Mannsvolk erstaunlich stark ab. Ich hab hier in 3 bis 4 ansehnlichen Häusern Bekanntschaft, worin die Herrn in den ersten 5 Minuten am Ende von allem sind, was sie zu sprechen wissen; und ohne Galanterien einzumischen, find ich bey ihren Weibern und Töchtern eine unerschöpfliche Quelle von lebhaftem Gespräche. Es ist wahr, oft wird der Faden des Gesprächs blos durch die natürliche Neugierde des Frauenzimmers fortgesponnen; aber alle Fragen, welche die Neugierde sie thun läßt, verrathen schon einige Bekanntschaft mit dem Gegenstand, worauf sie sich beziehn, oder wenigstens mit dem Gegentheil davon, und sie sammeln dadurch einen Fonds zu neuen Bemerkungen und zur Unterstützung eines neuen Gesprächs. Eben diese Neugierde fehlt den Männern, die überhaupt zu stumpf sind, und zu wenig von allem dem haben, was dem Geist einen Schwung giebt.“

Französische Gepflogenheiten in Europa

Paris wurde im späten 18. Jahrhundert zum kulturellen Zentrum Europas. Infolge dessen verbreitete sich auch der französische Salon in Europa. Er durchtränkte das gesamte Leben der höheren Stände mit Bildung oder Bildungsbedürfnis. Die vornehme Welt versammelte sich zu Salons in den Häusern großer, angesehener Damen. Konversation wurde in einem intimen Rahmen geführt. Es gab keine großen, schwerfälligen Gelage mehr, sondern kleine Abendmahlzeiten, „les petit soupers“, bei denen man von zeremoniösen Hemmungen absah. Infolge dessen entwickelte sich auch die Gastronomie weiter. Qualität der Speisen wurde wichtiger als Quantität, und es war nicht unter der Würde großer Herren, neue Speisen oder Soßen zu erfinden.

So kommt es, dass die kulinarischen Ausdrücke der feinen Küche, die heute noch im Gebrauch sind, die Namen von Gastronomen der Barockzeit tragen. Der Marquise von Béchamel erfand beispielsweise die Béchamel-Sauce. Kaffee, Tee und Schokolade bürgerten sich, wenn auch mit Widerständen, ein und entwickelten sich vom Luxusgetränk der vornehmen Welt zu Volksnahrung und Bedürfnis des täglichen Lebens. Wer Anspruch auf Eleganz erhob, musste Kaffee trinken. Natürlich reichte man nicht nur Kaffee, sondern auch Likör. Der „salle a manger“, das Esszimmer, entstand, getrennt vom Salon, um dort zu speisen. Erstmals seit der Antike gab es wieder ein eigenes Speisezimmer.

John Moore schrieb im Jahr 1779: „Wahr ists, die französischen Sitten hat man fast in jedem Europäischen Lande angenommen: sie herrschen in ganz Deutschland, und an den Nordischen Höfe; sie schleichen sich, obgleich langsamer, in Spanien und Italien ein. Aber nicht in England.“

Auch die französische Sprache war allgegenwärtig. Johann Kaspar Riesbeck berichtete im Jahr 1784: „Ich fand noch keinen Hof in Deutschland, wo nicht eine fremde Sprache herrschte. Die Hofleute, Sachsen ausgenommen, sprechen gemeiniglich ihre Muttersprache am schlechtesten, so erbärmlich auch ihr französisches oder italiänisches Jargon ist. Ohne die französische Sprache kömmt einer nicht einmal an den deutschen Höfen fort. An den meisten derselben hält man es für unanständig und pöbelhaft, seine Muttersprache zu sprechen.“

Die Kultur der Kaffee-Empfänge durchdrang auch Deutschland, nicht nur in Form eines abendlichen Salons, sondern auch in Form eines nachmittäglichen Treffens. Einige kritisierten, dass dadurch keine Zeit mehr für die häusliche Aufsicht übrigblieb, und auch, dass Frauen so vermehrt andere Personen treffen und sich mit ihnen unterhalten konnten. Johann Georg Krünitz schreibt 1784: „Wie sehr es jetzt anders ist, weiß jedermann. Visiten geben und nehmen, mag in beynahe allen nicht gar zu niedrigen Häusern eingeführt, in manchen ziemlich häufig, und in einigen wohl täglich seyn;… Fragt man die Alten, seit wann dieses so herrschend Mode geworden ist, so antworten sie einmüthig: seit man angefangen hat, Kaffe nachmittags zu trinken, oder ein Getränk gehabt hat, womit man seinen Freunden ein Vergnügen zu machen und eine Ehre zu erweisen gemeint habe. Beyde Vorstellungen haben sich wirklich mit dem Kaffe verbunden.“

Fazit

Catherine Rambouillet hielt im 17. Jahrhundert den ersten Salon und lud zu Empfängen ein, auf denen man sich vergnügt in geistreicher Konversation übte. Ihrem Vorbild folgten viele Damen der Gesellschaft, und der Salon wurde zu einer Mode. Die französischen Salonnièren leisteten so einen wichtigen Beitrag zur Emanzipation der Frau, denn sie ermöglichten den Frauen so eine Teilhabe am Wissen der Welt.

Gleichzeitig wurde die Qualität der Speisen wichtiger als die Quantität. Kaffee, Tee und Schokolade bürgerten sich ein, sie wurden zu einem täglichen Bedürfnis. Wer elegant sein wollte, musste Kaffee trinken, und man reichte dazu auch Likör. Diese französische Sitte verbreitete sich in ganz Europa. So waren Kaffee und Likör nicht nur im Kaffeehaus allgegenwärtig, sondern wurden auch allüberall bei gesellschaftlichen Empfängen gereicht.

Eine Grundvoraussetzung für die allgemeine Verbreitung von Likör war sicherlich auch der sinkende Preis für Zucker. Diesem Thema widmet sich der nächste Teil der Serie.

Credits

Foto: Sarah Swantje Fischer

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