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Pousse Café nach William Schmidt (1892)

Die Geschichte des Pousse Café, Teil 6 – Der Aufstieg von Zucker und Likör

Pousse Cafés sind heute weitestgehend vergessen und spielen in der zeitgenössischen Barkultur keine Rolle. Trotzdem sind sie für die Drinks-Historie ebenso wichtig wie der Punch. In unserer zehnteiligen Serie „Die Geschichte des Pousse Café“ widmet sich Armin Zimmermann allumfassend den bunten Schichtgetränken. In Teil 6 geht es um die gesellschaftliche Verbreitung von Zucker und dadurch auch Likör. Beides ebnet den Weg für den Pousse Café.

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Bevor wir uns dem Pousse Café näher zuwenden, müssen wir uns noch mit Zucker und Likör beschäftigen, denn diese sind Bestandteil des Pousse Cafés. Likör konnte nur erfolgreich werden, weil Zucker zu einem erschwinglichen Gut wurde.

Im Osmanischen Reich

Im Osmanischen Reich trank man Kaffee ungesüßt. Es waren wohl die in Konstantinopel ansässigen Christen, insbesondere die Griechen, die damit begannen, Kaffee zu süßen.

Man trank im Osmanischen Reich aber auch schon Likör, und zwar nicht nur bei den Christen. Hanna Diyāb berichtet, wie einer seiner Gastgeber sich daran erinnerte, wie dieser um 1700 einen französischen Händler, den er zum Freund hatte, besuchte: „Mein bester Freund war der Chawādscha Rimbaud, er sprach auch Türkisch. Ich besuchte ihn häufig und trank Früchtelikör bei ihm. Er hatte einen Lagerverwalter, der Antūn hieß und mir Likör brachte.“ Hanna Diyāb lässt uns wissen: „Als ich dies hörte, erbleichte ich. Ich meinte, er habe mich wiedererkannt und gemerkt, daß ich ein Lügner war. Denn der Chawādscha Rimbaud war mein Meister gewesen und auch der meines Bruders Antūn, und ich war es, der ihm den Früchtelikör gebracht hatte und ihm zu Diensten gewesen war.“

Der Genuss von Likör nach dem Kaffee wurde unzweifelhaft in Paris beliebt und verbreitete sich von dort aus über Europa. Die Frage ist jedoch: Wurde er aus Paris von Kaufleuten nach Aleppo gebracht, oder war er etwas, das bereits im Osmanischen Reich praktiziert wurde? Sicherlich war der Genuss von alkoholischen Getränken Muslimen in der Regel verboten, aber doch gab es immer wieder Ausnahmen und nicht alle Muslime hielten sich daran. Kann es vielleicht sogar so sein, dass ein Likör nach dem Kaffee eine Erfindung des christlichen Orients ist? Wir werden es wohl nie erfahren.

Pousse Café nach William Schmidt (1892)

Zutaten

1/6 Maraschino
1/6 Curaçao
1/6 Bénédictine
1/6 Chartreuse verte
1/6 Brandy
1/6 Créme de Roses oder Himbeersirup

In Frankreich und Europa

Mit der Kaffeemode wurde in Europa auch die Verwendung von Zucker populär. Man gab davon reichlich in den Kaffee. Man gab durchaus viel davon hinein, und manche sprechen gar von einem „Sirup aus geschwärztem Wasser“. Doch nicht alle waren so maßlos.

Vielleicht liegt der Grund dafür, dass man in Frankreich nicht nur Kaffee, sondern auch Likör genoss, darin begründet, dass Katharina von Medici, die durch die Heirat mit Heinrich II. ab 1547 Königin von Frankreich wurde, die Kultur des Likörtrinkens am französischen Hof einführte. So kam auch Likör in Mode und wurde regelmäßig getrunken. François Massialot schrieb 1712: „Liköre gehören nicht zu den geringsten Annehmlichkeiten des Lebens, und es gibt erfrischende für den Frühling und den Sommer, und andere, die stärken und Wärme spenden, nicht nur mit der Absicht, nützlich zu sein.“

Steigender Zuckerkonsum

Der Mehrverbrauch an Zucker geht einher mit der Reduzierung seiner Preise. In England zahlte man im Jahr 1600 fast 30 pence pro 250 Gramm; 1700 war es nur noch ein Drittel davon, um 1850 sogar nur noch 5 pence. So wurde Zucker für breite Bevölkerungsschichten erschwinglich. Damit einher ging auch, dass Liköre erschwinglicher wurden. Zucker wurde von einem Luxus für Könige zu einem königlichen Luxus der Bürger. Hofkonditoren begannen, aus Zucker dekorative Zucker-Kunstwerke herzustellen; sie modellierten für Festmahle Schlösser, Burgen oder Jagdszenen, Fabelwesen oder chinesische Tempel. Auch die bürgerliche Kundschaft gönnte sich dieses Vergnügen, und so entstanden nach 1800 zahlreiche Bücher mit Abbildungen dieser Kunstwerke.

Fazit

Das Süßen von Kaffee mit Zucker war eine Erfindung der Christen in Konstantinopel. Um 1700 trank man im Osmanischen Reich auch Likör. Wir wissen jedoch nicht, ob die Sitte, mit oder nach einem Kaffee auch einen Likör zu trinken, auch von ihnen stammt. Da das Trinken von Likör durch Katharina von Medici in 16. Jahrhundert in Frankreich eine Mode wurde, kann es auch sein, dass dieser Brauch in Frankreich entstand.

Anfänglich war Zucker teuer; je preiswerter er wurde, desto mehr wurde konsumiert, und auch Liköre wurden allgemein erschwinglich. Erst dadurch konnte sich die Sitte des Likörtrinkens bei allen Bevölkerungsschichten etablieren.

Im nächsten Teil dieser Serie kommen wir nun endlich zum Pousse Cafe, oder wie man ihn ursprünglich überwiegend nannte: zum Chasse Café.

Credits

Foto: Sarah Swantje Fischer

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