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Die Mixology-Verkostungsrunde im April 2022

Auch im April haben wir wieder einige Produkte verkostet. Manche davon sind neu, manche gibt es schon länger auf dem Markt. Aber alle machen sich hervorragend im Glas. Diesmal mit dabei: Quittenbrand aus Großbritannien, Gin aus Hamburg, Erdmandelbrand aus dem Schwarzwald, rosafarbener Mezcal und Lakritz in der Flasche.

Giffard Alkoholfrei
Capreolus wird in den britischen Cotswolds hergestellt

Capreolus Distillery: Quince Eau de Vie

Nordöstlich von Bristol hat es sich Barney Wilczak mit seiner Capreolus Distillery zur Aufgabe gemacht, aus vollreifen Früchten das bestmögliche Destillat herauszuarbeiten. Optisch und preislich positioniert er sich ganz klar im Premium-Segment. Wir testen aus seinem Sortiment das Quitten-Eau de Vie, das in einer schönen, schlanken Flasche mit klarem, handbeschriebenen Etikett daherkommt.

So weit, so schick. Schauen wir einmal, wie der Flascheninhalt am Gaumen macht. Kristallklar liegt die Flüssigkeit im Glas, sofort verbreitet sich ein kräftiger, fruchtiger Duft. Leichte Anklänge von Birne, aber dunkler, mit mehr Wucht und dem Aroma von Honig. In den nächsten Minuten entwickeln sich dann leichtere und frischere Noten, Zitruszeste und grüner Apfel bleiben in der Nase. Da man Quitten in den seltensten Fällen roh verzehrt, ist bei den meisten Menschen lediglich der Geschmack von verarbeiteten Früchten abgespeichert, man kann daher bei diesem Destillat kaum Bezug zu frischem Obst herstellen. Muss man aber auch nicht. Auf der Zunge überzeugt Capreolus genau so wie in der Nase. Volles Fruchtaroma belegt den Gaumen und bleibt dort für eine gefühlte Ewigkeit. Ein fantastisches Aroma, das ich in einem Obstbrand nur sehr selten so präzise und angenehm erlebt habe. Preislich alles andere als im Mixsegment angesiedelt, ist dieser Eau de Vie sicher eine Bereicherung für manch edle Backbar.

Flaschengröße: 375 ml
Alkoholgehalt: 43%
UVP: ca. € 115,-
Vertrieb: Charles Hosie GmbH

Hamburg Zanzibar: Tumeric Raw Gin

Endlich! Ein neuer Gin, der mit dem Versprechen auf den Markt kommt, in Zukunft alle anderen Gins vergessen zu können. Das macht die Planung im Rückbuffet in Zukunft deutlich einfacher. Die Barwelt kann sich also bei den Machern von Hamburg Zanzibar Gin bedanken. Was diesen Gin so außergewöhnlich macht? Er ist inspiriert von der Gewürzinsel Sansibar und bekommt eine große Ladung Kurkuma spendiert.

Aus der braunen Apothekerflasche fließt, wenig überraschend, eine klare Flüssigkeit in das Verkostungsglas. Jede Menge Botanicals lassen sich erriechen, wobei Wacholder nicht unbedingt am dominantesten ist. Pfeffrige Noten und eine „exotische Schärfe“ sind deutlich wahrnehmbar. Steht der Gin eine Weile im Glas, schält sich ein dominanter Gurkengeruch hervor.

Leichte Spannung vor dem ersten Schluck – wer weiß, vielleicht werde ich nie wieder einen neuen Gin probieren? Sehr rund, gar nicht so stürmisch wie angepriesen und durchaus lecker. Die Wacholdernote bleibt dezent und die warme Schärfe hat ganz klar die Oberhand. Dabei sind die 45% Vol. sehr harmonisch eingebunden. Sowohl der Gin & Tonic als auch der Gimlet, den ich mir als Testcocktail mixe, schmecken hervorragend. Trotz der vollmundigen Ankündigung eine durchaus positive Überraschung. Sicher nicht der letzte Gin, den ich probieren werde, aber einer, den ich durchaus öfter trinken mag.

Flaschengröße 500 ml
Alkoholgehalt: 45% Vol.
UVP: € 33,50
Vertrieb: Eigenvertrieb

Der Gin aus Hamburg konnte international schon mehrfach reüssieren
Lakritz spaltet die Gemüter. Lakrids nicht.

Lakrids by Bülow: Root & Cocoa

Lakritz ist ja durchaus ein streitbares Thema. Manche lieben es, andere hassen es. Dazwischen gibt es nur wenig. Aber zum Beispiel mich. Ich mag Lakritz, aber mir fallen auch noch einige andere Dinge ein, die ich vorher essen würde. Ein bißchen gecatcht haben mich die Lakritzpralinen von Bülow schon, aber hier kann man durchaus streiten, wie viel Lakritz noch in den fruchtigen Kugeln ist. Sie machen sich auf jeden Fall sehr hübsch als Deko auf einem passenden Drink.

Der Likör aus gleichem Hause ist nicht mehr ganz neu, aber wurde von uns noch nicht verkostet, und da man flüssige Lakritze nicht jeden Tag im Glas hat, wollen wir uns das einmal ansehen. Die schicke Designerflasche ist mir praktischem Ausgiesser versehen, wodurch sich die dunkelbraune Flüssigkeit kleckerfrei ins Glas bringen lässt. Der Alkohol ist in der Nase kaum wahrnehmbar, aber intensive Aromen von Süßholz, Karamell, Vanille und Kakao sind sehr dominant. Geschmacklich sehr harmonisch, typische Lakritznoten sind im Vordergrund, schön abgerundet von Kakao und Vanille. Der Espresso Martini, der damit gemixt wurde, ist großartig, und der Likör ist eine tolle Einladung, um damit zu spielen. Eine kleine Prise Salz macht noch einmal einen großen Unterschied. Wer so richtig auf Lakritze steht, für den hat Bülow noch zwei Sirups im Angebot, um damit kreativ zu werden.

Flaschengröße: 500 ml
Alkoholgehalt 18% Vol.
UVP: € 25,-
Vertrieb: Eigenvertrieb

Schray's Distillery: Erdmandelbrand

Die gebürtige Schwarzwälderin Katrin Schray hat eine weite Reise hinter sich gebracht, bevor sie als Brennerin in ihrer eigenen Destillerie in Baiersbronn angekommen ist. Die staatlich geprüfte Brennereifachfrau eröffnete 2014 die erste Brennerei Ostafrikas in Ruanda, wo sie exotische Brände produzierte und exportierte. Als direkte Folge der Coronapandemie wurden 2020 alle Ausländer aus Ruanda evakuiert und Katrin Schray musste ihre Destille stilllegen. Kurz drauf errichtete sie ihre neue Heimat in Baiersbronn und widmet sich seither exotischen Destillaten aus regionalen Rohstoffen.

Einer dieser spannenden Rohstoffe ist die Erdmandel – eine Sauergrasart, die sich als aggressiver Neophyt mittlerweile in Süddeutschland ausgebreitet hat. Die Knolle ist essbar und kann in verschiedener Form verwendet werden. Unter anderem zum Destillieren. Das Ergebnis ist dann zum Beispiel dieser Erdmandelbrand. Beim ersten Schnuppern könnte man beinahe glauben, man habe einen Vodka oder Getreidebrand vor der Nase. Erst nach ein paar Sekunden zeigt sich ein nussiges Aroma, das deutlich mehr an Haselnuss erinnert als an Mandel. Dieses Aroma setzt sich im Geschmack nahtlos fort. Cremig und voluminös ist der Brand und hat ein tolles, nussiges Aroma, irgendwo zwischen Haselnuss und einem klein bißchen Pandan. Die 40% Vol. spürt man, sind aber toll eingebunden und transportieren die Aromen sehr schön. Und das Beste, die Erdmandelbrände sind für Menschen mit Nussallergie geeignet.

Flaschengröße 350 ml
Alkoholgehalt 40% Vol.
UVP: € 27,99
Vertrieb: Schray’s Distillery (Eigenvertrieb)

Der Erdmandelbrand ist eines der Signature-Produkte der noch jungen Brennerei
Der rote Farbstoff wird traditionellerweise von der „Gran Cochinilla“, einer mexikanischen Lausart, gewonnen

Pedro de San Juan Mezcal: Con Grano Conchilla

Mezcal findet immer mehr Freunde, kaum eine Bar, in der es nicht den ein oder anderen Drink mit dem oftmals rauchigen Mexikaner im Angebot hat. Mack Spirits vertreibt seit einiger Zeit die Produkte von Pedro de San Juan Mezcal, und unter den verschiedenen Sorten befindet sich auch eine kleine Besonderheit. Rosarot leuchtet dieser Mezcal aus der Flasche und macht neugierig. Ein klassischer Mezcal, eingefärbt mit dem „Gold Oaxacas“, der Gran Cochinilla – oder der gemeinen Schmierlaus, wie es ins Deutsche übersetzt heißt. Dieses Insekt lebt auf den Kakteen der Region und wird seit vielen hundert Jahren als roter Farbstoff – im allgemeinen als Karmin bekannt – verwendet. Bis ins 18. Jahrhundert hinein war der Farbstoff drittteuerstes Exportgut nach Gold und Silber und wurde – und wird – zum Färben von Textilien und Lebensmitteln benutzt.
Dieser Geschichte zollt man mit dem gefärbten Mezcal auf schöne Art und Weise Respekt.

Sobald man ein Glas einschenkt, erfüllt sich der Raum mit dem Aroma von Rauch, Speck und leichter Fruchtigkeit. Im Vergleich zu anderen Mezcals ist der rauchige Geschmack eher mild und hintergründig, man bekommt nach ein paar Minuten eine leichte, limonige Note. Im Mund dann vor allem viel Kraft. Trockene, rauchige Agave mit viel Wumms und langem Nachhall; leichte, fruchtige Bitternoten und auch im Geschmack ein herrlicher hintergründiger Rauch, der die ganze Zeit mitschwingt. Die Färbung dürfte geschmacklich kaum einen Unterschied machen, bringt aber im gemixten Drink eine schöne Optik. Der gemixte Old Fashioned schmeckt jedenfalls hervorragend und sieht auch noch sehr schick aus.

Flaschengröße: 700 ml
Alkoholgehalt 42,3% Vol.
UVP: ca. 48,-
Vertrieb: Mack Spirits

Die Verkostungsrunde ist ein rein redaktioneller Beitrag. Die Auswahl der Produkte erfolgte unabhängig, die Proben werden teilweise von den Produzenten zur Verfügung gestellt. Es erfolgt jedoch keinerlei Einflussnahme auf den Text und die Bewertungen.

Giffard Alkoholfrei
Credits

Foto: Marco Beier

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