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Die „School of Spirits“

Begriffe wie „Schule“ und „Studium“ sind für gewöhnlich nicht gerade dazu gemacht, Produkten ein sonderliches Sexappeal zu verleihen – so könnte man meinen. Dass wir Mixologen da skeptisch sind, war ja klar.

Auf dem Gymnasium wurde uns der Vodka in der Regel abgenommen. Nach der Schule besteht dann immerhin die Möglichkeit, eine Ausbildung zum (Edelbrand-) Sommelier zu machen, wenn man es mit den Destillaten wirklich ernst meint. Die Tiefernsten nehmen den Weg über die Kupferblasen des Destillateurs – die Bierernsten naturgemäß den über die Sudpfannen des Braumeisters.

In Kentucky bietet die Moonshine University sogar Seminare über The Art and Science of Distilling an und überhaupt wuchert es auch in Deutschland mittlerweile an trinkreichen Lehrformaten vom Tasting bis zur Whisky-Akademie.

Aus Ljubljana ans heimatliche Lernpult

Bei den meisten Ausführungen der Trinkschule muss man jedoch zumindest das Haus verlassen. Man muss einen ganzen Haufen Zeit einplanen, sich komplett anziehen und andere Menschen aushalten. Das ist mit dem britisch-slowenischen Spirituosenclub Flaviar für vornehmlich Mais-, Malz- und Zuckerrohrdestillate nicht mehr nötig.

Nötig ist entweder der kostenlose Eintritt in die Community für die schriftlichen Lehrunterlagen oder der Kauf selbiger plus Tasting Packs – in London geordert, in Ljubljana verpackt und an wahlweise den Schreib- oder Sofatisch geliefert.

Bislang haben die Kuratoren der Kneipe für den Kopf 16 verschiedene Tasting Packs mit insgesamt 80 Spirituosen zusammengestellt. Konzipiert für drei Schüler des Geschmacks, wählt man zwischen zwei Packs für 72 Euro, sechs Packs für 180 Euro oder zwölf Packs für 320 Euro. Jeweils eines im Monat und dann wird man begleitet von einem siebentägigen E-Mail-Kurs.

Schritt für Schluck durch die Schule des Geschmacks

Unter die Lupe nehmen wir das Whiskies of the World-Pack. Dieses enthält einen Quinta Ruban aus dem Hause Glenmorangie, den indischen Amrut, einen Greenore aus Irland von acht Jahren, Nikkas zehnjährigen Yoichi und den Schweizer Santis Malt, zu je 45 Millilitern. Das Design ist mondän-medizinisch, passenderweise liegen zwei Beipackzettel bei.

Einer davon führt in erfreulich erfrischender Sprache „Step-by-Step (Ooh baby)“ in die Kunst des Schmeckens ein, der andere geht auf die einzelnen Whiskys ein und erteilt uns von Farbe bis Abgang eine Lektion nach der anderen.

Liebevoller kann Lernen kaum sein: es gibt eine „Trivia & Smart Ass Corner“ für genau die Random Facts, die klugen Glanz und Gloria am Stammtisch garantieren, sowie Empfehlungen im Blick auf Fragen, die man sich zu stellen eigentlich nur Google traut. Spucken oder Schlucken, Wasser oder Eis und von Tulpengläsern für die optimale Blume.

Spätestens beim Blick auf die handschriftliche Unterschrift des Zuständigen aus dem „inspectian team“ mit „lots of love“ löst die Schnapsakademie neu gewähnte Professorenträume aus und die Anweisungen zur Verköstigung des torfigen Santis – „Just peat it“ – lassen alle apollinisch-dionysischen Grenzen verschwimmen.

„Tasting is Believing“

Auch die täglich zugesandten Mail-Unterlagen halten eine Balance aus professioneller Einführung und origineller Unterhaltung ein. Die erste Lektion erklärt aufgrund kommentierter Grafiken, diesmal auf Deutsch, „Wie man verkostet“. Da lernt man beispielsweise, dass es neben den in der westlichen Welt geläufigen Geschmacksqualitäten auch „Umami“ gibt – damit werden pikante Aromen erfasst. Die Woche der aromatischen Akademie ist danach gespickt mit Whisky-, Rum-, Gin-, Bourbon-, Tequilla- und Cognactagen.

Das schöne an jeder Einheit ist die Mischung aus ganze Hörsäle füllenden Hard Facts der Herstellung und Historie, aus der vehement vermittelten Freude am Flüssigen und aus Empfehlungen für Mixgetränke und Meinungsbildung. Und damit punktet Flaviar im Wesentlichen – zwar kann und soll zu jeder Lektion das passende Tasting Pack bei Flaviar bestellt, vor allem aber der individuelle Horizont des Hochprozentigen aufgehellt werden.

Ganz gemäß des in jeder Einheit erwähnten Kredos „Tasting is Believing“, geht es der Flaviar-Crew, nach Aussage des Marketers Jan Vranjek, besonders um die Besinnung auf das Schmecken als ein soziales Ereignis, das genau zwischen Theorie und Praxis verortet werden muss. Bis auf die Abgabe der Mail-Adresse ist die hochprozentige Plattform sehr datenfreundlich und vermittelt nicht das Gefühl einer Abo-Falle – wenngleich das System des virtuellen aber weisen „Uncle Flaviar“ nahezu ausschließlich über Abonnements funktioniert.

Zertifizieren statt Zechen

Fallen tun hier höchstens Vorurteile gegen nicht einzuholende Connaisseur-Fähigkeiten und die Kluft zwischen Theorie und Praxis. Zum Beispiel mit einer Abfrage am Ende einer jeden Lektion – die im Niveau zwar den Preisfragen in einer Werbepause auf Rtl II gleicht, dafür jedoch etliche aromatische Augenzwinker in petto hat.

Und wie jede Ausbildung endet auch diese mit einem eigens von „Uncle Flaviar“ unterschriebenen „Certificate of Spirited Achievements“. Eine solche Investigation, den Lehrlingen Lust an der Sache zu machen, gab es wohl zuletzt in der Grundschule. Den Vodka zu konfiszieren, hat jedenfalls nur selten zum gepflegten Trinken beigetragen. Hilfreicher wäre wahrscheinlich eine Einheit über Kartoffelschnaps gewesen – wie wir jetzt wissen.

Credits

Foto: Mann an Laptop und Whisky via Shutterstock. Postproduktion: Tim Klöcker

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