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Der digitale Bartender: Zögerst du noch oder zoomst du schon?

In Zeiten der Coronakrise kommt die Barszene an einen Punkt, mit dem sich andere Industrien schon lange beschäftigen müssen. Stichwort: Digitalisierung. Aber geht das überhaupt, Bar digital? Und wenn ja, auf welche Weise?

So fühlt er sich also an, der Barabend der Zukunft. Statt in das einladende Gesicht eines Bartenders schaut man nun erst mal in das eigene, verwirrte Antlitz. Ja, die eigene Webcam funktioniert. Bestätigen. Statt der üblichen Frage „Auf welchen Drink habe ich heute Lust?“ gehen einem eher andere Themen durch den Kopf. Etwa: War meine Haut schon immer so pink? Ist der Webcam-Check überstanden, geht es in die Konferenz.

Hier warten mehr fragende Gesichter; Menschen in ihren Wohnzimmern, Menschen, die von oben in ihre Kamera starren, Menschen, die regungslos vor dem Bildschirm sitzen. Erste Assoziation: Irgendwas zwischen Work-Conference und FaceTime mit den Schwiegereltern. Der Bartender des Abends, Dominic Mölzl, ist bis jetzt nur eine gespenstische Stimme aus dem Off, die den Teilnehmern Ratschläge zur Beseitigung technischer Probleme gibt. So vergeht die erste Viertelstunde, wie sie viele schon aus den Homeoffice-Zoom-Konferenzen bekannt sein dürfte.

Dann, als alle Problemchen beseitigt sind, erscheint auch ein Bild zur Stimme. Zu sehen ist der Bartender hinter dem gut ausgeleuchteten Tresen der Krake Bar in München. Ich schalte auf Vollbild, was das Ganze gleich einen Hauch realer wirken lässt. Direkter, irgendwie. Es folgt eine kurze Vorstellungsrunde, dann geht es weiter mit ein wenig Grundwissen zur Spirituose des heutigen Abends, dem Rum. Fleißig halten alle Teilnehmer die eigenen Flaschen in die Kamera, bevor es an den ersten Drink geht, einen Mai Tai. Den macht Dominic Mölzl einmal vor, dann wird ein zweiter gemischt, bei dem die Teilnehmer jeden Schritt mitmachen. Das gemeinsame Mischen verleiht dem digitalen Miteinander dann doch etwas Reales. Die Möglichkeit, jederzeit Fragen zu stellen, hilft, sich daran zu erinnern, dass da wirklich gerade jemand im selben Moment hinterm Tresen steht. Und gut schmecken tut er auch, der selbstgemixte Mai Tai.

Der digitale Barabend: Zoombie und Moscow Mute?

Besondere Zeiten, besondere Maßnahmen

Mit seinen Shakenights – so der Name dieser Veranstaltung – hatte Wolfgang Mauer ursprünglich etwas anderes geplant: Nämlich einen Barabend, der den Leuten ermöglicht, ihre Handys einfach mal ein paar Stunden beiseite zu lassen und sich unter Aufsicht eines Profi-Bartenders ganz dem analogen Mixen hinzugeben. Seit Anfang 2019 war er in über 10 Städten aktiv, hatte insgesamt etwa 1.000 Shakenights durchgeführt und war vor dem Shutdown gerade dabei, den Umfang auf 20 Städte zu erhöhen. Trotzdem war er einer der Ersten, die ihr Konzept auf ein Online-Angebot umgestellt haben. Nun wird also per Zoom-Konferenz live aus einer deutschen Bar auf den heimischen Rechner übertragen, an dem ich mich wiederfinde.

„Das einzige, was wir seit dem Kontaktverbot nicht mehr machen können, ist Menschen offline zusammenzuführen. Social Distancing ist aber eigentlich nur Physical Distancing. Deswegen versuchen wir, die Leute jetzt social zu connecten, während sie zuhause bleiben“, erklärt Wolfgang Mauer den Gedanken hinter der Umstellung.

Wahrlich, es sind besondere Zeiten, das bekommt jeder in der Branche zu spüren. So digital wie heute musste Bar noch nie sein. Wie sie damit umgehen, das loten die Barschaffenden gerade individuell aus. So auch Chloé Merz. Die Bartenderin, vor Kurzem aus Basel, wo sie im Angels‘ Share tätig war, nach Hamburg gezogen, hatte auf Instagram damit begonnen, ihren Followern Drinks zusammenzustellen – aus dem, was diese gerade so da hatten. Per Foto konnte jeder ihr die eigenen Spirituosen schicken und sie antwortete mit einem spontanen Rezept.

Digitales Bartending zur Belebung der Kreativität

„Das hatte eigentlich als Spaß mit einer Kollegin angefangen, die nicht wusste, was sie mit einer Flasche Portwein machen sollte. Ich habe das dann als Angebot an alle gepostet, um der Langeweile der Quarantäne mit ein wenig kreativer Ablenkung zu begegnen“, erinnert sie sich. Die Nachfrage war enorm. So enorm, dass sie sogar einen PayPal-Link einrichtete, bei dem man sich mit einem Trinkgeld für die Inspiration bedanken konnte. „Für mich stand bei der Sache die Solidarität im Vordergrund. Ich wollte den Leuten ermöglichen, Drinks zu mixen, ohne das Haus zu verlassen – in dem sie kreativ werden mit dem, was da ist. Natürlich hat es mich gefreut, dass etwa Dreiviertel der Leute mir ein kleines Trinkgeld überwiesen hat.“

Langfristig könne das Digitale jedoch nie ein Ersatz werden für das, was Bar für sie ist, so Chloé Merz. Diese lebe zum großen Teil vom physischen Raum, in den Menschen eintreten und zu Gästen werden. Neben der offensichtlichen ökonomischen Krise sieht sie die Bartreibenden vor allem in ihrer sozialen Natur geschädigt. Denn das seien nun mal alles sehr soziale Menschen, die sich für ein Leben hinter dem Tresen entscheiden. Denen fehlten nun einfach die Begegnungen und der Austausch.

 

„Wer jetzt noch denkt, dass er auf Social Media verzichten kann, der ist bald nicht mehr da!“

Nicolas Kröger, Bar Wagemut

Chloé Merz vermisst den sozialen Aspekt der Bararbeit
Chloé Merz vermisst den sozialen Aspekt der Bararbeit
Nicolas Kröger in seiner Bar Wagemut
Nicolas Kröger in seiner Bar Wagemut

Ich streame, also bin ich … digitaler Bartender

Das geht allerdings nicht jedem so. Nicolas Kröger, seineszeichen Rum-Produzent und Besitzer der Bar Wagemut in Berlin, genießt die Auszeit zuhause. Nach dem Motto: „Nicht jammern, sondern machen!“ nutzt er das Eingesperrtsein, um die eigene Marke zu stärken. Praktisch über Nacht hat er sich massiv auf Onlinearbeit verlegt. Auf fast allen sozialen Medien ist er jetzt präsent. Er produziert einen eigenen Podcast und lädt Videos auf Youtube hoch. In denen präsentiert er Do-it-yourself-Cocktail-Mixanleitungen mit Haushaltsgegenständen, oder er referiert eine halbe Stunde am Stück über die Unterschiede in der Rumproduktion.

Gerade die Videos und Podcasts seien ihm ein persönliches Steckenpferd. Denn wo sonst habe man schon mal Zeit, eine gute halbe Stunde geballtes Nerdwissen an die Zuhörerschaft zu bringen? In der Bar sei für so was meistens kein Platz. Doch neben aller fachlicher Kompetenz sei es vor allem wichtig, den Leuten positive Energie zu geben: „Die Menschen bekommen doch sowieso jeden Tag gesagt, dass Corona scheiße ist. Das müssen sie ja dann nicht noch mal von mir hören!“

So geht Nicolas Kröger auf jeden einzelnen Kommentar ein, steht ständig mit den Followern in Kontakt. Das erledigt sich natürlich nicht mal eben nebenbei: Fünf Stunden am Tag investiert der umtriebige Gastronom in seine Internet-Präsenz. Sechs Tage die Woche. Aber die Mühe lohnt sich. Schon jetzt bekomme er viele Nachrichten von Menschen, die sofort in seine Bar kommen wollen, wenn diese wieder offen sei. Auch die Einbrüche beim Rumverkauf, die der Einzelhandel zu spüren bekam, habe er durch den gesteigerten Kontakt zu den Endverbrauchern nicht nur ausgleichen können, die Zahlen seien besser denn je. Vor allem der ländliche Raum, fernab der urbanen Hipsterszene, sei durch die neuen Medien für Barkultur erreichbar. Was die Zukunft der Branche angeht, ist Krögers Position radikal: „Wer jetzt noch denkt, dass er auf Social Media verzichten kann, der ist bald nicht mehr da!“

Moscow Mute statt Moscow Mule

Den Übergang vom urbanen aufs ländlichere Publikum beobachtet auch Wolfgang Mauer. Vor allem an den Bestellungen der Mix-Sets sehe er, dass in der Krise vor allem der ländliche Raum gesteigertes Interesse an seinem Angebot zeige. Auch an der heutigen, eingangs beschriebenen Shakenight sind Gäste aus allen Ecken Deutschlands dabei. Gemeinsam sind wir mittlerweile bei unserem dritten Drink angekommen, einem Basil Daiquiri. Nach jedem gemeinsamen Mixen gibt es eine fünfminütige Pause. Gegenseitig beobachten wir uns beim Schlürfen der eben gemixten Drinks. Versuchsweise deaktiviere ich die Stummschaltung meines Mikrofons, frage in die Runde, wer welchen Drink am meisten mochte. Die Frage wird dankbar angenommen, alle aktivieren das eigene Mikrofon, Antworten werden in den Raum geworfen, Hände mit Zahlen ins Bild gehalten.

Doch genau so schnell wie die Unterhaltung aufgekommen ist, erstarrt sie auch wieder. Ein bisschen betretenes Schweigen entsteht zwischen den Teilnehmern, ratlose Gesichter schauen aus ihrem Bildschirm. Dann fährt die erste mutige Hand wieder zum Mute-Button. Zehn Sekunden später haben sich alle wieder stumm gestellt, führen die eigenen Privatgespräche weiter. Die Lippen bewegen sich, es wird gedeutet und getrunken, aber eben jeder Bildschirm für sich. Das spontane Kommunizieren nach dem zweiten, dritten Drink – ein beliebter Grund, um überhaupt in eine Bar zu gehen -, steht im krassen Gegensatz zu dem bewussten An-und Ausschalten eines Mikrofons.

Der digitale Bartender und die Mimik

Das beobachtet auch Dominic Mölzl. „Viel von dem, was die Shakenight eigentlich sein sollte, lässt sich online natürlich nicht umsetzen. Wir wollten ja eigentlich eine analoge Gegenbewegung zum digitalisierten Alltag darstellen. Früher sind Leute in Bars gekommen, um andere Menschen kennenzulernen. Heute gehen sie in Bars, um Tinder-Dates zu treffen, die sie online verabredet haben. Und starren dabei ständig auf ihr Handy.“ Eine seiner Techniken, um die Leute ins Gespräch zu bringen, sei das strategische Verknappen von Zutaten. So müssen die Leute untereinander interagieren, kommen ins Gespräch. Mit einem Tisch voller Ingredienzien vorm eigenen Laptop ist das natürlich nicht möglich. Auch die Gespräche untereinander lassen sich schwer fokussieren, schließlich hört jeder jeden in der identischen Lautstärke.

„Ein großer Unterschied ist auch die reduzierte Mimik und Gestik meiner Zuschauer. Online ist es viel schwerer zu sehen, welche Witze funktionieren, wie ich mit meinem Publikum interagieren kann.“ Abhilfe schaffe da vor allem das Fokussieren auf einzelne Bildschirme, bei denen eine Verbindung zu den Teilnehmern entsteht. Was ihm ebenfalls nicht leicht falle, sind die Hintergründe. Denn in der Tat, es sind ja nicht nur Menschen vor der Kamera, es sind ganze Wohnungen. Das erzeugt auch bei mir eine eigenartige Intimität, die es im normalen Barbesuch so nicht gibt. Das blende man am besten einfach aus, so Dominic Mölzl.

Dominic Mölzl, Krake Bar München

Daiquiri

Zutaten

7-8 cl leichter, weißer Rum
3 cl frischer Limettensaft
2 BL feiner, weißer Rohrzucker

Wir sitzen alle im selben Boot

Für ihn liegt der Mehrwert im digitalen Shaken vor allem darin, dass er den Leuten einen schönen Abend bereitet. In die Gastronomie gehe man ja sowieso nicht, um reich zu werden. Auf was es guten Gastronomen ankomme, sei ja vor allem das Genießen der Gastgeberrolle, aber in Zeiten der Quarantäne sei es damit nicht weit her.

Um so froher sei er dementsprechend über ein Angebot wie das der Shakenight. Alleine, um etwas zu tun zu haben. Bei den ursprünglichen Live-Angeboten verdienen die Bartender im Schnitt 60 bis 100 Euro pro Nacht, so Wolfgang Mauer, „mit dem einen oder anderen Ausreißer nach unten und oben“. Die Drinks, die Besucher normalerweise oft im Anschluss trinken, entgehen den Bars in Zeiten der Webcam-Übertragungen logischerweise.

Doch natürlich sieht Mölzl auch die Wichtigkeit, die eigene Marke zu pflegen. Man brauche sich da nichts vormachen, uninteressant könne jeder werden. Gerade in der Zeit der Krise, in der der Fokus auf anderen Dingen läge, gehe das ganz schnell. Umso mehr freut er sich jedoch über die Solidarität innerhalb der eigenen Szene: „Bei uns in München kann ich beobachten, dass sich Läden gegenseitig pushen, die eigentlich in Konkurrenz zu einander stehen. Im Moment zählt für uns vor allem der Zusammenhalt.“ Und der ist wichtig. Denn die stiefmütterliche Behandlung, die die Gastronomie im Augenblick seitens der Politik erfährt, kann durchaus zur Verzweiflung bringen. Um so wichtiger wird der soziale Austausch, der Rückhalt untereinander. „Wir sitzen alle im selben Boot,“, sagt Dominic Mölzl. Oder wie Chloé Merz ergänzt: „Wir sind die Ersten, die zumachen, und die Letzten, die wieder öffnen dürfen!“

Digitale Bartender das Gegenteil des Ursprungsgedanken

Und so endet die Shakenight mit dem vierten und letzten Drink, einer Eigenkreation des Teams der Krake Bar. Ein erfrischender Drink auf Rumbasis mit einem Hauch von Maracujasaft. Es folgt die Verabschiedung, die Teilnehmer un-muten, winken ein letztes Mal in die Kamera und verschwinden. Eine der Teilnehmerinnen vergisst ihre Kamera auszumachen, schießt ein Selfie von sich und ihrem letzten Drink. Ein überraschter Blick auf den Bildschirm, dann verschwindet auch sie.

Was bleibt ist die gute Laune von vier Cocktails. Auch wenn man plötzlich wieder ungewohnt alleine ist. Doch trotzdem: In Zeiten, in denen das Digitale die einzige verbleibende Chance ist, schlägt die Shakenight sich nicht schlecht. Vor allem dafür, dass sie das Gegenteil macht von dem, was sie eigentlich mal sein wollte.

Credits

Foto: Aufmacher: Editienne; Rest: PR

Comments (1)

  • Peter Schütte

    Wie immer auf den Punkt. Klasse Artikel. Dankeschön und hoffentlich bis bald, live!

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