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Dollar Dollar, pari pari?

Ein Gespenst wandert durch die globalen Devisenmärkte: die Währungsparität von Dollar und Euro. Denn die Gleichheit zwischen den beiden Währungen ist bedenklich nah. Ein Eins zu Eins, das für uns nicht nur das Reisen in die Staaten teurer macht, sondern auch Einfluss auf den Spirituosenmarkt nimmt. Es wird Zeit für einen Blick in die Finanzen.

Jene etwas anspruchsvolleren, großen Nachrichtenformate, die eben nicht über die Selfies des Kardashian-Clans berichten, malträtierten den Zuschauer in den letzten Wochen mit besonders schwerer Kost: Eurokrise, Griechenland, Europäische Zentralbank, Sparkurs und Tsipras hier, unsere weltrettende Mutti Merkel dort und zwischendrin noch etwas Annäherung bei Putin und Obama. Den Überblick zu behalten fiel wahrlich nicht leicht, und gerade bei komplexen Finanzthemen hört man ja gern einmal nur mit dem halben Ohr hin. Dabei können sich die Verflechtung internationaler Börsen und Märkte und eventuelle Währungsschwankungen auch bis ins Backbord der Bar bemerkbar machen — oder zumindest im Trinkgeld niederschlagen.

Großzügige Gäste

„30 Euro habe ich von einem Gast auf einen Schlag bekommen“, strahlt die 21-jährige Maria, deren Namen wir auf eigenen Wunsch in dieser Geschichte geändert haben. Sie ist seit einem Jahr Auszubildende in einem 5-Sterne-Hotel in Berlin-Mitte und seit kurzer Zeit im Roomservice tätig. Das großzügige Trinkgeld, erinnert sie sich, bekam sie vor ungefähr zwei Wochen. „Wir hatten einige sehr wichtige amerikanische Geschäftsleute im Haus, von denen manche nachts nochmal beim Zimmerservice bestellt haben.“ Ein deftiger Mitternachtssnack, eine Flasche schottischer Whisky, eine große Handvoll Snickers und Eis. Nichts ungewöhnliches soweit.

Dass Marie nach insgesamt vier Bestellungen dennoch 70 Euro Tip zählen konnte, so glaubt sie „liegt mit Sicherheit dran, weil die Gäste in unserem Haus eher weniger aufs Geld schauen müssen und hier vielleicht auch amerikanische Maßstäbe beim Trinkgeld angelegt haben.“ Darüber hinaus, meinten auch Kollegen im Gespräch zu ihr, seien amerikanische Gäste momentan ohnehin ziemlich großzügig beim Tip. Einem Dollar-Tauschkurs von 1,09 pro Euro sei Dank.

Eins zu Eins

Für Reisende aus den Staaten ist die monetäre Situation also um einiges besser, als noch im vergangenen Jahr, wo man für einen Euro noch rund 1,40 $ hinlegen musste. Und dennoch soll dies keine Verallgemeinerung sein, die großzügigere Gäste am Tresen prophezeit. Vielmehr muss auch hier der Blick aufs große Ganze folgen und die Gründe für die momentanen Währungsverschiebungen berücksichtig werden. Denn was derzeit auf den internationalen Devisenmärkten passiert, geht doch über das übliche Auf und Ab der Währungen hinaus. Auf der einen Seite des Atlantiks stehen die USA, deren Wirtschaft die Finanzkrise vor einigen Jahren weitestgehend überwunden hat und nun nachhaltig wächst. Auf der anderen Seite des großen Teichs ruht die Euro-Zone mit ihren Problemchen.

Die Krise ist hier noch immer nicht komplett durchgestanden. Das Wachstum ist weniger nachhaltig, in Deutschland steht die schwarze Null, die Zinsen für Anleger sind auf einem Rekordtief, die EZB kauft noch immer Staatspapiere im Wert von Dutzenden Milliarden Euro und die Länder selbst führen einen Wettlauf, um sich international Wettbewerbsvorteile zu verschaffen. Pessimisten unter den Wirtschaftsanalysten warten nur auf ein 1:1 von Dollar und Euro, wie es zu den Schweizer Franken schon begründet ist.

Katerstimmung am Markt

Ebendiese Parität hätte auch maßgebliche Folgen für Händler und Produzenten von Spirituosen. Nicht nur, dass die meisten Rohstoffe zur Herstellung von Vodka, Rum, Whisky und Co. in US-Dollar an globalen Börsen gehandelt werden und ein starker Dollar sowie eventuell schlechte Ernten stark an den Margen fressen, auch die Importeure müssen sich mit der aktuellen Preispolitik arrangieren. Zwar herrschen über die Verkehrsfähigkeit von US-Spirituosen in Europa noch immer rechtlich differenzierte Ansichten, die ein Verschiffen vieler Produkte unattraktiv machen, aber der Kurs der Weltwährung hat schließlich auch Auswirkungen auf Handelsbeziehungen nach Großbritannien und in den asiatischen Raum.

Warten auf Weihnachten

Wie sehr die Welt und ihre Finanzmärkte von heute verwoben sind, wird einmal mehr deutlich, wenn man den Einschätzungen von Ralf Becker folgt. Der Geschäftsführer des international agierenden Import- und Exportunternehmens von Spirituosen, Rainbow Trading, ist stets gezwungen, alle Börsen im Blick zu behalten. „Man hätte vermuten können“, umzirkelt er für sich die Lage, „dass nun unglaublich viele Anfragen insbesondere aus China kommen.“ Schließlich gelte ja auch der Grundsatz: bei günstigem Euro kaufen die Leute hier, bei schwachem Dollar in den Staaten. „Dem ist gerade jedoch leider nicht so“, wie Becker einräumt.

Als Gründe dafür sieht er insbesondere die massiven Börsenschwankungen und das bewusste Herabsetzen der chinesischen Währung Yuan durch die Regierung, um ihrerseits die Exporte wieder anzuschieben. „Davon ist dann jede Industrie betroffen, nicht nur der Handel mit Spirituosen“, erklärt Becker weiter und relativiert: „Ich hoffe auf das Weihnachtsgeschäft und die Feiern zum chinesischen Neujahr. Erfahrungsgemäß kommen die wirklich großen Bestellungen dafür aber erst im September und November.“

Ein Ende der Gleichstellung?

Nun kann das Christkind jedoch nicht stetig als Garant für den alljährlichen Absatz zigtausender Flaschen Whisky und Cognac im asiatisch-pazifischen Raum dienen — dass ist auch in der Spirituosenindustrie bekannt. „Eine zusätzliche Preiserhöhung, also nochmal zu den ohnehin geplanten, nur aufgrund der momentanen Wechselkurse, kann sich aber wahrscheinlich auch kein Hersteller erlauben, wenn er seine Kunden nicht verlieren möchte“, mutmaßt Ralf Becker die Zukunft. Für die Bar dürfte sich also eher wenig ändern.

Bisher scheinen Dollar und Euro ohnehin wieder auf einem stabilen Weg zur gesunden Differenz, und Kollegen vom Handelsblatt prophezeiten sogar schon die Abkehr von der Dollarparität. Und dass die Welt selbst bei der Gleichheit von Dollar und Euro nicht zusammenbricht, zeigt ein Blick ins Jahr 2002, als die Parität noch Realität war und sich vielleicht damals schon die eine oder andere Servicefee über die großzügigen Trinkgelder US-amerikanischer Gäste freuen konnte.

Credits

Foto: Euro via Shutterstock

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