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Don Caribico: Tiki ohne Kitsch. Und irgendwie bayerisch.

Im Städtchen Beilngries wagen sich zwei mutige Barbetreiber an einen waschechten Exotismus: Das Don Caribico will eine echte Tiki-Bar sein. Aber eben keine kitschige Touristentankstelle, sondern ein durchdachtes, hochwertiges Konzept.

Das Unverständnis darüber, weshalb Menschen überhaupt irgendwo anders sein wollen als in Bayern, ist ein zutiefst bayerisches Wesensmerkmal. Und falls es doch mal irgendwo irgendwas geben sollte, was die anderen haben und man selber nicht, dann holt man sich das einfach zu sich. So entstand zum Beispiel die erste Pizzeria Deutschlands in Würzburg, und den Chiemsee hat man kurzerhand zum bayerischen Meer erklärt.

Doch Heimatliebe hin oder her, trotz umfangreicher Palmen-Angebote in den Gartenbaumärkten mag sich die Karibik noch nicht hinreichend echt nachahmen lassen. Da braucht es ganzheitliche Ansätze, und einen solchen pflegen gerade Raffael Gietl und Manuel Singer, die im oberbayerischen Beilngries eine Tiki-Bar eröffnen, das Don Caribico. Eine Tiki-Bar? Dieses lang vergessene Relikt aus den Fünfzigern? In Verruf geratenes Sinnbild der alkoholischen Saftpanscherei? Und das in Beilngries?! Was kommt als nächstes wieder? Der Käseigel?

Don Caribico: moderner, nachhaltig geprägter Tiki-Eskapismus

Tiki in gut? Das kennen wir in Bayern ja sogar schon

Aber auch das ist sehr bayerisch: Man schert sich nicht um Klischees und schlechten Ruf, und dass man eine Tiki-Bar auf höchstem Niveau in die Moderne führen kann, beweist ja schon Die Blume von Hawaii in Nürnberg. Das ist ja auch Bayern. Irgendwie.
Also Beilngries. Mit dem Don Caribico. Warum auch nicht.

In Beilngries beweist Bayern seine Postkartentauglichkeit seit jeher souverän, und Gietl stammt aus einer Familie mit langer touristischer Tradition, wobei er aber in eher untraditioneller Art und Weise die heimischen Gauen hinter sich gelassen und die Welt bereist hat – was sich zu einer zehnjährigen Vorbereitungsphase auf das Don Caribico ausgewachsen hat. Gietl ist ein Inspirations-Trüffelschwein und ein Ideen-Detektor, und er gräbt aus und nutzt, was brauchbar ist. „Da hat mich natürlich meine Zeit auf dem Kreuzfahrtschiff sehr geprägt, weil ich da ein halbes Jahr in der Karibik war und sämtliche Karibik-Inseln abgefahren bin. Da war dann die Frage, warum das, was man in den Strandbars genossen hat, zuhause einfach nicht mehr schmeckt, warum das Feeling einfach nicht mehr da ist. Ich wollte dieses Urlaubsgefühl einfach hierher holen.“

Raffael Gietl und Manuel Singer bringen Tiki nach Beilngries

The Sweet Escape im Don Caribico in Beilngries

Dass dieses Gefühl nur sehr bedingt an Getränkerezepte geknüpft ist, war bei der Konzeption des Don Caribico von vornherein klar, und diese Herangehensweise scheint sich gerade jetzt auszuzahlen – jetzt, wo sich auch viele Menschen, denen es wirklich dreckig geht, mit dem Gedanken trösten, dass sie immerhin keine Gastronomen sein müssen.

Jedoch: Urlaubsgefühl hat nun gerade in Pandemie-Zeiten eine ganz neue Bedeutung bekommen; das Bedürfnis wegzufahren steigt mit den Schwierigkeiten, es tatsächlich zu tun, und trotz Netflix und Pornhub Premium dürstet der Mensch nach aushäusiger Abwechslung. Gietl und Singer bedienen nun den tatsächlichen wie auch den metaphorischen Durst und glauben dementsprechend, dass ihnen „Corona da tatsächlich ein wenig in die Karten spielt.“ Niemand weiß, wie die Welt nach Corona aussehen wird, aber an den Status Quo Ante glaubt niemand. Werden die Menschen, wie von manchen prognostiziert, weniger reisen, zumindest weniger in die Ferne? Momentan sind so gut wie alle Angebote zum innerdeutschen Urlaub ab dem Moment der Verfügbarkeit ausgebucht. Bleibt das auch so, wenn die Billigflieger wieder starten? Bestimmt nicht in diesem Ausmaß, aber es wird schon was hängenbleiben. Es kann ja auch sehr gut sein, dass die Menschen gerade dazu gezwungen werden, die Schönheit des eigenen Landes zu entdecken. Dazu muss aber letztlich auch ein wenig mehr geboten sein als ein Wanderweg und eine Bootsfahrt auf dem Fluss. Man will heutzutage schon gerne ein bisschen was von allem haben.

Don Caribico

Hauptstraße 12
92339 Beilngries Deutschland

Das Fluchtbedürfnis kommt in Krisenzeiten immer hoch

Vielleicht ist es kein Zufall, dass die große Zeit der Tiki-Bars in der Zeit des ausgehenden zweiten Weltkriegs und den Jahren danach stattfand. Jeder wollte weg, aber kaum einer konnte, und so wurde das uralte Prinzip von der Flucht in den Alkohol auf ein ganz neues Niveau gehoben, über die Promille hinaus in die Ferne: Getränke-Eskapismus. Vielleicht ist genau das jetzt wieder angesagt; ein bisschen Wohlfühlen anstatt der kühlen Postmoderne mit ihren glasklaren Zentrifugendrinks.
Auch das Mobiliar schafft da übrigens einen tollen Spagat: ein bisschen plüschig, ein bisschen Fifties, und ganz viel Muschel-Under-the-Sea-Zitat – trotzdem nicht kitschig, sondern sogar auf eine augenzwinkernde Weise cool. Man kann sich sehr gut vorstellen, in einem dieser Sessel ein paar Stündchen lang zu versinken.

Man widersteht im Don Caribico außerdem der Versuchung, die Räume mit Material vollzurümpeln, was sowohl unter dem Gesichtspunkt der kulturellen Aneignung als auch unter rein ästhetischen Aspekten bedenklich wäre. Tiki geht auch dezent, man mag es kaum glauben, aber Singer und Gietl sind keine Vergangenheitsfetischisten (an denen Bayern nicht arm ist), sondern moderne Menschen, die sehr sorgfältig im Austausch mit ihrer Illustratorin das richtige Maß zwischen historischem Zitat und moderner Ausrichtung gesucht haben. Man merkt dem Ergebnis an, dass da nichts übers Knie gebrochen wurde.

Von außen lässt der Dschungel, der einen im Inneren erwartet, kaum erahnen
Im Don Caribico kommt auch Barfood nicht zu kurz

Der Rum duldet hier in Beilngries auch Nebendarsteller

Das Konzept des Don Caribico ist umfassend und geht deutlich über Bambus plus Rum plus Tikibecher hinaus, gerade auch im Bewusstsein, dass der Gast der oftmaligen Mittelmäßigkeit der Strandbar-Drinks abseits von azurnen Lagunen und Meeresrauschen viel weniger tolerant begegnet. Ein eigens kreierter Raumduft packt den Gast hinterrücks am Unterbewusstsein, eine eigene Kaffeeröstung deckt das Koffeinierungsbedürfnis, die Barsnacks sind von ausgesuchter Qualität (Maniok-Pommes!), und in einer Zeit, in der Sustainability zu einem Top-Anglizismus avanciert, hat man in Beilngries schnell begriffen, dass gerade der unvermeidliche Bambus viel mehr ist als nur Dekoration, sondern Zeichen einer auf Nachhaltigkeit ausgerichteten Betriebsführung. Gleichermaßen einzigartig und besonders sind Kugelschreiber, deren Mine in einer Zimtstange steckt anstatt in Plastik. Eine kleine Besonderheit, aber so etwas merken sich die Leute.

Tiki ist im Don Caribico auch kein Dogma, sondern nur das Leitmotiv einer generellen Ab-in-den-Süden-Ausrichtung: Daiquiri, Tommy’s Margarita und Pisco Sour werden ganz konziliant in die karibische Großfamilie mit aufgenommen, zusammen mit einer umfangreichen Pop-Up-Karte, in der Rum zwar naturgemäß die Hauptrolle spielt (mit 38 Sorten im Angebot), aber ebenfalls etwa Grappa oder Vodka souverän an seiner Seite duldet.

Für Touristen, die mehr als nur die Hotelbar wollen

Bleibt die Frage, wie das Konzept angenommen wird. Ist es auf die Touristen ausgelegt oder doch eher auf die Einheimischen? Natürlich auf beide, sagt Gietl. Beilngries ist schön, von der Größe her an der Schwelle zur Kleinstadt, und Beilngries ist nicht arm, wie das in diesen Regionen eben so ist. Dennoch glaubt Raffael Gietl, dass man den Einheimischen eventuell manches Produkt erst näherbringen muss: „Da sind dann schon Sachen dabei, wo der Beilngrieser Gast vielleicht gar nicht weiß, was das so genau ist. Aber das ist ja eigentlich auch immer ein schönes Gespräch.“ Da aber der Ort ansonsten stark vom Tourismus geprägt ist, rechnet das Don Caribico natürlich auch mit diesem Klientel, das von seinem Urlaubsort auch noch eine Alternative zur Hotelbar am Ort erwartet.
Sofern noch Platz ist. Beilngries samt Umgebung scharrt kollektiv mit den Füßen und wartet darauf, sämtliche Vorurteile zu widerlegen, was die mangelnde bajuwarische Aufgeschlossenheit gegenüber kulinarischen Neuerungen angeht. Dann auch bald im Don Caribico.

Credits

Foto: buidl-galerie.de

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