Widow's Kiss

Ein Erbe, das wir nicht ausschlagen sollten: Der Widow’s Kiss

Drinks 26.6.2018

Es gibt keine eindeutige Antwort, warum manche Cocktails in Vergessenheit geraten. Beim Widow’s Kiss liegt die Vermutung in den Zutaten: Calvados, Chartreuse Vert, Bénédictine und Angostura.  Mag die Rezeptur auch etwas altmodisch anmuten, das Ergebnis ist voller Klasse, Eleganz und Zeitlosigkeit.

„Der Erbfall ist eingetreten”, heißt es so schön im Juristendeutsch. Nun ist die eigentliche Situation natürlich alles andere als schön. Die Trauer überwiegt und der Schmerz bahnt sich seinen Weg, komplizierte Dinge müssen geregelt werden, Bestatter seien zu kontaktieren. Da gerät das Erbe oder vielleicht nur Vermächtnis gerne zur Nebensache, die irgendwie abgewickelt werden muss.

Und seien wir mal ehrlich: Ein Erbe ist auch nicht immer schön. Im besten Fall handelt es sich um Panini-Sticker der Fußball-WM 1974 oder eine Münzensammlung, im schlimmsten Fall aber gerne auch einmal um einen Schuldenberg, den man zwar ausschlagen kann, was die Sache jedoch nicht einfacher macht.

Doch ein Erbe ist ja seinem Wortklang nach auch etwas, das über Generationen weitergegeben wird und persönlich oder monetär wertvolle Gegenstände in den Reihen der Familie lassen soll. Dinge, die vielleicht längst in Vergessenheit geraten sind und dringend in Erinnerung zurückgerufen werden sollten.

Widow’s Kiss: Calvados und die Mottenkiste

Und so ist der Kuss einer Witwe im Grunde nichts anderes. Eine Erinnerung an eine Zeit, die mit dem Tod der einen Person endet und für uns als Cocktail weiterhin besteht.

Der Tod in diesem Fall ist verankert in der Zusammensetzung des Widow’s Kiss. Im Grunde genommen kein Drink für diese Jahreszeit, aber dennoch einmal einer Erwähnung würdig, da ich mich an ihm im Winter, wenn es mich durch die kalten Straßenzüge Deutschlands zieht, wärmen möchte. Bénédictine, Chartreuse Vert (häufig jedoch Jaune verwendet), Calvados und Angostura ruft das Rezept da auf.

Schaut man sich die Herstellungsgeschichte dieser Liköre und Spirituosen einmal an und denkt an ihre Hochphase im Sinne einer öffentlichen Wertschätzung, so darf man den Drink gerne in das 19. Jahrhundert klassifizieren. Chartreuse 1609 und Bénédictine (mit seiner ersten kommerziellen Herstellung) 1863, beides von Mönchsorden produziert. Das klingt schon nach Mottenkiste. Und auch Calvados – wenn in europäischen Breiten auch deutlich häufiger anzutreffen als im Rest der Welt – ist dann doch eher ein Nischenprodukt der Bar.

Widow’s Kiss: Lost in Zyklen

So ist der Drink entgegen häufiger Fehlannahme nicht erstmals von Harry Johnson in dessen “Harry Johnson’s New and Improved Bartenders‚ Manual” um 1900 erwähnt, sondern vielmehr von George J. Kappeler – der sich übrigens auch Erfinder des Drinks nennen darf – in dessen Publikation “Modern American Drinks” aus dem Jahre 1895. Bis er dann 1930 in Harry Craddocks berühmter Barbibel “Savoy Cocktail Book” das nächste Mal eine Erwähnung findet, vergeht viel Zeit.

Was also hat den Widow’s Kiss in Vergessenheit geraten lassen? Möglicherweise waren es die Trends, mit anderen Spirituosen zu arbeiten und sich fern der zur damaligen Zeit leicht altmodisch wirkenden Liköre à la Bénédictine und Chartreuse zu bewegen. Auch war dies die Zeit, in der fruchtbasierte Liköre fernab von schweren, kräuterlastigen Kompositionen mehr und mehr ob der fortgeschrittenen Konservierungsmöglichkeiten Einzug in die Bar hielten.

Der schmiegsame Calvados

Der Widow’s Kiss jedoch ist etwas, das man nicht vergessen sollte und etwas, das man ganz sicher auch nicht vergessen wird – so man ihn gut zubereitet bekommt. So schmiegt sich der im Vergleich zum Applejack deutlich samtigere Calvados mit weniger penetranter Apfelnote an ein Gleichgewicht zweier würzig-kräuterlicher Liköre. Zwar stellt Bénédictine klar die süßere Komponente, doch kann man diese je nach Verwendung von Chartreuse Vert oder eben Jaune auch herrlich ausbalancieren.

Angostura verleiht der “Witwe” schließlich den letzten Schliff und macht aus ihrem Kuss etwas ganz besonderes: eine Erinnerung an vergangene Tage, etwas altmodisch, doch voller Klasse und purer Eleganz. Ein Erbe, das wir nicht ausschlagen sollten.

Widow's Kiss

George J. Kappeler

Rezept

4,5 cl Calvados
2 cl Chartreuse Vert oder Jaune
2 cl Bénédictine
2 Dashes Angostura Bitters

Zubereitung

Alle Zutaten in einen Shaker geben und auf Eiswürfeln gut kalt schütteln. Anschließend in eine Coupette abseihen.

Glas

Coupette

Garnitur

Minzblatt

Photo credit: Tim Klöcker

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