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East India Cocktail | Die Geschichte des Cocktails | Mixology - Magazin für Barkultur

Die Geschichte des Cocktails Teil 5: der East India Cocktail (1882)

Beim Japanese Cocktail wurde einfacher Zuckersirup durch aromatischen Orgeat ausgetauscht. Dieses Prinzip wird beim East India Cocktail erweitert, indem zusätzliche Liköre als Süßungsquelle dienen. Ebenso ist er ein gutes Beispiel dafür, dass man Rezepte in ihrem historischen Kontext verstehen und an die heutigen Möglichkeiten anpassen sollte.

Der Whiskey Cocktail stellt den Cocktail in seiner amerikanischen Urform dar. Wie wir gesehen haben, veränderte er sich danach rasch durch die Zugabe von Absinth, Curaçao oder Maraschino. Jedoch fanden auch andere Zutaten außer Likör Einzug in den Cocktail, und zwar Sirup in verschiedensten Formen. So wird im Japanese Cocktail, der 1862 von Jerry Thomas erstmals publiziert wurde, Orgeat anstelle von Zuckersirup verwendet. Der East India Cocktail ist ein weiteres, geringfügig jüngeres Beispiel, das zu betrachten sich lohnt: Neben Likören wird Himbeersirup verwendet, eine Mitte des 19. Jahrhunderts generell beliebte Drinks-Zutat.

6,5 cl Cognac
0,75 cl Himbeersirup
0,5 cl Curaçao
1 Dash Maraschino
1 Dash Aromatic Bitters
Zubereitung: Gerührt.

East India Cocktail erstmals bei Harry Johnson erwähnt

Erstmals taucht die Rezeptur für den East India Cocktail 1882 in Harry Johnsons New and Improved Bartender‘s Manual auf. In der Zweitauflage seines Buches aus dem Jahr 1888 gibt er an, dass der Drink bei den in Ostindien lebenden Engländern sehr beliebt sei. Wobei mit „Ostindien“ seinerzeit nicht nur Indien, sondern auch weite Teile Süd- und Südostasiens gemeint waren – eine vage Herkunftsangabe, doch daher soll der Cocktail stammen.

Himbeer- oder Ananassirup?

Zwar schlägt Harry Johnson Himbeersirup vor, doch die meisten später publizierten Rezepte bevorzugen Ananassirup. Die Ananas stammt aus Südamerika und wurde um 1550 durch die Portugiesen nach Indien gebracht. Zu Ende des 16. Jahrhunderts wurde sie bereits in fast allen tropischen Gebieten angebaut. Im 18. und 19. Jahrhundert wurde sie insbesondere in England und Frankreich in Gewächshäusern kultiviert, war extrem teuer und konnte nur von der Oberschicht genossen werden.

Insbesondere die älteren Rezepte favorisieren jedoch Himbeersirup, denn dieser war sicherlich leichter erhältlich und vor allem preiswerter. Dieser Austausch funktioniert, weil die im Ananasduft vorhandenen, rosenartigen Aromen eng mit denen der Himbeere verwandt sind.

East India Cocktail | Die Geschichte des Cocktails | Mixology - Magazin für Barkultur
Anhand des East India Cocktails kann man zeigen, dass man bei historischen Rezepten immer auch den historischen Kontext verstehen sollte, um den Drink zu begreifen. | ©Sarah Swantje Fischer
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East India Cocktail im historischen Kontext

Anhand des East India Cocktails kann man zeigen, dass man bei historischen Rezepten immer auch den historischen Kontext verstehen sollte, um den Drink zu begreifen. Eine kritiklose Übertragung in die Gegenwart mag zwar oft naheliegen, führt aber häufig zu weniger guten oder andersartigen Ergebnissen. Ein Beispiel?

1882 wurden „Angostura Bitters“ als Zutat vorgeschlagen. Das scheint eindeutig zu sein – ist doch Angostura bis heute die bekannteste und am besten verfügbare Marke. Tatsächlich gibt es eine relative Klarheit aber erst seit 1907, denn Mitte des 19. Jahrhunderts waren hunderte verschiedene Bitters am Markt.

Da verwundert es kaum, dass es zu Konkurrenzkämpfen kam, die auch mit juristischen Mitteln ausgefochten wurden. Beispielhaft hierfür ist die Auseinandersetzung zwischen den Firmen Siegert (dem Hersteller der eigentlichen „Angostura Bitters“) und Abbott (die ihren Bitters „Angostura Aromatic Bitters“ nannten). Letzterer erhielt seinen Namen durch die darin enthaltene Angosturarinde. Ersterer enthielt diese Zutat nicht und war nach der Stadt Angostura benannt.

Neben Abbott gab es noch weitere Bitters-Hersteller, die ihre Produkte mit dem Zusatz „Angostura“ bezeichneten, da sie alle Angosturarinde enthielten. All diese Angosturarinden-Bitters waren recht erfolgreich, und so versuchte Siegert, diese Wettbewerber vom Markt zu drängen. Schließlich entschied ein Gericht im Jahr 1906, dass nur die Firma Siegert den Zusatz „Angostura“ verwenden dürfe.

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Erstmals taucht die Rezeptur für den East India Cocktail 1882 in Harry Johnsons New and Improved Bartender‘s Manual auf. | ©Sarah Swantje Fischer

East India Cocktail kann nicht eindeutig geklärt werden

Durchsucht man die alten Bücher nach Rezepturen für Angostura Bitters, so fällt auf, dass diese bis auf wenige Ausnahmen Angosturarinde verwenden. Auch muss man feststellen, daß sich Angosturarinden-Bitters geschmacklich von den Siegert’schen Angostura Bitters unterscheiden. Da dieses Wirrwarr erst 1906 ein für alle Mal geregelt wurde, liegt auf der Hand: Welcher Bitters im Jahre 1882 gemeint war und wie ein East India Cocktail schmecken sollte, kann nicht letztgültig geklärt werden.

Angosturarinden-Bitters eignen sich hervorragend für Cocktails

Heute sind Angosturarinden-Bitters erhältlich, die auf Grundlage der historischen Rezepte formuliert wurden. Vergleicht man verschiedene Cocktails des 19. Jahrhunderts, die mit unterschiedlichem Bitters zubereitet wurden, so zeigt sich ein überraschendes Ergebnis. Angosturarinden-Bitters sind hervorragend geeignet, um in den alten Cocktails verwendet zu werden, beispielsweise im East India Cocktail oder auch im Manhattan Cocktail. Sie eignen sich für diese alten Mischgetränke sehr gut und geben dem Cocktail eine andere Richtung. In einen Cocktail kommen zwar nur geringe Mengen Bitters, aber sie entscheiden sehr wohl über die aromatische Ausrichtung desselben, so dass mit verschiedenen Bitters grundsätzlich andersartige Ergebnisse erzielt werden können.

Welchen Bitters man im einzelnen zugibt, hängt neben den persönlichen Vorlieben auch davon ab, welche anderen Zutaten verwendet werden. Das aromatische Zusammenspiel aller Komponenten muss wie immer berücksichtigt werden.

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East India Cocktail: Cognac, Himbeersirup, Curaçao, Maraschino, Aromatic | ©Sarah Swantje Fischer

Rezepte auf die Gegenwart übertragen

Was anhand dieses Beispiels gezeigt werden sollte, ist folgendes: Ein tieferes Verständnis historischer Rezepturen erlangt man nur durch eine Kenntnis des zeitgenössischen Kontextes. Darauf aufbauend, kann man dann die Rezepturen an heute erhältliche Zutaten anpassen. Eine unveränderte Übertragung in heutige Zeiten führt nicht immer zu den besten Ergebnissen, weshalb es immer von zentraler Bedeutung ist, Rezepturen an die heutigen Möglichkeiten und Vorlieben anzupassen.

Das zeigt sich auch an der hier vorgeschlagenen Rezeptur. Die Erstveröffentlichung verlangt jeweils 1 Teelöffel Himbeersirup und Curaçao sowie 2 Dashes Maraschino. Es zeigte sich jedoch, dass die im Beispielrezept verwendeten, heutigen Zutaten dann ausgewogen zueinander stehen, wenn das Verhältnis von Himbeersirup, Curaçao und Maraschino 6:4:1 beträgt. So sticht keine der einzelnen Komponenten hervor, sondern es ergibt sich ein harmonisches Ganzes.
Und wer „Harmonie“ sagt, der muss auch „Manhattan“ sagen. Aber dazu beim nächsten Mal mehr.

Credits

Foto: ©Sarah Swantje Fischer

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