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Die Reduktion als Kunst: eine Nacht in Havanna

Wie so viele cocktailtouristische Sehnsuchtsorte entpuppt sich auch Havanna bei echtem Hinsehen als eine Mischung aus Klischee und Gegenteil.  Wer jedoch mit offenem Auge und mutigem Gaumen ehrlich daran teilnimmt, der wird wie unsere Autorin vor allem eines feststellen: das bunte Füllhorn der Reiseplakate braucht kein Mensch. Genauso wenig wie den Mojito aus der Bar, die ihn einst ersonnen hat. 

„Schnell nach Kuba, bevor alles anders wird,“ ist der subsumierte Imperativ aufgerollter Reiseplakate, fürsorglicher Freude und des getriebenen Bedürfnisses, Möglichkeiten vor ihrem Versiegen zu nutzen. Bevor dieses Kuba, das man maximal aus den so schönen Landschafts-Aufnahmen aus der „Reise des jungen Ché“ kennt, der – mitfühlend auf dem Motorrad – in mentalen Gamaschen zu einer Geografie der Gerechtigkeit einlädt. Oder auch aus mitteleuropäischen Mentalitäten beim Hören von „Chan Chan“. Kurz und gut – es gibt für den bislang teilnahmelosen Kuba-Touristen mit der Lockerung der Handels- und Reisebeschränkung nichts zu verlieren – außer Vorurteile. Vor Januar 2015 sowie danach.

Die Zufriedenheit als Frucht des Verzichts?

Gleichwohl man es sich hätte denken können: Kuba ist selbst dann „ganz anders“, wenn man sich noch überhaupt kein Bild davon gemacht hatte. Vor allem aber ist es so verschieden – in sich und auch von anderen Ländern, die vorhaben, die Tore des Tourismus zu öffnen.

Selten ist es einem gegönnt, sich im Supermarkt so wenig entscheiden zu müssen. Eine Sorte Ananassaft, ein Deofabrikant, eine Zahnpastamarke; man braucht ja auch nicht mehr von jedem. Auf dem Land wird es bisweilen sogar noch einfacher. In Piñar del Río beispielsweise hat sich Havannas Supermarkt „Nr. 73“ – seine Hausnummer – reduziert auf einen mit Spitze bedeckten Baumstumpf, der ein Buch, eine Mango, eine Papaya und eine Flasche „Santiago de Cuba“ anbietet. Der Tourismus auf dem Land beschränkt sich auf einen selbst ernannten Taxifahrer, der sich zu einer Suche nach einem Hostel, „das da irgendwo sein muss“ bereit erklärt.

In der Stadt wiederum beschränkt er sich auf „Hasta la victoria siempre“-Jutebeutel und verschiedene Tarife beim Taxifahren. Und auf als Mitglied der Fuerzas Armadas Revolucuionarias verkleidete Eisverkäufer. Auf den ersten Blick stellt Kuba sich vor als Land wie ein liebenswerter Luftikus, ein Waldschrat in Wartehaltung auf eine Welt, von der er noch nicht weiß, ob er sie wollen wird.

Die Geburtswehen des Mainstreams

Die komplette Behike-Reihe Cohibas ist derzeit nicht lieferbar, weil man im Hause Cohiba nun eine eigene Pressmaschine besitzt um Tubos herzustellen – die aber versehentlich in der falschen Größe produziert ist. Das passiert, wenn man zwar mit dem Ertrag eines neuen Absatzkontinents rechnet, das aber mit alten Genauigkeiten.

Hatte man sich in den letzten Jahren noch die beschaulichen Beschreibungen der Torcedores beim Tabakrollen, die sich Dumas’ „Graf von Monte Christo“ vorlesen, erzählt und andernorts passende Tubos gepresst, verlangt die heutige Situation anderes. Bereits vor der Auflösung des Embargos war der Zigarren-Absatz in Europa um acht Prozent gestiegen. Mit dem weltweit größten Absatzmarkt in den USA im Boot kann man sich die Höhe der Wellen, die es künftig an die Mauern des Malecons spülen wird, selbst berechnen. Entweder Kuba macht mit und benutzt dieselben Maßeinheiten wie seine Exportpartner. Oder eben nicht – dann muss Export aber auch mit einem anderen Maß berechnet werden. Vielleicht mit einer Maß Rum für den Touristen.

Wer braucht Wasser, wenn es Rum gibt?

Für den hat man nämlich vergessen, Wasserversorgung stattfinden zu lassen, weshalb man mitunter drei Stunden durch Havannas Innenstadt stapft, weil über die mittäglichen Tresen maximal Reis, Rum und heizungswarmes Rinderfleisch wandern – aber eben kein Wasser. Und wenn man in einem Land stetiger Verfügbarkeiten leben wollte, könnte man ja in Deutschland bleiben und weiterhin Neuköllns Weserstraße entlang tingeln auf der Suche nach dem besten Whisky Sour. Will man ja aber nicht, sondern eben Abenteuer. Wasser suchen. Und das ja auch nur, weil die Privatzimmer-Mama gesagt hat, man bekäme Durchfall von ihrem eigenen Wasser. Das kann aber auch vom Frühstück passieren. Sieben Tage lang gibt es Ei in jeder denkbaren Form. Leckeres Ei durchaus, als Rühr- oder Spiegel, als hartes, weiches, als heißes oder kaltes Ei, in jedem Falle aber mit Käse oder Schinken, Reis und Brot. Das ist nicht sehr abwechslungsreich; aber es ist, was man dort nun einmal isst.

Und das ist gut: es soll ja so sein, wie es nun einmal ist. So gar nicht dankbar über diese normative Großzügigkeit, zeigt der Alltag in Havannas Straßen tatsächlich, wie es ist: ein Konglomerat von Zigarre rauchende Männern in öltropfenden Oldtimern, Hundewelpen in Käfigen, von denen SeaWorld-Shirt-Girls aus Florida Smartphone-Fotos und ähnliche Geräusche wie die Hunde selbst fabrizieren. Obdachlose, die sich mit Havanna Club-Banner zudecken und dabei so ziemlich alles außer Havanna Club trinken. Groß- und irgendwie auch barbusige Mädchen, die im Stadtpark Son tanzen und Mojito. Ganz viel Mojito. Nicht gekühlt, stark genug, um eine Kuh zu betäuben und mit einem Strauch angefressener Minzblätter. Die kommen dafür direkt aus dem Garten, die Mango für den Mango-Mojito auch und überhaupt mit so viel Gemütlichkeit, dass man bei Erhalt des ersten fast einen zweiten zu bestellen geneigt ist. Rumsitzen und Rum trinken geht nämlich schöner kaum. Zumindest nicht am Malecón, nicht in Viñales und nicht in diversen Privatunterkünften dazwischen. Was vereint diese schönsten aller Mojito-Momente? Sie werden gereicht in einem Garten am Fuße der Tabakfelder Piñar del Rios, auf einer Terrasse an Puerto Esperanzas Küste oder auf einem Balkon mit Blick über die schöne Kapitale.

Von der Selbst-Demontage eines Traums

Es gibt aber auch Orte, an denen es sich auf einen Mojito gut verzichten lässt. Und zwar weil sich genau dieser Fakt noch nicht herumgesprochen hat und unzählige europäische und nordamerikanische Touristen den mittlerweile als Straßenschild angebrachten Weisungen folgen – ins „La Bodeguita del Medio“, zum Beispiel. Seine Geschichte ist lang, die Schlange an der Bar auch. Das als „must have seen“ gehandelte Traditionsrestaurant in der Calle Empedrado des historischen Stadtkerns ist vielleicht ein Schauplatz seiner Tage. Touristen fotografieren Touristen, die Touristen beim Fotografieren fotografieren, weil es so absurd ist. Was es wiederum erst absurd macht. Es fällt zunächst schwer zu sehen, für wen der Barkeeper die 18 Mojitos in Reihe überhaupt mixt – doch nicht etwa nur für die dreifach so vielen Arme, die das echt einheimische Ereignis mitfilmen und locker liken, wie der Selfie mit der Buena Vista Social Club-Coverband mit einem „Chan Chan“-Clip kommentiert wird.

Aber wie das so ist mit Klischees, erbarmt sich ein Dreiertrupp bleicher Britinnen für die mächtig teuren „Moudschiedous“. Die „Ropa Vieja“, das kubanische Traditionsgericht aus zerhacktem und zerkochtem Rindfleisch mit kreolischer Tomatensauce, schmeckt toll und wenn man dazu Yuca con „Mojo“, also Yucawurzel mit Knoblauch und Limette bestellt, vergisst man sogar für einen Moment, dass man sich etwa so ein kubanisches Hard Rock Café zur Whisky-Cola-Happy-Hour vorgestellt hat. Es ist laut, völlig überfüllt und die Preise horrend. Wenn man nun danach gehen möchte, wo Hemingway sich schon überall betrunken hat, lassen sich viele andere Orte vorziehen.

oder doch nicht?

Zum Beispiel das „El Floridita“. Obwohl man sich nicht vorstellen kann, dass gerade Hemingway sechs CUC für einen Daiquiri in dieser Kreuzung aus Kantine und Kentucky Saloon bezahlt hätte, geht es hier schon ein wenig übersichtlicher zu. Die Bartender sind schick und schenken den Daiquiri geschüttelt, nicht gerührt ins Glas – darauf legen sie Wert, sagen sie. Mit ein paar Penunsen in der Tasche empfehlen sich die Sautéed Shrimps, die schön bunt sind und den Amis am Nebentisch diverse „Awesomes“ aus dem Mund zaubern.

Hat man dieses Kleingeld nicht, gibt es immer noch Sandwiches. Sandwiches am Tag mit Wurst, Käse und Essiggürkchen, Sandwiches bei Nacht mit Ei statt Brot. Aber Mojito macht es möglich. Und, wie die Zutatenliste nahelegt, schmeckt es köstlich.

Es schmeckt vor den Stufen der Bäckerei, die ab 21 Uhr ein Schild mit den Lettern „No hay pan. Hay Ron.“ (Brot ist aus. Es gibt Rum.) aufstellt. Und es schmeckt am Tresen der speisekammergroßen Bar, die einen Havanna Club Añejo Especial ausschenkt, die Zigaretten „Hollywood“ und rotes Slush-Eis verkauft. Sonst nichts. Und mehr braucht man für eine Nacht in Havanna auch nicht.

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