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Der El Presidente, wie er sein soll, ist eine Frage des richtigen Wermuts

Der El Presidente ist ein kubanischer Rum-Klassiker und einer der frühen Vertreter, die Rum nicht mit Zitrusfrüchten zur süß-sauren Erfrischung kombinieren. Stattdessen ist er der Aristokrat unter den kubanischen Rum-Getränken. Diesem Ruf wird er aber nur gerecht, wenn er richtig zubereitet wird. Und das wiederum ist eine Frage des richtigen Wermuts: Vermouth de Chambery.

Mixology Podcast

Der El Presidente entstand in den 1910er Jahren in einem kleinen Café in Havanna und stammt von Constantino Ribalaigua y Vert. Im Jahr 1919 wird berichtet, dass er der beliebteste Drink der Kubaner sei, und noch 1928 wird er zu den am häufigsten zubereiteten Getränken in Havanna gezählt. Benannt wurde der El Presidente wohl nach Mario García Menocal, der von 1913 bis 1921 kubanischer Präsident war.

Der El Presidente setzt Rum elegant in Szene

El Presidente

Zutaten

6 cl Chambery-Wermut (Dolin Blanc)
3 cl kubanischer Rum (weißer Rum oder Havana 3)
0,5 cl Triple Sec
0, 25 cl Granatapfelsirup
1 Dash Angostura-Bitters

Der El Presidente ist der Aristokrat unter den kubanischen Getränken

Constantino Ribalaigua y Vert war eine wichtige Persönlichkeit in der Geschichte der kubanischen Barkultur. Von ihm stammen auch andere kubanische Drinks, darunter zahlreiche Daiquiri-Varianten. Er betrieb die Bar La Florida, auch Floridita genannt, die ein beliebter Treffpunkt amerikanischer Touristen wurde. Darunter war auch Ernest Hemingway, der dort regelmäßig seine Daiquiris trank.

Der El Presidente ist der Aristokrat unter den kubanischen Getränken. Diesem Ruf wird er aber nur gerecht, wenn er richtig zubereitet wird. David Wondrich hat über diese Problematik ausführlich berichtet. Anfangs konnte er nicht nachvollziehen, was daran aristokratisch sein sollte. Er probierte die verschiedensten Rezepte, die verschiedensten Zutaten, spielte mit den Mengenverhältnissen, aber das Ergebnis war bestenfalls nur mittelmäßig. Später wandte er sich dem Drink erneut zu, denn seine Aussage – „Im Allgemeinen waren Getränke aus einem bestimmten Grund beliebt. Wenn man den Grund nicht findet, macht man wahrscheinlich irgendetwas falsch.“ – war auch hier der Schlüssel zum Erfolg.

Das Geheimnis liegt im Wermut

Er hatte nämlich nicht den in den ältesten Rezepten verlangten „Vermouth de Chambery“ verwendet. Das ist ein eigener Wermut-Stil. Der bekannteste historische, heute noch erhältliche Vertreter ist Dolin Blanc. Das Ergebnis nach der Verwendung dieses Wermuts beschrieb David Wondrich mit den Worten: „Heureka! El Presidente, wie er sein sollte. Reichhaltig und leicht süß, aber dennoch erfrischend, mit Geschmacksschichten, die sich zu einem Ganzen zusammenfügen, das mehr ist als die Summe seiner Teile. Da ist dein Aristokrat.“ Hinsichtlich der Grenadine macht David Wondrich ebenfalls eine korrekte Bemerkung: Die Grenadine sollte nur sehr zurückhaltend eingesetzt werden, denn sie wird weniger aus aromatischen Gründen, sondern vielmehr zur Farbgebung eingesetzt.

1928 führte der El Presidente fast zu diplomatischen Spannungen, denn er soll das Lieblingsgetränk des damaligen kubanischen Präsidenten Gerardo Machado gewesen sein und sollte auf einem gemeinsamen Abendessen anlässlich der 6. Panamerikanischen Konferenz serviert werden. Auch der US-amerikanische Präsident Calvin Coolidge nahm daran Teil. Deshalb machte man sich in den USA Gedanken darüber, ob Präsident Coolidge diesen trinken würde, befand sich sein Land doch in der Prohibition. Auch fragte man sich, ob es zu diplomatischen Spannungen käme, würde er keinen Champagner trinken, wie es die gesellschaftliche Etikette forderte, um auf die ausgebrachten Trinksprüche der anderen lateinamerikanischen Präsidenten anzustoßen. Wie zu erwarten war, verweigerte Präsident Coolidge jede Form von Alkohol.

Beim Rum ist klar: Es muss kubanischer sein

Interessant ist vielleicht das Rezept des zu diesem Ereignis gereichten El Presidente. Gemixt wurde er von Otto Precht vom Hotel Sevilla-Biltmore, der aufgrund der Prohibition dorthin gegangen war und als eines der größten Bartending-Talente in Havanna galt. Die Rezeptur war:

„Zwei Spritzer Grenadine.
Zwei Spritzer Curacao-Likör.
Ein Jigger Bacardi (1873).
Ein Jigger französischer Wermut.
Drücken Sie die Schale einer Orange aus, um das Öl herauszuholen, und geben Sie sie in das Glas.“

Betrachtet man die überlieferten Rezepte, so gibt es die verschiedensten Ansichten über die richtige Rezeptur. Die Varianten lassen sich wie folgt zusammenfassen:

1. Rum + Wermut + Curaçao + Grenadine + Bitters + Orangenzeste
2. Rum + Wermut + Curaçao + Grenadine
3. Rum + Wermut + Curaçao
4. Rum + Wermut + Curaçao + Bitters

Darüber hinaus gibt es noch andere überlieferten Varianten, die jedoch trotz ihres Namens kein „El Presidente“ mehr sind; sie sind zu weit vom kubanischen Original entfernt oder gar etwas ganz anderes. Interessant wird es nun, wenn man die verschiedenen Varianten statistisch analysiert. Zunächst einmal ist der El Presidente ein kubanisches Getränk. Das bedeutet auch, dass man einen kubanischen Rum einsetzen muß, ansonsten passt die Stilistik nicht. Die ältesten Rezepte fordern deshalb einen kubanischen Rum, bei den jüngsten sind nur noch 20%. Es muss übrigens kein weißer Rum sein; bereits die ältesten Rezepte verwenden einen goldenen kubanischen Rum, und auch Constantino Ribalaigua y Vert nennt in der Rezeptsammlung seiner Bar aus den 1930er Jahren einen goldenen Rum. Man ist also relativ flexibel, solange man einen kubanischen Rum verwendet, der auch wenige Jahre gereift sein darf.

Das Verhältnis von Rum und Wermut

Bezüglich des Wermuts muss es ein „Vermouth de Chambery“ sein; auch dies wird von den ältesten Rezepten gefordert. In jüngeren Zeiten hingegen wird überwiegend nur ein französischer Wermut gefordert, teilweise sogar ein italienischer; damit verliert der El Presidente jedoch das, was ihn ausmacht. Ein weiterer Diskussionspunkt ist oftmals das Verhältnis von Rum zu Wermut. Das älteste Rezept aus dem Jahr 1915 fordert einen Teil Rum und zwei Teile Wermut. In jüngerer Zeit werden teilweise sechs Teile Rum auf ein Teil Wermut gefordert, durchschnittlich sind es zwei Teile Rum. Curaçao und Grenadine werden für gewöhnlich nur in sehr geringen Mengen zugegeben, entweder beide zugleich oder jeweils ausschließlich. Ein Bitters kann zugegeben werden.

Für mich ist die älteste überlieferte Rezeptur, leicht modifiziert, die beste. Es wurde im Jahr 1915 in John B. Escalantes Buch „Manual del cantinero“ veröffentlicht. Er verwendete: 2 Teile Vermouth de Chambery, 1 Teil Bacardí-Rum, 0,5 Teelöffel Grenadine, einige Tropfen Curaçao, einige Tropfen Angostura Bitters, 1 Orangenzeste (mitgerührt), 1 Kirsche als Garnitur.

El Presidente wie er sein soll

Anstatt eines traditionellen Curaçaos habe ich mich in dieser Rezeptur für einen Triple Sec entschieden, wodurch der Drink erfrischender wird. Ein Spritzer Angostura Bitters rundet den El Presidente auf gelungene Weise ab. Eine mitgerührte Orangenzeste ist weniger gut. Interessanter wird der El Presidente, wenn man lediglich die Öle der Orangenzeste über den Drink gibt. Auf die Kirsche als Garnitur verzichte ich, sie liefert keinen aromatischen Mehrwert.

Credits

Foto: Sarah Swantje Fischer

Comments (2)

  • JGatsby

    Es ist etwas gewagt, Dolin Blanc zu einem eigenen Vermouth Stil zu verklären. Ein ordentliches Produkt, weiter nichts. González Byass hat z.B. mit La Copa Blanco einen Vermouth ähnlicher Machart, aber bei weitem mit mehr Finesse und Komplexität.
    Das Rezept ist interessant, indes dürfte der Unterschied zwischen dem normalen weißen Rum und dem kurzgelagerten 3-jährigen geschmacklich einen wesentlich größeren Einfluss ausmachen, als die aufgezählten Rezeptvarianten. Etwas fürs Selbststudium…

    reply
    • Mixology

      Lieber JGatsby,

      der Text weist Dolin Blanc nicht als eigenen Wermut-Stil aus. Es geht vielmehr daraus hervor, dass der Drink einen „Vermouth de Chambery“ benötigt, und dass der „bekannteste historische, heute noch erhältliche Vertreter“ der Dolin Blanc sei. Das ist ein wesentlicher Unterschied.

      Ansonsten geben wir natürlich Recht: Selbststudium ist immer der beste Weg zum perfekten Drink!

      Beste Grüße,

      Stefan Adrian

      reply

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