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Puzzle-Legen in Haidhausen: Emanuele Ingusci

Der „Gastgeber des Jahres“ der MIXOLOGY BAR AWARDS 2016 kann gar keinen Gast übersehen. Emanuele Inguscis Barroom ist mit 36 Quadratmetern Münchens kleinste Bar. Zu Besuch in „einem Mikrokosmos, der sich mich gesucht hat, nicht umgekehrt.“

Haidhausen, Münchens Viertel der unsichtbaren Millionäre, pflegt ein dörfliches Lebensgefühl. Protzig sind hier weniger die Fassaden, allenfalls die SUVs – und selbst die parken im Zweifel lieber in der Garage. Man ist ja nicht in Pullach oder Bogenhausen! Lieber führt man den Windhund Gassi oder geht danach schick essen. Jedes dritte Haus scheint hier Gastronomie zu beherbergen. Allein Bars gibt es im Fünf-Minuten-Radius vier. Mauro’s Negroni-Club, Maria Passagne, die Negroni Bar und natürlich Emanueles Barroom in der Milchstraße 17. Denn auch wenn sich heute Barroom-Fans die Taxifahrt vom Starnberger See und zurück leisten, um hier zu sein: Das Gros der Gäste kommt aus der Nachbarschaft.

Das schwäbische Marketing-Konzept

Die 36 Quadratmeter große Bar, WC schon mitgerechnet, ist sein Mikrokosmos. „Wenn einer was sieht, das lecker aussieht, bestellt er das eben auch.“ So einfach ist das in Münchens kleinster Bar. Am zufriedensten mit einem Abend ist Ingusci, „wenn aus den Puzzleteilen – Gäste, Drinks, Musik, Gesprächen – am Ende ein schönes Bild wird.“ Keine schlechte Metapher für den Beruf, den er seit 25 Jahren ausübt.

In der Nähe von Lecce geboren, kommt Emanuele mit 15 Jahren aus Apulien nach Deutschland. Und der Restaurant-Fachmann lernt im Schwäbischen gleich eine erste Lektion: „Chefin“, fragt die Jungkraft eines Tages die in siebenter Generation im Gasthof schaffende Besitzerin, „warum machen wir nie Werbung?” „Brauchen wir nicht, unsere Werbung sind die Gäste.“ Schwäbischer Nachsatz: „Und das kostet auch nichts.“ Bis heute ist der Barroom wenig medial präsent. Wenn wie letztens die „AZ“ eine Eloge auf das Lokal druckt, ohne mit ihm gesprochen zu haben, verstört das seinen Besitzer eher.

Groß geworden ist Ingusci „als echter Bartender der 1990er“. Caipis, Long Island Ice Teas und Swimming Pools serviert Emanuele knapp drei Jahre in Berlin, aber auch auf der „MS Europa“ heuert er später an. Die zweimalige Tour rund um den Globus brachte „großartige Erfahrungen“. Die unglaublichste Geschichte aber führt zurück nach Haidhausen. Wie die Bar ihn gefunden hat, nennt Emanuele bis heute „einigermaßen paradox“.

Eine Bar sucht sich ihren Chef

In das ihm völlig unbekannte Viertel Haidhausen kam der damalige Hotelbarkeeper im Februar 2008 nur, weil er zum Brunch eingeladen war. Eine Tram-Station zu früh ausgestiegen, lief der Frühstücker an einem „Zu vermieten“-Schild vorbei. Das freistehende Häuschen, davor eher als Kaschemme berüchtigt im Wohnviertel, spricht ihn spontan an; trotz Sonntag-Nachmittag ruft Ingusci den Vermieter an. Dienstag darauf wird man handelseins.

Doch die Pointe kommt noch: Stolz ruft Emanuele danach seinen Mentor Sigi Zeitträger in Berlin an: Ich mache mich selbständig in München! Erst nach fünf Minuten Lagebeschreibung kommt sein Lehrmeister in Sachen „Gentleman sein“ drauf, dass er „das kleine Häuschen mit drei Stufen“ (© Zeitträger) 1966 selbst als Bar geführt hat. Die Konzessionsbestätigung bringt der Vorgänger bei seinem ersten Besuch mit. Es ist eine Art Bescheinigung dafür, dass sich alles richtig anfühlt für Ingusci – und es bis heute tut. „Ich mache es, so lange ich Lust habe“, blickt Emanuele in die Zukunft.

Seit dem Vorjahr gönnt er sich am Wochenende, wenn die Schlange vor dem Barroom schon umgeleitet werden muss, einen dritten Mann. Ansonsten steht er selbst an einer der zwei Mixstationen, wenn er nicht für Disaronno unterwegs ist. Direkt aus Italien kam die Anfrage, ob der Mann aus Apulien nicht der deutsche Brand Ambassador sein möchte. Emanuele, für den rare Liköre (wie der Ferro-China von Bisleri) bis heute eine Erinnerung aus der Jugend und neben Rum auch eine Spezialität in seiner Bar sind, wollte.

Schreib mir mal aus der Bar!

„Wir sind alle Gastgeber“, erklärt Emanuele, der seine Sicht der Dinge auch in der Hotelfachschule Heidelberg weitergibt. Den Unterschied mache nur, wie man diese Rolle dem Gast gegenüber erfüllt. „Da zählen vor allem die Kleinigkeiten und Respekt.“ Eine dieser Kleinigkeiten stellt die Postkarten-Edition der Milchstraßen-Bar dar. Das entschleunigte, aber intime Medium passt gut zur Philosophie Inguscis. ,,Wir übernehmen das Porto für unsere Gäste und verschicken die in alle Welt.”

Nicht alles kann man lernen. Auch privat (so Ingusci über Ingusci) „bin ich einer, der gerne etwas gibt.“ Achtsamkeit ende schließlich nicht an der Bartür: “Es ist schon eine generelle Frage, wie wir alle miteinander umgehen.“ Insofern gibt es zwar eine kleine Karte in der Milchstraße 17, aber die Drinks entstehen fast immer im Dialog mit dem Gast. Routine sei schließlich langweilig für beide Seiten des Tresens, meint der Vater zweier Söhne, der selbst zwischen seiner 125er Vespa und einer Harley wechselt, wenn er durch München cruist.

Selbsternannte Rock-Stars nerven

Respekt schreibt man in Emanueles Welt noch mit K statt mit C, wie es mitunter zur „Hey, Bro!“-Attitüde selbsternannter Rockstars gehört. Sie sind das einzige, das der ausgeglichene Milchstraßen-Bewohner als negativ empfindet in der Szene. Er selbst hat sich den Respekt erst erarbeiten müssen. Das prägt. „Als ich hierher kam, kannte man weder mich noch mein Konzept.“ Vier Wochen dauerte es bis zum ersten Umsatz (ein 50er, weiß Ingusci noch heute), zwei Jahre bis zur Akzeptanz als Neighbourhood-Bar.

„Hartes Brot“, meint der Gastgeber des Jahres 2016 zu den Anfängen. Vor allem seine Rum-Leidenschaft erforderte durchaus didaktischen Eifer (“Kann man das auch pur trinken?”). Doch das ist 2016 Geschichte. Um bei Emanueles Astro-Vergleich zu bleiben: Der „Mikrokosmos“ an der Münchener Milchstraße dürfte in Wahrheit ein Fixstern sein.

Credits

Foto: Foto via Roland Graf.

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